Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen

Die in der Abga­ben­ord­nung fest­ge­leg­te Höhe von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen begeg­net nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken:

Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen

Pau­scha­lie­rung zuläs­sig

Nach dem Nicht­an­nah­me­be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Ver­zin­sung gem. § 233a AO 1 durf­te der Gesetz­ge­ber im Inter­es­se der Prak­ti­ka­bi­li­tät und der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung den aus­zu­glei­chen­den Zins­vor­teil und ‑nach­teil typi­sie­rend auf 0,5 % pro Monat fest­set­zen. Dies ist rechts­staat­lich unbe­denk­lich und stellt ins­be­son­de­re kei­nen Ver­stoß gegen das aus dem Rechts­staats­prin­zip fol­gen­de Über­maß­ver­bot dar. Nach der Absicht des Gesetz­ge­bers soll der kon­kre­te Zins­vor­teil oder ‑nach­teil für den Ein­zel­fall nicht ermit­telt wer­den müs­sen. Eine Anpas­sung an den jewei­li­gen Markt­zins­satz oder an den Basis­zins­satz nach § 247 BGB wür­de wegen des­sen Schwan­kun­gen auch zu erheb­li­chen prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten füh­ren, da im ein­zel­nen für die Ver­gan­gen­heit fest­ge­stellt wer­den müss­te, wel­che Zins­sät­ze für den jewei­li­gen Zins­zeit­raum zugrun­de zu legen wären 2. In vie­len Fäl­len ist eine sol­che Ermitt­lung gar nicht mög­lich, weil es von sub­jek­ti­ven Ent­schei­dun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen abhängt, in wel­cher Wei­se er Steu­er­nach­zah­lun­gen finan­ziert oder das noch nicht zu Steu­er­zah­lun­gen benö­tig­te Kapi­tal ver­wen­det. Zudem ist auch bei der Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung zu berück­sich­ti­gen, dass der hohe Zins­satz des § 233a in Ver­bin­dung mit § 238 AO glei­cher­ma­ßen zuguns­ten wie zulas­ten des Steu­er­pflich­ti­gen wirkt.

Die­se zu § 233a AO ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be sind auch auf die Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen zu über­tra­gen, wobei das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg nicht ver­kennt, dass hier eine Zins­fest­set­zung zu Guns­ten des Steu­er­pflich­ti­gen nicht in Betracht kom­men kann.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs dient die Fest­set­zung der Hin­ter­zie­hungs­zin­sen aber in glei­cher Wei­se wie die Ver­zin­sung gem. § 233a AO der Gleich­mä­ßig­keit der Besteue­rung. Sie soll den Vor­teil aus­glei­chen, der in der ver­spä­te­ten Zah­lung der hin­ter­zo­ge­nen Steu­ern liegt. Kei­nes­falls hat die Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen Straf­cha­rak­ter. Der Vor­teil wird dabei in typi­sie­ren­der Wei­se bemes­sen. Auf­grund des­sen ist auch bei der Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen die Beru­fung dar­auf, dass tat­säch­lich kein ent­spre­chen­der Liqui­di­täts­vor­teil erzielt wur­de, aus­ge­schlos­sen 3.

Hin­ter­zie­hungs­zin­sen auch bei über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er

Nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg ist bei der Zins­fest­set­zung eine lan­ge Ver­fah­rens­dau­er auch aus Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) nicht zu berück­sich­ti­gen.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in stän­di­ger Recht­spre­chung klar­ge­stellt 4, dass

  • bei der Ent­ste­hung des Zins­an­spruchs dem Grun­de und der Höhe nach die Ursa­chen und Begleit­um­stän­de im Ein­zel­fall uner­heb­lich sind,
  • die rei­ne Mög­lich­keit der Kapi­tal­nut­zung bzw. die blo­ße Ver­füg­bar­keit des Kapi­tal­be­trags aus­reicht,
  • die Recht­fer­ti­gung für die Ent­ste­hung einer sol­chen steu­er­li­chen Neben­leis­tung nicht nur im abs­trak­ten Zins­vor­teil des Steu­er­schuld­ners, son­dern auch in einem eben­sol­chen Nach­teil des Steu­er­gläu­bi­gers zu sehen ist sowie
  • ein Ver­schul­den des Steu­er­schuld­ners oder des Steu­er­gläu­bi­gers prin­zi­pi­ell unbe­acht­lich ist.

Abge­se­hen von den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ist eine im Hin­blick auf einen lan­gen Ver­zin­sungs­zeit­raum auf Treu und Glau­ben gestütz­te Argu­men­ta­ti­on gera­de gegen­über einer Fest­set­zung von Hin­ter­zie­hungs­zin­sen schon des­halb wenig über­zeu­gend, weil der Zins­schuld­ner die spä­te Fest­set­zung der rich­ti­gen Steu­er durch unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Erklä­run­gen erst ver­ur­sacht hat.

Kei­ne Ent­schei­dung über Erlass aus Bil­lig­keits­grün­den

Über einen Erlass der Hin­ter­zie­hungs­zin­sen aus Bil­lig­keits­grün­den (§ 227 AO) kann nicht in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren betref­fend die Fest­set­zung der Hin­ter­zie­hungs­zin­sen ent­schie­den wer­den 5.

Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 10. März 2010 – 11 K 62/​10

  1. BVerfG Beschluss vom 03.09.2009 – 1 BvR 2539/​07, BFH/​NV 2009, 2115[]
  2. vgl. BT-Drs. 8/​1410, 13[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 01.08.2001 – II R 48/​00, BFH/​NV 2002, 155, unter Bezug­nah­me auf das zu § 233a AO ergan­ge­ne BFH-Urteil vom 20.09.1995 – X R 86/​94, BFHE 178, 555, BSt­Bl II 1996, 53[]
  4. vgl. zusam­men­fas­send BFH, Beschluss vom 30.10.2001 – X B 147/​01, BFH/​NV 2002, 505; die hier­ge­gen erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat das BVerfG gemäß §§ 93a, 93b BVerfGG nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men: BVerfG, Beschluss vom 21.01.2005 – 2 BvR 10/​02; vgl. auch BFH, Beschluss vom 31.01.2008 – VIII B 253/​05, BFH/​NV 2008, 740[]
  5. vgl. BFH, Urteil vom 08.09.1993 – I R 30/​93, BFHE 172, 304, BSt­Bl II 1994, 81; BFH, Beschluss vom 03.05.2000 – II B 124/​99, BFH/​NV 2000, 1441[]