Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei Baga­tel­len

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt war jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de erfolg­reich, die sich dage­gen wand­te, dass in einem sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und die Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts mit der Begrün­dung ver­sagt wur­de, die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung der Ange­le­gen­heit lie­ge im Baga­tell­be­reich 1.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei Baga­tel­len

Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­grund­satz, der in Art. 20 Abs. 3 GG all­ge­mein nie­der­ge­legt ist und für den Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt in Art. 19 Abs. 4 GG sei­nen beson­de­ren Aus­druck fin­det, gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes 2. Mit dem Insti­tut der Pro­zess­kos­ten­hil­fe ermög­licht der Gesetz­ge­ber auch Unbe­mit­tel­ten einen weit­ge­hend glei­chen Zugang zu den Gerich­ten.

Zwar ist das Ver­fah­ren vor den Sozi­al­ge­rich­ten ohne Anwalts­zwang und gerichts­kos­ten­frei aus­ge­stal­tet. Die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ist hier jedoch inso­fern von Bedeu­tung, als der Unbe­mit­tel­te durch die Bei­ord­nung des Rechts­an­walts und des­sen Befrie­di­gung durch die Staats­kas­se von des­sen Ver­gü­tungs­an­sprü­chen frei­ge­stellt wird 3. Dem Unbe­mit­tel­ten ist daher gemäß § 73a Abs. 1 Satz 1 SGG in Ver­bin­dung mit § 121 Abs. 2 Alt. 1 ZPO auf sei­nen Antrag ein Rechts­an­walt dann bei­zu­ord­nen, wenn die Ver­tre­tung durch einen Rechts­an­walt erfor­der­lich erscheint.

Den Rechts­be­griff der Erfor­der­lich­keit, des­sen Aus­le­gung und Anwen­dung in ers­ter Linie den Fach­ge­rich­ten obliegt, haben Sozi­al­ge­richt und Lan­des­so­zi­al­ge­richt in einer Wei­se aus­ge­legt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der in Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG ver­bürg­ten Rechts­schutz­gleich­heit beruht 4.

Die Erfor­der­lich­keit im Sin­ne des § 121 Abs. 2 ZPO beur­teilt sich nach dem Umfang und der Schwie­rig­keit der Sache sowie nach der Fähig­keit des Betei­lig­ten, sich münd­lich und schrift­lich aus­zu­drü­cken 5. Ent­schei­dend ist, ob ein Bemit­tel­ter in der Lage des Unbe­mit­tel­ten ver­nünf­ti­ger­wei­se einen Rechts­an­walt mit der Wahr­neh­mung sei­ner Inter­es­sen beauf­tragt hät­te. Davon ist regel­mä­ßig dann aus­zu­ge­hen, wenn im Kennt­nis­stand und in den Fähig­kei­ten der Pro­zess­par­tei­en ein deut­li­ches Ungleich­ge­wicht besteht 6.

Die­se Maß­stä­be stel­len das Sozi­al­ge­richt und das Lan­des­so­zi­al­ge­richt durch mit­tel­ba­re und unmit­tel­ba­re Bezug­nah­me auf Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu die­sem The­men­kom­plex ihren Beschlüs­sen zwar vor­an. Sie tra­gen ihnen jedoch nach­fol­gend nicht hin­rei­chend Rech­nung. Bei­de Gerich­te redu­zie­ren die Fra­ge, ob die Ver­tre­tung durch einen Rechts­an­walt erfor­der­lich erscheint, auf eine aus­schließ­li­che Beur­tei­lung des Ver­hält­nis­ses von Streit­wert und Kos­ten­ri­si­ko. Bei­de las­sen dabei außer Betracht, dass Bewer­tungs­maß­stab für die Fra­ge der Bei­ord­nung eines Rechts­an­walts vor­nehm­lich ist, ob die beson­de­ren per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se dazu füh­ren, dass der Grund­satz der Waf­fen­gleich­heit zwi­schen den Par­tei­en ver­letzt ist 7. Im Übri­gen erscheint es kei­nes­falls fern­lie­gend, dass ein Bemit­tel­ter auch ver­hält­nis­mä­ßig hohe Rechts­an­walts­kos­ten nicht scheut, wenn er mit einem Obsie­gen und der Erstat­tung sei­ner Auf­wen­dun­gen rech­net.

Die Aus­füh­run­gen der Gerich­te recht­fer­ti­gen auch nicht den Schluss, dass hin­sicht­lich Kennt­nis­stand und Fähig­kei­ten der Pro­zess­par­tei­en kein Ungleich­ge­wicht besteht. Zu berück­sich­ti­gen ist näm­lich, dass dem Beschwer­de­füh­rer rechts­kun­di­ge und pro­zesserfah­re­ne Ver­tre­ter einer Behör­de gegen­über­ste­hen 8. In einem sol­chen Fall wird ein ver­nünf­ti­ger Recht­su­chen­der regel­mä­ßig einen Rechts­an­walt ein­schal­ten, wenn er nicht aus­nahms­wei­se selbst über aus­rei­chen­de Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten ver­fügt, um das Ver­fah­ren in jedem Sta­di­um durch sach­dien­li­chen Vor­trag und Anträ­ge effek­tiv för­dern zu kön­nen 8. Fer­ner gibt es kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass recht­li­che Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten im vor­lie­gen­den Fall aus­nahms­wei­se kei­ne Rele­vanz haben.

Der Hin­weis des Sozi­al­ge­richts auf den Amts­er­mitt­lungs­grund­satz (§ 103 SGG) recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Die Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­pflicht des Rechts­an­walts geht über die Reich­wei­te der Amts­er­mitt­lungs­pflicht des Rich­ters hin­aus. Ins­be­son­de­re kann der Anwalt ver­pflich­tet sein, auch sol­che tat­säch­li­chen Ermitt­lun­gen anzu­re­gen und zu för­dern, die für den Rich­ter auf­grund des Betei­lig­ten­vor­brin­gens nicht ver­an­lasst sind. Allein durch den Amts­er­mitt­lungs­grund­satz wird daher die Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes nicht ange­gli­chen 9.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 24. März 2011 – 1 BvR 1737/​10

  1. LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Beschluss vom 10.06.2010 – L 5 AS 610/​10 B PKH[]
  2. vgl. BVerfGE 81, 347, 356; BVerfG, Beschluss vom 14.10.2008 – 1 BvR 2310/​06, NJW 2009, 209, 210[]
  3. vgl. § 59 Abs. 1 Satz 1 RVG[]
  4. vgl. BVerfGE 81, 347, 358 m.w.N.; BVerfG, Beschluss vom 22.06.2007 – 1 BvR 681/​07, NJW-RR 2007, 1713 f.[]
  5. vgl. BVerfGE 63, 380, 394[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.02.1997 – 1 BvR 1440/​96, NJW 1997, S. 2103 f.; Beschluss vom 22.06.2007 – 1 BvR 681/​07, NJW-RR 2007, 1713 f.; BVerfG, Beschluss vom 06.05.2009 – 1 BvR 439/​08[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 22.06.2007 – 1 BvR 681/​07, NJW-RR 2007, 1713, 1714[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.05.2009 – 1 BvR 439/​08[][]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 18.12.2001 – 1 BvR 391/​01, NZS 2002, 420; BVerfG, Beschluss vom 22.06.2007 – 1 BvR 681/​07, NJW-RR 2007, 1713, 1714[]