Air Ber­lin – und die Kün­di­gung des Cock­pit-Per­so­nals

Nach § 17 Abs. 1 KSchG muss der Arbeit­ge­ber der Agen­tur für Arbeit eine sog. Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge erstat­ten, bevor er in einem Betrieb eine bestimm­te Anzahl von Arbeit­neh­mern inner­halb von 30 Kalen­der­ta­gen ent­lässt. Damit hat der deut­sche Gesetz­ge­ber die uni­ons­recht­li­che Ver­pflich­tung aus Art. 3 der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie 98/​59/​EG (MERL) umge­setzt.

Air Ber­lin – und die Kün­di­gung des Cock­pit-Per­so­nals

Auch bei der Kün­di­gun­gen des Cock­pit-Per­so­nals der insol­ven­ten Flug­ge­sell­schaft Air Ber­lin bestand eine sol­che Anzei­ge­pflicht. Bei der Anzei­ge ist jedoch der für § 17 KSchG maß­geb­li­che Betriebs­be­griff der MERL ver­kannt und des­we­gen die Anzei­ge nicht für den rich­ti­gen Betrieb erstat­tet wor­den. Das hat­te zur Fol­ge, dass die Anzei­ge bei einer ört­lich unzu­stän­di­gen Agen­tur für Arbeit erfolg­te und nicht die erfor­der­li­chen Anga­ben ent­hielt. Dies bewirkt die Unwirk­sam­keit der betrof­fe­nen Kün­di­gun­gen.

Air Ber­lin unter­hielt an meh­re­ren Flug­hä­fen sog. Sta­tio­nen. Die­sen war Per­so­nal für die Berei­che Boden, Kabi­ne und Cock­pit zuge­ord­net. Der Arbeit­neh­mer war bei Air Ber­lin als Pilot mit Ein­satz­ort Düs­sel­dorf beschäf­tigt. Sein Arbeits­ver­hält­nis wur­de nach der am 1.11.2017 erfolg­ten Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens in Eigen­ver­wal­tung wie das aller ande­ren Pilo­ten wegen Still­le­gung des Flug­be­triebs Ende Novem­ber 2017 gekün­digt. Air Ber­lin erstat­te­te die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für den ange­nom­me­nen "Betrieb Cock­pit" und damit bezo­gen auf das bun­des­weit beschäf­tig­te Cock­pit-Per­so­nal. Die­ses Betriebs­ver­ständ­nis beruh­te auf den bei Air Ber­lin tarif­ver­trag­lich getrennt orga­ni­sier­ten Ver­tre­tun­gen für das Boden, Kabi­nen- und Cock­pit-Per­so­nal (vgl. § 117 Abs. 2 BetrVG). Die Anzei­ge erfolg­te wegen der zen­tra­len Steue­rung des Flug­be­triebs bei der für den Sitz der Air Ber­lin zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit Ber­lin-Nord. Der hier kla­gen­de Arbeit­neh­mer hat die Still­le­gungs­ent­schei­dung bestrit­ten. Der Flug­be­trieb wer­de durch ande­re Flug­ge­sell­schaf­ten (teil­wei­se) fort­ge­führt. Die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge sei feh­ler­haft.

In den Vor­in­stan­zen haben das Arbeits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf sei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abge­wie­sen 1. Die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des Arbeit­neh­mers hat­te nun vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt Erfolg:

Nach dem uni­ons­recht­lich deter­mi­nier­ten Betriebs­be­griff des § 17 Abs. 1 KSchG han­del­te es sich bei den Sta­tio­nen der Air Ber­lin um Betrie­be im Sin­ne die­ser Norm. Folg­lich hät­te die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für die der Sta­ti­on Düs­sel­dorf zuge­ord­ne­ten Pilo­ten bei der dafür zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit in Düs­sel­dorf erfol­gen müs­sen. Dort tra­ten bei typi­sie­ren­der Betrach­tung die Aus­wir­kun­gen der Mas­sen­ent­las­sung auf, denen durch eine früh­zei­ti­ge Ein­schal­tung der zustän­di­gen Agen­tur für Arbeit ent­ge­gen getre­ten wer­den soll. Die Anzei­ge hät­te sich zudem nicht auf Anga­ben zum Cock­pit-Per­so­nal beschrän­ken dür­fen. Die nach § 17 Abs. 3 Satz 4 KSchG zwin­gend erfor­der­li­chen Anga­ben hät­ten viel­mehr auch das der Sta­ti­on zuge­ord­ne­te Boden- und Kabi­nen-Per­so­nal erfas­sen müs­sen. Für den Betriebs­be­griff der MERL ist ohne Belang, dass die­se Beschäf­tig­ten­grup­pen kol­lek­tiv­recht­lich in ande­re Ver­tre­tungs­struk­tu­ren ein­ge­bet­tet waren.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat­te auf­grund der Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung nach § 17 Abs. 1 KSchG, § 134 BGB nicht dar­über zu ent­schei­den, ob ein Betriebs(teil-)übergang auf eine ande­re Flug­ge­sell­schaft statt­ge­fun­den hat.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 13. Febru­ar 2020 – 6 AZR 146/​19

  1. LAG Düs­sel­dorf, 08.01.2019 – 3 Sa 338/​18[]