Betriebs­rat – und sei­ne gegen­warts- und zukunfts­be­zo­ge­nen Über­wa­chungs­auf­ga­ben

Nach § 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG hat der Betriebs­rat ua. dar­über zu wachen, dass die zuguns­ten der Arbeit­neh­mer gel­ten­den Betriebs­ver­ein­ba­run­gen durch­ge­führt wer­den 1.

Betriebs­rat – und sei­ne gegen­warts- und zukunfts­be­zo­ge­nen Über­wa­chungs­auf­ga­ben

Die Über­wa­chungs­auf­ga­be ist vor­ran­gig gegen­warts- und zukunfts­be­zo­gen, um den Arbeit­ge­ber ggf. zu künf­ti­ger Rechts­be­fol­gung anzu­hal­ten. Nur wenn sich aus Aus­künf­ten über bestimm­te Ver­hal­tens­wei­sen des Arbeit­ge­bers in der Ver­gan­gen­heit Rück­schlüs­se für sein der­zei­ti­ges und künf­ti­ges Ver­hal­ten zie­hen las­sen kön­nen, ist der ver­gan­gen­heits­ge­rich­te­te Anspruch begrün­det. Die rück­wär­ti­ge zeit­li­che Gren­ze liegt aber dort, wo der Betriebs­rat aus den gewünsch­ten Infor­ma­tio­nen für sein Han­deln kei­ne sach­ge­rech­ten Fol­ge­run­gen mehr zie­hen könn­te 2.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt muss vor­lie­gend nicht abschlie­ßend dar­über befin­den, ob dem Betriebs­rat im Rah­men sei­ner Über­wa­chungs­auf­ga­be nach § 80 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG ein Aus­kunfts­an­spruch oder ein Ein­sichts­recht in dem in den Haupt- und Hilfs­an­trä­gen beschrie­be­nen Umfang zukommt. Die Aus­kunfts- und Ein­sichts­ver­lan­gen des Betriebs­rats bezie­hen sich nicht mehr auf die Durch­füh­rung einer im Betrieb noch gel­ten­den Gesamt­be­triebs­ver­ein­ba­rung oder einer Kon­zern­be­triebs­ver­ein­ba­rung. Die KBV PBC wur­de zuletzt für die Ziel­ver­ein­ba­run­gen des Jah­res 2014 ange­wen­det (§ 13 Abs. 2 GBV PBC). Die GBV PBC wur­de durch die am 2.03.2017 in Kraft getre­te­ne GBV CP nach deren Nr. 10 Absatz 1 abge­löst. Die­se ist seit­her die maß­ge­ben­de Betriebs­ver­ein­ba­rung, deren Durch­füh­rung der Betriebs­rat zu über­wa­chen hat. Auf die­se sind die Aus­kunfts- und Ein­sichts­be­geh­ren des Betriebs­rats jedoch nicht gerichtet.Die Anträ­ge sind auch nicht des­halb begrün­det, weil sowohl in der KBV PBC und der GBV PBC einer­seits und der GBV CP ande­rer­seits Vor­ga­ben für Ziel­ver­ein­ba­run­gen sowie für die Anpas­sung von Zie­len ent­hal­ten sind. Aus den begehr­ten Infor­ma­tio­nen kön­nen kei­ne Fol­ge­run­gen für eine gegen­wär­ti­ge und zukünf­ti­ge Über­wa­chungs­auf­ga­be bezo­gen auf die nach der GBV CP ver­ein­bar­ten oder fest­ge­leg­ten Zie­le gezo­gen wer­den.

Nach der GBV PBC – deren Zie­le auf die Defi­ni­ti­on und Ver­ein­ba­rung indi­vi­du­el­ler Bei­trä­ge der Arbeit­neh­mer, eine auf­ga­ben­ori­en­tier­te För­de­rung und Ent­wick­lung sowie eine leis­tungs­ori­en­tier­te Beför­de­rung gerich­tet sind (Nr. 1 Abs. 2 GBV PBC) – umfasst der PB- C‑Prozess die gemein­sa­me Ver­ein­ba­rung indi­vi­du­el­ler Arbeits­zie­le (Nr. 5.1 Unter­strich 3 GBV PBC) des Mit­ar­bei­ters (Nr. 3 Unter­strich 1 GBV PBC). Sie glie­dern sich in drei Berei­che – Geschäfts­zie­le, Zie­le zur Mit­ar­bei­ter­füh­rung und Ent­wick­lungs­ak­ti­vi­tä­ten, wobei für ers­te­re maxi­mal zehn Zie­le, für das wei­te­re zwei bis maxi­mal vier Zie­le sowie für die Ent­wick­lungs­ak­ti­vi­tä­ten bis zu zwei Maß­nah­men ver­ein­bart wer­den kön­nen (Nr. 5.2 Abs. 1 GBV PBC). Dabei wer­den nach Nr. 5.3 Abs. 1 GBV PBC die PB- C‑Ziele von der Füh­rungs­kraft aus ihrem Ver­ant­wor­tungs­be­reich "aus den Zie­len der ihnen vor­ge­schal­te­ten Orga­ni­sa­ti­ons­ebe­ne" abge­lei­tet. Die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen der KBV PBC sind weit­ge­hend inhalts­gleich.

Anders als der Betriebs­rat in der Rechts­be­schwer­de­instanz vor­ge­tra­gen hat, sind die Rege­lun­gen der GBV CP über die zu ver­ein­ba­ren­den Zie­le und deren Anpas­sung nicht "im Wesent­li­chen iden­tisch". Dies steht der Annah­me ent­ge­gen, es sei­en Schlüs­se für die Durch­füh­rung der GBV CP mög­lich.

Bereits das mit der GBV CP ver­folg­te Rege­lungs­ziel "der mehr­di­men­sio­na­len Bewer­tung der indi­vi­du­el­len Leis­tun­gen" der Arbeit­neh­mer und die "Aus­wahl von Indi­ka­to­ren, die Hin­wei­se für die Kar­rie­re­ent­wick­lung" des Arbeit­neh­mers geben kön­nen (Nr. 1 Unter­strich 3 GBV CP) – ohne aus­drück­lich die "leis­tungs­ori­en­tier­te Beför­de­rung" wie in Nr. 1 Abs. 2 Unter­strich 3 GBV PBC zu nen­nen – weicht von denen der GBV PBC und KBV PBC ab. Wei­ter­hin wird die Zahl der "akti­ven Zie­le" wäh­rend des Bewer­tungs­zeit­raums erheb­lich ein­ge­schränkt. Die Ziel­ver­ein­ba­rung soll durch­ge­hend nur drei bis maxi­mal fünf akti­ve Zie­le ent­hal­ten (Nr. 4.1 Abs. 2 GBV CP). Zudem kön­nen die Zie­le sowohl indi­vi­du­ell als auch – anders als nach der GBV PBC – "aus Team­zie­len her­aus ent­ste­hen" (Nr. 4.2 Abs. 1 Unter­strich 1 Unter­abs. 1 GBV CP). Abwei­chend von den Vor­gän­ger­re­ge­lun­gen wer­den nur noch die Team­zie­le von der Füh­rungs­kraft aus den Zie­len der vor­ge­schal­te­ten Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit abge­lei­tet (Nr. 4.2 Abs. 1 Unter­strich 1 Unter­abs. 3 GBV CP). Zudem müs­sen sich die Zie­le nicht mehr an den in der GBV PBC und der KBV PBC genann­ten drei Berei­chen ori­en­tie­ren. Maß­stab ist viel­mehr, dass "ein Bezug zu einer oder meh­re­ren der 5 Dimen­sio­nen" nach Nr. 6.1 Abs. 2 GBV CP – Geschäfts­er­folg, Erfolg des Kun­den, Inno­va­ti­on, Ver­ant­wor­tung gegen­über Ande­ren, Fer­tig­kei­ten – besteht. Ein­zel­zie­le sind nun­mehr so for­mu­liert, dass in der Regel eine Bewer­tung in meh­re­ren der genann­ten fünf Dimen­sio­nen ermög­licht wird (Nr. 4.2 Abs. 1 Unter­strich 2 GBV CP). Schließ­lich sind die Bewer­tungs­stu­fen von bis­her fünf (Nr. 7.2 Abs. 1 GBV PBC) auf drei redu­ziert wor­den (Nr. 6.1 Abs. 4 GBV CP) und es fin­det statt der vor­he­ri­gen umfas­sen­den Leis­tungs­be­wer­tung mit einer Ein­stu­fung der Gesamt­leis­tung (Nr. 7.1 Abs. 1, Nr. 7.2 Abs. 1 GBV PBC) kei­ne "kumu­lier­te Gesamt­be­wer­tung" mehr statt (Nr. 6.1 Abs. 3 GBV CP).

Der Betriebs­rat kann für sei­ne Aus­kunfts- und Ein­sichts­ver­lan­gen nicht anfüh­ren, anhand der begehr­ten Infor­ma­tio­nen kön­ne er prü­fen, ob "die vom Gesamt­be­triebs­rat gewähl­ten For­mu­lie­run­gen [in der GBV CP] sinn­voll gewählt wur­den und ob durch die weni­gen geän­der­ten For­mu­lie­run­gen in der GBV Check­point Ver­stö­ße gegen die Vor­ga­ben zur Ziel­ver­ein­ba­rung redu­ziert wur­den". Die­ses Infor­ma­ti­ons­be­geh­ren ist nicht auf eine Über­wa­chung der bestehen­den GBV CP gerich­tet. Viel­mehr han­delt es sich um eine in der Rechts­be­schwer­de­instanz unzu­läs­si­ge Antrags­än­de­rung, weil ein ande­rer, bis­her nicht vor­ge­tra­ge­ner Lebens­sach­ver­halt – die Über­prü­fung einer sach­ge­rech­ten For­mu­lie­rung der Rege­lun­gen in der GBV CP, zur Anspruchs­be­grün­dung her­an­ge­zo­gen wird.

Die Anträ­ge sind aus den vor­ge­nann­ten Grün­den gleich­falls unbe­grün­det, soweit der Betriebs­rat für die von ihm ange­führ­te Über­wa­chungs­auf­ga­be bei Durch­füh­rung der GBV PBC und der KBV PBC nach § 80 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BetrVG auf die Ein­hal­tung des arbeits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes abstellt 3 und das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz als Auf­ga­be iSd. § 80 Abs. 2 Satz 1 BetrVG für sei­ne Ansprü­che her­an­zieht.

Die gel­tend gemach­ten Ansprü­che sind nicht im Hin­blick auf die vom Betriebs­rat ange­führ­ten Auf­ga­ben nach § 80 Abs. 1 Nr. 8 und 9 BetrVG begrün­det. Es fehlt an der erfor­der­li­chen Dar­le­gung, für wel­che kon­kre­ten För­de­rungs- und Siche­rungs­maß­nah­men er die Aus­künf­te benö­tigt. Ein all­ge­mein gehal­te­ner Hin­weis auf die gesetz­li­chen Auf­ga­ben nach den bei­den Bestim­mun­gen unter Wie­der­ho­lung des Geset­zes­wort­lauts ist ersicht­lich unzu­rei­chend 4.

Den Anträ­gen des Betriebs­rats ist wei­ter­hin nicht auf Grund­la­ge des § 80 Abs. 2 Satz 1 BetrVG statt­zu­ge­ben, weil als wahr­zu­neh­men­de Auf­ga­be ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG für Rege­lun­gen des Gesund­heits­schut­zes bei Durch­füh­rung der GBV PBC in Betracht kommt. Das ist nicht der Fall.

Der Betriebs­rat ver­weist zwar zutref­fend dar­auf, dass ihm dem Grun­de nach ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG bei betrieb­li­chen Rege­lun­gen zum Gesund­heits­schutz zukommt, die gesetz­li­che Rah­men­vor­schrif­ten kon­kre­ti­sie­ren 5.

Ein Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 BetrVG ent­fällt bereits des­halb, weil die GBV PBC im März 2017 durch die GBV CP abge­löst wur­de. Rege­lun­gen des Gesund­heits­schut­zes zur Durch­füh­rung der GBV PBC und ein damit ver­bun­de­nes Mit­be­stim­mungs­recht des Betriebs­rats schei­den daher aus. Dar­über hin­aus bleibt nach dem Vor­brin­gen des Betriebs­rats offen, hin­sicht­lich wel­cher gesetz­li­chen und zu kon­kre­ti­sie­ren­den Rah­men­vor­schrift er ein ihm zuste­hen­des Mit­be­stim­mungs­recht aus­üben will. Er führt ledig­lich pau­schal die "§§ 3 ff. Arb­SchG" an, mit dem Ziel, nicht näher beschrie­be­nen "psy­chi­sche Bean­spru­chun­gen" durch die "PB- C‑Ziele" ent­ge­gen­wir­ken zu wol­len. Soweit sich der Betriebs­rat auf § 3 Abs. 1 Satz 1 Arb­SchG bezie­hen soll­te, über­sieht er zudem, dass des­sen Anwen­dung zumin­dest das Vor­lie­gen von Gefähr­dun­gen ver­langt, die ent­we­der fest­ste­hen oder im Rah­men einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung fest­zu­stel­len sind. Erst in einem sol­chen Fall lösen sie eine kon­kre­te gesetz­li­che Hand­lungs­pflicht des Arbeit­ge­bers aus, deren Umset­zung einer Mit­wir­kung des Betriebs­rats bedarf 6. Weder ste­hen Gefähr­dun­gen zwi­schen Betriebs­rat und Arbeit­ge­be­rin fest 7 noch sind sie auf­grund einer Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach § 5 Arb­SchG fest­ge­stellt wor­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 24. April 2018 – 1 ABR 55/​16

  1. BAG 20.12 1988 – 1 ABR 63/​87, zu B II 1 a der Grün­de, BAGE 60, 311[]
  2. BAG 21.10.2003 – 1 ABR 39/​02, zu B II 3 b bb (3) der Grün­de, BAGE 108, 132[]
  3. dazu BAG 30.09.2008 – 1 ABR 54/​07, Rn. 33, 41, BAGE 128, 92[]
  4. vgl. BAG 17.09.2013 – 1 ABR 26/​12, Rn. 16[]
  5. vgl. BAG 28.03.2017 – 1 ABR 25/​15, Rn. 18 mwN, BAGE 159, 12[]
  6. BAG 28.03.2017 – 1 ABR 25/​15, Rn.20 ff. mwN, BAGE 159, 12[]
  7. vgl. BAG 18.06.2017 – 1 ABR 59/​15, Rn. 16 f., BAGE 159, 360[]