Fach­li­cher Gel­tungs­be­reich eines Tarif­ver­tra­ges

Wird der fach­li­che Gel­tungs­be­reich eines Tarif­ver­tra­ges über Wirt­schafts­zwei­ge bestimmt, so kann auf die Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts zurück­ge­grif­fen wer­den.

Fach­li­cher Gel­tungs­be­reich eines Tarif­ver­tra­ges

Die Her­stel­lung von Eti­ket­ten unter­fällt dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des § 1 Nr. 2 Abs. 2 des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer in der Papier, Pap­pe und Kunst­stof­fe ver­ar­bei­ten­den Indus­trie und nicht dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des § 1 Nr. 2 Buch­sta­be b) des Man­tel­ta­rif­ver­trags für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer der Druck­in­dus­trie in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

In dem hier vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Rechts­streit strit­ten die Par­tei­en dar­über, ob dem Klä­ger die höhe­ren Nacht­zu­schlä­ge nach dem Man­tel­ta­rif­ver­trag für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer der Druck­in­dus­trie in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (MTV Druck) zuste­hen oder ob die beklag­te Arbeit­ge­be­rin, einer Her­stel­le­rin von Spiel­kar­ten, dem Klä­ger zu Recht die nied­ri­ge­ren Nacht­zu­schlä­ge nach dem Man­tel­ta­rif­ver­trag für die gewerb­li­chen Arbeit­neh­mer in der Papier, Pap­pe und Kunst­stoff ver­ar­bei­ten­den Indus­trie (MTV Papier) bezahlt hat, im Kern also dar­um, ob auf das Arbeits­ver­hält­nis der MTV Druck oder der MTV Papier Anwen­dung fin­det. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg befand, dem Klä­ger ste­he der gel­tend gemach­te Anspruch nicht zu, weil der MTV Druck auf sein Arbeits­ver­hält­nis kei­ne Anwen­dung mehr fin­det:

Der Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­trag vom 01.06.2001 hat durch die Kün­di­gung der Beklag­ten am 28.02.2011 geen­det (§ 3 Abs. 3 TVG). Sei­ne Rechts­nor­men gel­ten wei­ter bis sie durch eine ande­re Abma­chung ersetzt wer­den (§ 4 Abs. 5 TVG). Der MTV Papier ist die ande­re Abma­chung in die­sem Sin­ne. Der Klä­ger ist Mit­glied der tarif­schlie­ßen­den Gewerk­schaft, die Beklag­te Mit­glied des Ver­ban­des, der dem tarif­schlie­ßen­den Haupt­ver­band ange­hört. Damit liegt eine bei­der­sei­ti­ge Tarif­bin­dung im Sin­ne des § 4 Abs. 4 Satz 1 TVG vor. Der Betrieb der Beklag­ten liegt im räum­li­chen Gel­tungs­be­reich des MTV Papier, näm­lich der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Der Klä­ger wird vom per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reichs des Tarif­ver­tra­ges erfasst, da er arbei­ter­ren­ten­ver­si­che­rungs­pflich­tig tätig ist. Die Aus­le­gung des MTV Papier ergibt, dass der Betrieb der Beklag­ten auch dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des MTV Papier unter­fällt.

Die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­tra­ges folgt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts den für die Aus­le­gung von Geset­zen gel­ten­den Regeln. Aus­zu­ge­hen ist zunächst vom Tarif­wort­laut. Zu erfor­schen ist der maß­geb­li­che Sinn der Erklä­rung ohne am Buch­sta­ben zu haf­ten (§ 133 BGB). Der wirk­li­che Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en und der damit von ihnen beab­sich­tig­te Sinn und Zweck der Tarif­norm sind mit zu berück­sich­ti­gen, soweit sie in den tarif­li­chen Nor­men ihren Nie­der­schlag gefun­den haben. Auch auf den tarif­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang ist stets abzu­stel­len, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en lie­fert und nur so Sinn und Zweck der Tarif­norm zutref­fend ermit­telt wer­den kön­nen. Ver­blei­ben noch Zwei­fel, kön­nen wei­te­re Kri­te­ri­en, wie Tarif­ge­schich­te, prak­ti­sche Tarif­übung und Ent­ste­hungs­ge­schich­te des jewei­li­gen Tarif­ver­tra­ges ohne Bin­dung an eine bestimm­te Rei­hen­fol­ge berück­sich­tigt wer­den. Auch die Prak­ti­ka­bi­li­tät denk­ba­rer Aus­le­gungs­er­geb­nis­se ist zu berück­sich­ti­gen. Im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Tarif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu einer ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und geset­zes­kon­for­men Rege­lung führt 1. Für die Bestim­mung des fach­li­chen Gel­tungs­be­reichs eines Tarif­ver­tra­ges sind die im Arbeits- und Wirt­schafts­le­ben gel­ten­den Begriffs­in­hal­te her­an­zu­zie­hen. Wer­den die von den Tarif­ver­trags­par­tei­en ver­wen­de­ten Begrif­fe nicht im Tarif­ver­trag selbst defi­niert, ist davon aus­zu­ge­hen, dass sie den Begriff in dem Sin­ne gebraucht haben, wie er dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch und dem der betei­lig­ten Krei­se ent­spricht, wenn nicht siche­re Anhalts­punk­te für eine abwei­chen­de Aus­le­gung gege­ben sind 2.

Nach die­sen Grund­sät­zen ergibt jeden­falls hin­sicht­lich der Eti­ket­ten­her­stel­lung die Aus­le­gung der Bestim­mun­gen über den fach­li­chen Gel­tungs­be­reich die Anwend­bar­keit des MTV Papier.

Der Wort­laut von § 1 Ziff. 2 II. MTV Papier nennt nur die Bran­che, die er ein­be­zie­hen will, näm­lich die Papier und Pap­pe ver­ar­bei­ten­de Indus­trie. Er ergänzt dies durch Regel­bei­spie­le, deren Wort­laut die Eti­ket­ten- und Spiel­kar­ten­her­stel­lung eben­falls nicht umfasst. Die Regel­bei­spie­le sind indes­sen nicht abschlie­ßend ("ins­be­son­de­re"), so dass das Feh­len der wört­li­chen Erwäh­nung der Eti­ket­ten- und Spiel­kar­ten­her­stel­lung nicht aus­schließt, dass die­se doch dem fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des MTV Papier unter­fal­len. Das­sel­be gilt für den MTV Druck. Er bedient sich zur Erläu­te­rung des Begriffs "Druck­in­dus­trie" der Auf­zäh­lung ein­zel­ner Arbeits­vor­gän­ge bei der Her­stel­lung eines Druckerzeug­nis­ses.

Nach dem Indus­trie­ver­bands­prin­zip ist auf die Aus­rich­tung des Betrie­bes abzu­stel­len 3. Wel­chem Wirt­schafts­zweig das Unter­neh­men des Arbeit­ge­bers zuzu­ord­nen ist, rich­tet sich nach der Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge durch das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt. Die­se Klas­si­fi­ka­ti­on beruht auf der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1893/​2006 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20.12.2006 zur Auf­stel­lung der sta­tis­ti­schen Sys­te­ma­tik der Wirt­schafts­zwei­ge NACE Revi­si­on 2 und zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 3037/​90 des Rates sowie eini­ger Ver­ord­nun­gen der EG über bestimm­te Berei­che der Sta­tis­tik in der jeweils gel­ten­den Fas­sung 4.

Die vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt her­aus­ge­ge­be­ne Klas­si­fi­ka­ti­on der Wirt­schafts­zwei­ge ist im Ein­klang mit Uni­ons­recht auch ein geeig­ne­ter und rechts­si­cher hand­hab­ba­rer Anknüp­fungs­punkt für die Bestim­mung des maß­geb­li­chen Wirt­schafts­zwei­ges als Grund­la­ge für die Aus­le­gung tarif­li­cher Bestim­mun­gen über den fach­li­chen Gel­tungs­be­reich eines Tarif­ver­tra­ges.

Die Anwen­dung die­ser Klas­si­fi­ka­ti­on führt dazu, dass die Eti­ket­ten­her­stel­lung dem MTV Papier zuzu­ord­nen ist.

des Abschnitts VI C Ver­ar­bei­ten­des Gewer­be ord­net auch bedruck­te Papier­er­zeug­nis­se, sofern das Dru­cken von Infor­ma­tio­nen nicht der Haupt­zweck ist, der Her­stel­lung von Papier, Pap­pe und Waren dar­aus zu. Im vor­lie­gen­den Fall ent­hal­ten die Eti­ket­ten zwar Infor­ma­tio­nen, die iso­liert betrach­tet aber wert­los sind, son­dern erst durch Ver­bin­dung mit dem Pro­dukt über den Inhalt der Ver­pa­ckung infor­mie­ren, was am Bei­spiel der Fla­schen­eti­ket­ten am deut­lichs­ten wird. Der Name eines Bier­her­stel­lers hat kei­nen Infor­ma­ti­ons­ge­halt, erst auf­ge­klebt auf der Fla­sche bekommt er die­sen und infor­miert den Ver­brau­cher, dass die Fla­sche ein Bier des genann­ten Her­stel­lers ent­hält.

Fol­ge­rich­tig nennt die Unter­klas­se Nr. 17.29.0 die Her­stel­lung von Eti­ket­ten aus­drück­lich. Gleich­zei­tig schließt sie die Her­stel­lung von Spiel­kar­ten aus. Die­se gehört nach Nr. 32.40.0 zur Spiel­wa­ren­in­dus­trie.

Soweit die Klas­si­fi­zie­rung der Wirt­schafts­zwei­ge unter Nr. 18.12.0 im Abschnitt VI C Ver­ar­bei­ten­des Gewer­be das Bedru­cken von Eti­ket­ten der Druck­in­dus­trie zuord­net, führt dies zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Die Beklag­te bedruckt nicht bereits her­ge­stell­te Eti­ket­ten, son­dern stellt bedruck­te Eti­ket­ten erst her, indem sie Papier­bö­gen bedruckt, rüt­telt, schnei­det, stanzt und schrumpft.

Die Spiel­kar­ten­her­stel­lung gehört wie oben dar­ge­stellt zur Spiel­wa­ren­in­dus­trie. Damit ver­folgt der Betrieb der Beklag­ten meh­re­re Geschäfts­zwe­cke, es liegt ein Misch­be­trieb vor. In einem sol­chen Fall ist für sei­ne fach­li­che Zuord­nung im Tarif­recht ent­schei­dend, auf wel­che Geschäfts­tä­tig­keit die über­wie­gen­de Arbeits­zeit der Arbeit­neh­mer fällt 5. Da die Beklag­te bis auf weni­ge zu ver­nach­läs­si­gen­de Aus­nah­men nur Voll­zeit­be­schäf­tig­te hat und der Anteil der Spiel­kar­ten­pro­duk­ti­on ein Vier­tel beträgt, setzt sie das gerin­ge­re Arbeits­vo­lu­men bei der Spiel­kar­ten­her­stel­lung und das über­wie­gen­de Arbeits­vo­lu­men bei der Eti­ket­ten­her­stel­lung ein. Die Spiel­kar­ten­her­stel­lung schließt daher als unter­ge­ord­ne­ter Geschäfts­zweck den fach­li­chen Gel­tungs­be­reich des MTV Papier nicht aus.

Woll­te man die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Tarif­aus­le­gung füh­re zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis, weil nach dem MTV Druck auch die Wei­ter­ver­ar­bei­tung nach dem Druck und nach dem MTV Papier auch das Bedru­cken vor der Wei­ter­ver­ar­bei­tung erfasst sei und daher bei­de von der­sel­ben Gewerk­schaft abge­schlos­se­ne Tarif­ver­trä­ge neben­ein­an­der anwend­bar sei­en, läge eine Tarif­kon­kur­renz vor. Der kraft Nach­wir­kung des Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges gel­ten­de MTV Druck stün­de in Kon­kur­renz zum kraft bei­der­sei­ti­ger Ver­bands­zu­ge­hö­rig­keit gel­ten­den MTV Papier. Die Auf­lö­sung die­ser Tarif­kon­kur­renz hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt bis­lang aus­drück­lich offen gelas­sen 6, die hM geht aber davon aus, dass der nach­wir­ken­de Tarif­ver­trag von dem voll­wirk­sa­men Tarif­ver­trag ver­drängt wird oder sich der letz­te­re als ande­re Abma­chung iSv. § 4 Abs. 5 TVG dar­stellt 7. Damit ist vor­lie­gend auch bei einer Tarif­kon­kur­renz der MTV Papier anzu­wen­den.

Es besteht kei­ne für den Klä­ger güns­ti­ge­re indi­vi­du­el­le Rege­lung, die nach § 4 Abs. 3 TVG zuläs­sig wäre. Der Arbeits­ver­trag des Klä­gers ent­hält kei­ne Bezug­nah­me­klau­sel auf den MTV Druck ins­ge­samt. Zum Zeit­punkt des Abschlus­ses des Arbeits­ver­tra­ges am 16.04.2003 waren der Klä­ger und die Beklag­te kraft des Aner­ken­nungs­ta­rif­ver­tra­ges vom 01.06.2001 an den MTV Druck gebun­den. Soweit unter Son­der­zu­wen­dun­gen von einer "Anleh­nung" an den MTV Druck die Rede ist, ist die­se Rege­lung daher allen­falls dekla­ra­to­risch.

Dem Klä­ger ste­hen Nacht­zu­schlä­ge nach dem MTV Papier zu. Die­sen Anspruch hat die Beklag­te erfüllt. Wei­ter­ge­hen­de Ansprü­che hat der Klä­ger nicht. Die Kla­ge ist unbe­grün­det. Die Beru­fung der Beklag­ten ist begrün­det. Sie führt zur Abän­de­rung des erst­in­stanz­li­chen Urteils und Klag­ab­wei­sung.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 17. Janu­ar 2013 – 6 Sa 69/​12

  1. BAG 15.05.2012 7 AZR 785/​10 Rn. 21 der Grün­de[]
  2. BAG 04.07.2007 4 AZR 491/​06 Rn. 57 der Grün­de mwN.[]
  3. vgl. ErfK/​Franzen 13. Aufl. § 4 TVG Rn. 12[]
  4. BAG 18.04.2012 5 AZR 630/​10 Rn. 12 der Grün­de im Zusam­men­hang mit der Ermitt­lung des übli­chen Tarif­lohns für die Fra­ge der Sit­ten­wid­rig­keit des gezahl­ten Lohns[]
  5. BAG 04.07.2007 4 AZR 491/​06 Rn. 75 der Grün­de[]
  6. BAG 04.07.2007 4 AZR 491/​06 Rn. 82 der Grün­de[]
  7. BAG aaO Rn. 80 der Grün­de mwN[]