Krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung

Die sozia­le Recht­fer­ti­gung von Kün­di­gun­gen, die aus Anlass von Krank­hei­ten aus­ge­spro­chen wer­den, ist in drei Stu­fen zu prü­fen.

Krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung

Eine Kün­di­gung ist im Fal­le einer lang anhal­ten­den Krank­heit sozi­al gerecht­fer­tigt iSd. § 1 Abs. 2 KSchG, wenn

  1. eine nega­ti­ve Pro­gno­se hin­sicht­lich der vor­aus­sicht­li­chen Dau­er der Arbeits­un­fä­hig­keit vor­liegt – ers­te Stu­fe,
  2. eine dar­auf beru­hen­de erheb­li­che Beein­träch­ti­gung betrieb­li­cher Inter­es­sen fest­zu­stel­len ist – zwei­te Stu­fe – und
  3. eine Inter­es­sen­ab­wä­gung ergibt, dass die betrieb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen zu einer bil­li­ger­wei­se nicht mehr hin­zu­neh­men­den Belas­tung des Arbeit­ge­bers füh­ren – drit­te Stu­fe – 1.

Eine lang andau­ern­de krank­heits­be­ding­te Arbeits­un­fä­hig­keit in der unmit­tel­ba­ren Ver­gan­gen­heit stellt ein gewis­ses Indiz für die Fort­dau­er der Arbeits­un­fä­hig­keit in der Zukunft dar 2. Der Arbeit­ge­ber genügt des­halb sei­ner Dar­le­gungs­last für eine nega­ti­ve Pro­gno­se zunächst, wenn er die bis­he­ri­ge Dau­er der Erkran­kung und die ihm bekann­ten Krank­heits­ur­sa­chen vor­trägt 3.

Bei krank­heits­be­ding­ter dau­ern­der Leis­tungs­un­fä­hig­keit ist in aller Regel ohne Wei­te­res von einer erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung der betrieb­li­chen Inter­es­sen aus­zu­ge­hen 4. Eine Unge­wiss­heit über die Wie­der­her­stel­lung der Arbeits­fä­hig­keit des Arbeit­neh­mers im Kün­di­gungs­zeit­punkt steht – so sie tat­säch­lich vor­liegt – einer krank­heits­be­ding­ten dau­ern­den Leis­tungs­un­fä­hig­keit dann gleich, wenn jeden­falls in den nächs­ten 24 Mona­ten mit einer Gene­sung nicht gerech­net wer­den kann 5. Einen Zeit­raum von bis zu 24 Mona­ten kann der Arbeit­ge­ber dage­gen typi­scher­wei­se ohne Schwie­rig­kei­ten durch Ein­stel­lung einer Ersatz­kraft mit einem zeit­be­fris­te­ten Arbeits­ver­hält­nis nach § 14 Abs. 2 Satz 1 TzB­fG über­brü­cken 6.

Die Annah­me, allein auf­grund der lang anhal­ten­den Erkran­kung des Arbeit­neh­mers in der Ver­gan­gen­heit und der Unge­wiss­heit sei­ner Gene­sung in der Zukunft sei­en die betrieb­li­chen Inter­es­sen der Arbeit­ge­be­rin erheb­lich beein­träch­tigt gewe­sen, wird jedoch den an die sozia­le Recht­fer­ti­gung einer krank­heits­be­ding­ten Kün­di­gung auf der zwei­ten Prü­fungs­stu­fe zu stel­len­den Anfor­de­run­gen nicht gerecht. Die blo­ße Unge­wiss­heit der Wie­der­ge­ne­sung bedeu­tet nicht zugleich, dass mit einer Gesun­dung nach medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­sen nicht gerech­net wer­den kann. Der Umstand, dass der Arbeit­neh­mer vor­lie­gend bereits im Kün­di­gungs­zeit­punkt seit mehr als 20 Mona­ten arbeits­un­fä­hig war, spricht ledig­lich dafür, dass mit einem Fort­be­stand der Arbeits­un­fä­hig­keit auch in der Zukunft zu rech­nen war. Er lässt für sich genom­men nicht den Schluss auf eine bestimm­te (Mindest-)Dauer der zu erwar­ten­den Arbeits­un­fä­hig­keit zu.

Im Übri­gen ergibt sich aus einer Ren­ten­be­wil­li­gung wegen Erwerbs­min­de­rung nicht ohne Wei­te­res, dass der Leis­tungs­emp­fän­ger arbeits­un­fä­hig ist. Ins­be­son­de­re begrün­det der Ren­ten­be­zug kei­ne – wider­leg­ba­re – Ver­mu­tung oder Indi­zwir­kung für das Vor­lie­gen einer Arbeits­un­fä­hig­keit wäh­rend der Dau­er der Bewil­li­gung 7. Die arbeits­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer krank­heits­be­ding­ten Arbeits­un­fä­hig­keit und die sozi­al­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Erwerbs­min­de­rung sind nicht die glei­chen 8. Der Erwerbs­ge­min­der­te kann durch­aus arbeits­fä­hig sein 9. Auch eine Ren­te wegen vol­ler Erwerbs­min­de­rung setzt gemäß § 43 Abs. 2 SGB VI nicht zwin­gend vor­aus, dass der Arbeit­neh­mer sei­ne bis­her ver­trag­lich geschul­de­te Tätig­keit nicht mehr aus­üben kann 10. Voll erwerbs­ge­min­dert sind nach § 43 Abs. 2 Satz 2 SGB VI Ver­si­cher­te, die wegen Krank­heit oder Behin­de­rung auf nicht abseh­ba­re Zeit außer­stan­de sind, unter den übli­chen Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­markts min­des­tens drei Stun­den täg­lich erwerbs­tä­tig zu sein. Die Bedin­gun­gen am bis­he­ri­gen Arbeits­platz kön­nen jedoch von denen des all­ge­mei­nen Arbeits­markts abwei­chen. So steht einer Erwerbs­min­de­rung eine vom Regel­fall abwei­chen­de­güns­ti­ge Arbeits­ge­le­gen­heit nicht ent­ge­gen 11.

Auch allein die wei­ter­hin ent­ste­hen­den Urlaubs­an­sprü­che des Arbeit­neh­mers ver­mö­gen nicht zu einer nicht mehr hin­zu­neh­men­den Beein­träch­ti­gung der betrieb­li­chen Inter­es­sen der Arbeit­ge­be­rin zu füh­ren. Gesetz­li­che und regel­mä­ßig auch tarif­ver­trag­li­che Urlaubs­an­sprü­che erlö­schen bei fort­dau­ern­der Arbeits­un­fä­hig­keit jeweils 15 Mona­te nach Ablauf des betref­fen­den Urlaubs­jah­res und wach­sen daher nach Ablauf von zwei Jah­ren und drei Mona­ten typi­scher­wei­se nicht wei­ter an 12.

Die Beweis­last für die die Kün­di­gung bedin­gen­den Tat­sa­chen trägt nach § 1 Abs. 2 Satz 4 KSchG die Arbeit­ge­be­rin. Soll­te sie sich zum Beweis ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Behaup­tun­gen auf ein medi­zi­ni­sches Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten beru­fen, wird der Arbeit­neh­mer ggf. mit­zu­wir­ken und den Gut­ach­ter und ggf. sei­ne behan­deln­den Ärz­te von der Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den haben.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 13. Mai 2015 – 2 AZR 565/​14

  1. BAG 20.11.2014 – 2 AZR 664/​13, Rn. 13; 30.09.2010 – 2 AZR 88/​09, Rn. 11 mwN, BAGE 135, 361[]
  2. vgl. BAG 12.07.2007 – 2 AZR 716/​06, Rn. 27, BAGE 123, 234; 12.04.2002 – 2 AZR 148/​01, zu II 5 d aa der Grün­de, BAGE 101, 39[]
  3. BAG 12.04.2002 – 2 AZR 148/​01 – aaO; für den Fall häu­fi­ger [Kurz-]Erkrankungen BAG 20.11.2014 – 2 AZR 755/​13, Rn. 17[]
  4. BAG 30.09.2010 – 2 AZR 88/​09, Rn. 11, BAGE 135, 361; 19.04.2007 – 2 AZR 239/​06, Rn. 18[]
  5. BAG 20.11.2014 – 2 AZR 664/​13, Rn. 14; 30.09.2010 – 2 AZR 88/​09 – aaO[]
  6. noch zu § 1 Abs. 1 BeschFG vgl. BAG 29.04.1999 – 2 AZR 431/​98, zu II 3 a der Grün­de, BAGE 91, 271[]
  7. vgl. P. Feich­t­in­ger in Feichtinger/​Malkmus Ent­gelt­fort­zah­lungs­recht 2. Aufl. § 3 EFZG Rn. 42; Schmitt EFZG 7. Aufl. § 3 Rn. 74; HWK/​Schliemann 6. Aufl. § 3 EFZG Rn. 44; Tre­ber EFZG 2. Aufl. § 3 Rn. 23[]
  8. vgl. BAG 29.09.2004 – 5 AZR 558/​03, zu I 1 der Grün­de; vgl. P. Feich­t­in­ger aaO; Schmitt aaO; ErfK/​Reinhard 15. Aufl. § 3 EFZG Rn. 9; Vos­sen Ent­gelt­fort­zah­lung bei Krank­heit und an Fei­er­ta­gen Rn. 93[]
  9. Kreikebohm/​v. Koch SGB VI 4. Aufl. § 43 Rn. 5; ErfK/​Reinhard aaO[]
  10. vgl. auch LAG Hamm 9.07.2003 – 18 Sa 215/​03, zu A I 1 der Grün­de, Vor­in­stanz zu BAG 29.09.2004 – 5 AZR 558/​03 – aaO; aA ErfK/​Reinhard aaO unter Hin­weis auf Münch­Komm-BGB/­Mül­ler-Glö­ge 6. Aufl. § 3 EFZG Rn. 7[]
  11. KassKomm/​Gürtner Stand April 2015 § 43 SGB VI Rn. 29[]
  12. vgl. BAG 15.10.2013 – 9 AZR 302/​12, Rn. 11; 7.08.2012 – 9 AZR 353/​10, Rn. 32 ff., BAGE 142, 371[]