Meh­re­re par­al­le­le PKH-Kla­gen – und das Gebot kos­ten­spa­ren­der Rechts­ver­fol­gung bei der Kos­ten­fest­set­zung

Durch den bewil­li­gen­den Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­schluss des Gerichts steht mit bin­den­der Wir­kung für das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren (§ 48 Abs. 1 RVG) fest, dass die Kla­ge­er­he­bung nicht gegen die Ver­pflich­tung zur kos­ten­spa­ren­den Rechts­ver­fol­gung ver­stößt.

Meh­re­re par­al­le­le PKH-Kla­gen – und das Gebot kos­ten­spa­ren­der Rechts­ver­fol­gung bei der Kos­ten­fest­set­zung

Hat das Arbeits­ge­richt der kla­gen­den Par­tei für meh­re­re par­al­lel geführ­te Ver­fah­ren jeweils Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt, ist der Urkund­s­be­am­te der Geschäfts­stel­le an die­se Bewil­li­gung gebun­den. Er kann die­se Ver­fah­ren im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung nach § 55 RVG nicht unter Zusam­men­rech­nung der Streit­wer­te wie ein Ver­fah­ren behan­deln.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te kann daher ver­lan­gen, dass die Ver­fah­ren getrennt abge­rech­net und aus der Staats­kas­se ver­gü­tet wer­den.

Grund­sätz­lich gilt das Gebot der kos­ten­spa­ren­den Pro­zess­füh­rung.

Die­ses Gebot fin­det Aus­druck in der Vor­schrift des § 91 Abs. 1 ZPO, die vor­sieht, dass nur die zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­di­gen Kos­ten zu erstat­ten sind [1]. Sol­len die Kos­ten für bei­geord­ne­te Rechts­an­wäl­te aus öffent­li­chen Mit­teln getra­gen wer­den, ist das Gebot, die Kos­ten der Pro­zess­füh­rung ange­mes­sen nied­rig zu hal­ten, in beson­de­rem Maße zu beach­ten: Die Par­tei soll (nur) sol­che zumut­ba­ren und kos­ten­spa­ren­den Mög­lich­kei­ten der Pro­zess­füh­rung wahr­neh­men, die sie auch nut­zen wür­de, wenn sie wirt­schaft­lich leis­tungs­fä­hig wäre, also die Pro­zess­kos­ten ein­schließ­lich der Anwalts­kos­ten „aus eige­ner Tasche“ zah­len müss­te [2].

Die Fra­ge, ob ein Ver­stoß gegen die Ver­pflich­tung zur kos­ten­güns­ti­gen Rechts­ver­fol­gung vor­liegt, ist aber nicht im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 55 Abs. 1 RVG, son­dern im Rah­men des Ver­fah­rens über die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu prü­fen [3].

Denn Pro­zess­kos­ten­hil­fe ist gemäß § 114 Abs. 1 ZPO nur zu bewil­li­gen, wenn die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet und nicht mut­wil­lig erscheint. Eine Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung ist mut­wil­lig, wenn eine Par­tei, die kei­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­sprucht, bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller Umstän­de von der Rechts­ver­fol­gung oder der Rechts­ver­tei­di­gung abse­hen wür­de, obwohl eine hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg besteht [4]. Dies ergibt sich inzwi­schen auch aus der gesetz­li­chen Defi­ni­ti­on des Begriffs der Mut­wil­lig­keit in § 114 Abs. 2 ZPO, die an die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung anknüpft. Aller­dings fin­det die Vor­schrift des § 114 Abs. 2 ZPO vor­lie­gend ledig­lich im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren eines Rechts­streits Anwen­dung. Denn sie ist erst zum 1.01.2014 in Kraft getre­ten und gilt gemäß § 40 EGZPO nicht, wenn der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag vor dem 1.01.2014 gestellt wor­den ist.

Wie sich aus der nun­mehr auch gesetz­lich ver­an­ker­ten Defi­ni­ti­on ergibt, erfasst die im Rah­men des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­rens durch­zu­füh­ren­de Mut­wil­lig­keits­prü­fung in ers­ter Linie die ver­fah­rens­mä­ßi­ge Gel­tend­ma­chung eines Anspruchs [5]. Mut­wil­lig­keit im Sin­ne die­ser Defi­ni­ti­on liegt vor, wenn eine Par­tei kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Sach­grün­de dafür vor­bringt, war­um sie ihre Ansprü­che nicht in einer Kla­ge, son­dern im Wege von die Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung erhö­hen­den Teil­kla­gen gel­tend macht, oder wenn sie nicht plau­si­bel erklärt, aus wel­chen Grün­den sie einen neu­en Pro­zess anstrengt, obwohl sie das glei­che Kla­ge­ziel kos­ten­güns­ti­ger im Wege der Erwei­te­rung einer bereits anhän­gi­gen Kla­ge hät­te errei­chen kön­nen [6].

Da die Fra­ge, ob das Gebot der kos­ten­spa­ren­den Rechts­ver­fol­gung befolgt wird, bereits im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren zu beant­wor­ten ist, ist eine noch­ma­li­ge Prü­fung im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 55 RVG aus­ge­schlos­sen. Nach § 48 Abs. 1 RVG bestimmt sich der Ver­gü­tungs­an­spruch des Rechts­an­walts nach den Beschlüs­sen, durch die Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt und der Rechts­an­walt bei­geord­net oder bestellt wor­den ist. Dar­aus folgt, dass der Urkund­s­be­am­te und die im Fest­set­zungs­ver­fah­ren ent­schei­den­den Gerich­te an die Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe und die Anwalts­bei­ord­nung gebun­den sind [7]. Durch den bewil­li­gen­den Pro­zess­kos­ten­hil­fe- und Bei­ord­nungs­be­schluss des Gerichts steht mit bin­den­der Wir­kung für das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren fest, dass die Kla­ge­er­he­bung nicht gegen die Ver­pflich­tung zur kos­ten­spa­ren­den Rechts­ver­fol­gung ver­stößt. Denn dies hat das Gericht im Rah­men der Mut­wil­lig­keits­prü­fung nach § 114 Abs. 2 ZPO über­prüft [8].

Etwas ande­res kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des LAG Mün­chen [9] auch nicht aus den Grund­sät­zen her­ge­lei­tet wer­den, die im Kos­ten­er­stat­tungs­ver­fah­ren nach §§ 103, 104 ZPO gel­ten. Soweit dort im Rah­men der Kos­ten­fest­set­zung eine Prü­fung des Grund­sat­zes der kos­ten­spa­ren­den Pro­zess­füh­rung erfolgt [10], ist dies den abwei­chen­den Gege­ben­hei­ten geschul­det: Im Ver­fah­ren nach §§ 103, 104 ZPO geht es um die Kos­ten­er­stat­tung durch den unter­le­ge­nen Geg­ner. Eine rich­ter­li­che Mut­wil­lig­keits­prü­fung hat nicht statt­ge­fun­den. Eine vor­an­ge­gan­ge­ne rich­ter­li­che Ent­schei­dung mit bin­den­der Wir­kung liegt nicht vor [11]. Im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 55 Abs. 1 RVG ist dem­ge­gen­über die bin­den­de rich­ter­li­che Ent­schei­dung über die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und die Anwalts­bei­ord­nung zu beach­ten.

Hier hat das Arbeits­ge­richt dem Klä­ger für alle von ihm betrie­be­nen Ver­fah­ren Pro­zess­kos­ten­hil­fe unter Bei­ord­nung sei­ner Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bewil­ligt. Damit hat das Arbeits­ge­richt zugleich mit bin­den­der Wir­kung für die Urkund­s­be­am­tin der Geschäfts­stel­le ver­neint, dass ein Ver­stoß gegen den Grund­satz der kos­ten­spa­ren­den Rechts­ver­fol­gung durch die getrenn­te Ver­fol­gung von Ansprü­chen in den gleich­zei­tig ein­ge­reich­ten Kla­gen vor­ge­le­gen hat.

Die vor­lie­gend von der Urkund­s­be­am­tin unter Zusam­men­rech­nung der Streit­wer­te vor­ge­nom­me­ne Behand­lung der Ver­fah­ren als ein Ver­fah­ren ist daher unzu­läs­sig. Die aus der Staats­kas­se zu zah­len­den Kos­ten müs­sen für die Ver­fah­ren getrennt abge­rech­net wer­den.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 26. Mai 2016 – 6 Ta 11/​16

  1. vgl. hier­zu etwa LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2Ta 118/​15[]
  2. Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 303/​12; sie­he auch BAG 17.02.2011 – 6 AZB 3/​11[]
  3. LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2 Ta 118/​15; Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 303/​12; sie­he auch BAG 17.02.2011 – 6 AZB 3/​11; LAG Sach­sen-Anhalt 28.12.2010 – 2 Ta 172/​10[]
  4. BGH 10.03.2005 – XII ZB 20/​04; BAG 17.02.2011 – 6 AZB 3/​11[]
  5. BAG 17.02.2011 – 6 AZB 3/​11[]
  6. vgl. BAG 17.02.2011 – 6 AZB 3/​11; LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2Ta 118/​15; Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 303/​12; LAG Baden-Würt­tem­berg 27.11.2009 – 1 Ta 19/​09; LAG Schles­wig-Hol­stein 03.02.2010 – 2 Ta 206/​09; LAG Köln 11.07.2008 – 11 Ta 185/​08[]
  7. LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2Ta 118/​15[]
  8. LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2 Ta 118/​15; Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 303/​12[]
  9. vgl. etwa 08.01.2010 – 10 Ta 349/​08[]
  10. hier­zu LAG Mün­chen 08.01.2010 – 10 Ta 349/​08; LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2 TA 118/​15[]
  11. hier­zu aus­führ­lich LAG Nürn­berg 22.10.2015 – 2 TA 118/​15[]