War­um die Bewil­li­gung von Bera­tungs­hil­fe nichts wert ist…

Nach der Bewil­li­gung von Bera­tungs­hil­fe hat nach Ansicht des Amts­ge­richts Mann­heim der Kos­ten­be­am­te im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren bei Fest­set­zung einer Geschäfts­ge­bühr gemäß Nr. 2503 RVG-VV zu prü­fen, ob eine Ver­tre­tung über­haupt erfor­der­lich war.

War­um die Bewil­li­gung von Bera­tungs­hil­fe nichts wert ist…

In dem hier vom Amts­ge­richt Mann­heim ent­schie­de­nen Fall hat­te der Antrag­stel­ler wegen der Ange­le­gen­heit „Kin­des­un­ter­halt /​Herabsetzungsverlangen” eine Rechts­an­wäl­tin zu Rate gezo­gen und ihr einen Auf­trag zur Wahr­neh­mung sei­ner recht­li­chen Inter­es­sen erteilt. Die Rechts­an­wäl­tin hat dar­auf­hin mit der geschie­de­nen Ehe­frau des Antrag­stel­lers und dem Jugend­amt der Stadt … kor­re­spon­diert. Auf den Antrag zur nach­träg­li­chen Bewil­li­gung von Bera­tungs­hil­fe ist dem Antrag­stel­ler in die­ser Ange­le­gen­heit Bera­tungs­hil­fe bewil­ligt wor­den. Sodann hat die Rechts­an­wäl­tin Gebüh­ren in einer Gesamt­hö­he von 121, 38 €, dar­un­ter eine Geschäfts­ge­bühr gemäß Nr. 2503 VV RVG, abge­rech­net. Die Kos­ten­be­am­tin des Amts­ge­richts Mann­heim hat die der Rechts­an­wäl­tin aus der Staats­kas­se zu zah­len­de Ver­gü­tung auf ledig­lich 49, 98 € fest­ge­setzt und den wei­te­ren Antrag auf Kos­ten­fest­set­zung zurück­ge­wie­sen.

Gegen die­se teil­wei­se Zurück­wei­sung des Kos­ten­fest­set­zungs­an­trags rich­tet sich die Erin­ne­rung der Rechts­an­wäl­tin. Sie meint, eine Ver­tre­tung sei ange­sichts der Schwie­rig­keit, ein Her­ab­set­zungs­ver­lan­gen ver­ständ­lich und recht­lich rich­tig zu for­mu­lie­ren, not­wen­dig gewe­sen. Die Kos­ten­be­am­tin hat der Erin­ne­rung nicht abge­hol­fen und die Sache zur Ent­schei­dung vor­ge­legt. Das Amts­ge­richt hielt die Erin­ne­rung im vor­lie­gen­den Fall für begrün­det:

Der Rechts­an­wäl­tin steht für ihre Tätig­keit im Rah­men der Bera­tungs­hil­fe eine Geschäfts­ge­bühr nach Nr. 2503 VV RVG in Höhe von EUR 85, 00 nebst Aus­la­gen­pau­scha­le nach Nr. 7002 VV RVG in Höhe von EUR 17, 00 und Umsatz­steu­er nach Nr. 7008 VV RVG in Höhe von EUR 19, 38 zu.

Der Antrag­stel­ler hat der Rechts­an­wäl­tin den Auf­trag zur unbe­ding­ten Geschäfts­be­sor­gung erteilt. Dies ergibt sich aus dem Schrei­ben der Rechts­an­wäl­tin an die geschie­de­ne Ehe­frau des Antrag­stel­lers vom 18.11.2014.

Die Ver­tre­tung des Antrag­stel­lers durch die Rechts­an­wäl­tin im Rah­men der Bera­tungs­hil­fe war erfor­der­lich.

Die Fra­ge, ob eine Ver­tre­tung im Zusam­men­hang mit der Gewäh­rung der Bera­tungs­hil­fe erfor­der­lich war oder nicht, ist im Gebüh­ren­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu prü­fen1. Denn Gebüh­ren gemäß Nr. 2500 ff. VV-RVG kön­nen nach dem aus­drück­li­chen Inhalt der maß­geb­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung nur „im Rah­men der Bera­tungs­hil­fe” ent­ste­hen (§ 44 Satz 1 RVG; Vorbem.02.5 zu Abschnitt 5 VV-RVG). Die­ser Rah­men der Bera­tungs­hil­fe wird durch § 2 BerHG vor­ge­ge­ben. Danach besteht die Bera­tungs­hil­fe in der Bera­tung und nur soweit erfor­der­lich in der Ver­tre­tung (§ 2 Abs. 1 Satz 1 BerHG).

Bei der Prü­fung der Erfor­der­lich­keit der Ver­tre­tung ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Bera­tungs­hil­fe grund­sätz­lich zunächst durch die Bera­tung des Recht­su­chen­den gewährt wird (§ 2 Abs. 1 Satz 1 1. HS BerHG). Mit die­ser Bera­tung soll der Recht­su­chen­de in die Lage ver­set­zen wer­den, selbst tätig zu wer­den und auf der Grund­la­ge der ihm erteil­ten Rechts­be­ra­tung die gege­be­nen­falls not­wen­di­gen Schrei­ben selbst zu fer­ti­gen. Eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Ver­tre­tung des Recht­su­chen­den ist nur dann als erfor­der­lich anzu­se­hen, wenn die­ser nach der Bera­tung ange­sichts des Umfangs, der Schwie­rig­keit oder der Bedeu­tung der Rechts­an­ge­le­gen­heit für ihn sei­ne Rech­te nicht selbst wahr­neh­men kann (§ 2 Abs. 1 Satz 2 BerHG). Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind nicht ohne Wei­te­res erfüllt. Die Ver­tre­tung des Recht­su­chen­den durch eine Bera­tungs­per­son gilt als ulti­ma ratio im Bera­tungs­hil­fe­ge­setz.2. Die Erfor­der­lich­keit einer Ver­tre­tung setzt des­halb vor­aus, dass ein recht­lich schwie­ri­ger und kom­ple­xer Sach­ver­halt vor­liegt und dass der Rechts­su­chen­de nach objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Kri­te­ri­en trotz vor­he­ri­ger Bera­tung durch eine Bera­tungs­per­son die Rechts­ver­wirk­li­chung nicht sach­ge­recht in die eige­ne Hand neh­men kann3. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung der Erfor­der­lich­keit einer Ver­tre­tungs­hand­lung ist danach die Schul- und sons­ti­ge Bil­dung des Recht­su­chen­den in Rela­ti­on zur Kom­ple­xi­tät der Ange­le­gen­heit4.

Nach die­sen Kri­te­ri­en war eine Ver­tre­tung des Antrag­stel­lers durch die Rechts­an­wäl­tin im vor­lie­gen­den Fall erfor­der­lich. Wie sich aus den vor­ge­leg­ten Schrei­ben ergibt, die die Rechts­an­wäl­tin für den Antrag­stel­ler gefer­tigt hat, war der Sach­ver­halt in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht nicht ein­fach. In dem Schrei­ben waren zahl­rei­che Daten, die Fra­ge, ob die Abän­de­rung eines Ver­gleichs über­haupt recht­lich mög­lich war, die Höhe des Selbst­be­halts des Antrag­stel­lers und die rich­ti­ge Berech­nung des danach für die Unter­halts­zah­lun­gen ein­setz­ba­ren Ein­kom­mens nach­voll­zieh­bar und ver­ständ­lich dar­zu­stel­len. Es kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass ein juris­ti­scher Laie auf der Grund­la­ge einer Bera­tung in der Lage gewe­sen wäre, die­sen kom­pli­zier­ten Sach­ver­halt selb­stän­dig in einem Schrei­ben rich­tig und ver­ständ­lich dar­zu­stel­len.

Ach ja: Für die­ses Erin­ne­rungs­ver­fah­ren muss die Rechts­an­wäl­tin kos­ten­los arbei­ten: die Ent­schei­dung ergeht gerichts­ge­büh­ren­frei; Kos­ten wer­den nicht erstat­tet (§ 56 Abs. 2 Satz 2 und 3 RVG).

Amts­ge­richt Mann­heim, Beschluss vom 25. April 2016 – 2 UR II 8/​16

  1. eben­so OLG Dres­den, Beschluss vom 29.10.2007, 3 W 1135/​07; ent­ge­gen OLG Stutt­gart, Beschluss vom 22.05.2007, 8 W 169/​07; LG Ber­lin Beschluss vom 22.05.2013, 82 T 532/​12
  2. Lissner/​Dietrich/​Eilzer/​Germann/​Kessel, Bera­tungs­hil­fe mit Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, 2. Aufl., Rdn.208
  3. Lissner/​Dietrich/​Eilzer/​Germann/​Kessel, Bera­tungs­hil­fe mit Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, 2. Aufl., Rdn.209
  4. Lissner/​Dietrich/​Eilzer/​Germann/​Kessel, Bera­tungs­hil­fe mit Pro­zess- und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe, 2. Aufl., Rdn. 347