Aus­kunfts­pflicht einer Lan­des­re­gie­rung gegen­über dem Land­tag

Nach Art. 24 Abs. 1 der Nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sung (NV) hat die Lan­des­re­gie­rung Anfra­gen von Mit­glie­dern des Land­ta­ges im Land­tag und in sei­nen Aus­schüs­sen "nach bes­tem Wis­sen unver­züg­lich und voll­stän­dig" zu beant­wor­ten. Die For­mu­lie­rung "nach bes­tem Wis­sen" ist an Stel­le des Begriffs "wahr­heits­ge­mäß" ver­wandt wor­den. Hier­durch soll­te ver­deut­licht wer­den, dass die Lan­des­re­gie­rung ihre Ant­wort grund­sätz­lich nur auf­grund ihres gegen­wär­ti­gen Kennt­nis­stan­des geben und von ihr nicht not­wen­di­ger­wei­se eine objek­tiv wahr­heits­ge­mä­ße Ant­wort ver­langt wer­den kann 1. Bes­tem Wis­sen ent­spricht eine Ant­wort, wenn das Wis­sen, das bei der Lan­des­re­gie­rung prä­sent ist, offen­bart wird, bezieht aber auch Infor­ma­tio­nen ein, die inner­halb der Ant­wort­frist mit zumut­ba­rem Auf­wand in den Geschäfts­be­rei­chen der Regie­rung ein­ge­holt wer­den kön­nen 2.

Aus­kunfts­pflicht einer Lan­des­re­gie­rung gegen­über dem Land­tag

Vor Ant­wor­ter­tei­lung ist die Lan­des­re­gie­rung bei gege­be­nem Anlass ver­pflich­tet, über den Gegen­stand der Fra­ge Nach­for­schun­gen anzu­stel­len und den Sach­ver­halt in zumut­ba­rer Wei­se auf­zu­klä­ren. Ohne eine sol­che Auf­klä­rung kann sich die Lan­des­re­gie­rung nicht auf Nicht­wis­sen beru­fen 3. Sie hat sich das Wis­sen und den Kennt­nis­stand jeden­falls der ihrem Ver­ant­wor­tungs­be­reich direkt unter­lie­gen­den (unmit­tel­ba­ren) Staats­ver­wal­tung, also der Minis­te­ri­en und der ihnen nach­ge­ord­ne­ten Behör­den, zu ver­schaf­fen 4. Da Art. 24 Abs. 1 NV nur an das Wis­sen der Lan­des­re­gie­rung im Sin­ne des Art. 28 Abs. 2 NV anknüpft – also an das Wis­sen des Minis­ter­prä­si­den­ten und der Minis­te­rin­nen und Minis­ter – lässt sich nur auf die­se Wei­se sicher­stel­len, dass der Infor­ma­ti­ons­vor­sprung der Minis­te­ri­al­ver­wal­tung und das Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit der Abge­ord­ne­ten besei­tigt und ihnen die Mög­lich­keit der effek­ti­ven par­la­men­ta­ri­schen Kon­trol­le der Exe­ku­ti­ve eröff­net wird.

Eine zumut­ba­re – und in der Staats­pra­xis regel­mä­ßig vor­ge­nom­me­ne – Maß­nah­me der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung ist die Abfra­ge der Res­sorts. Die Lan­des­re­gie­rung ist mit­hin ver­pflich­tet, sich das Wis­sen der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter der Staats­kanz­lei bzw. der Lan­des­mi­nis­te­ri­en zu ver­schaf­fen. Wenn eine Fra­ge hier­zu Anlass bie­tet, kann auch eine Ver­pflich­tung zur Abfra­ge nach­ge­ord­ne­ter Behör­den und der der Auf­sicht der Lan­des­re­gie­rung unter­lie­gen­den Behör­den der mit­tel­ba­ren Staats­ver­wal­tung bestehen 5. Reicht die Akten­la­ge nicht aus, muss sich die Lan­des­re­gie­rung zusätz­lich um die Beschaf­fung von Infor­ma­tio­nen aus nichtak­ten­för­mi­gen Quel­len bemü­hen 6.

Die Aus­le­gung einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge hat nach all­ge­mei­nen Aus­le­gungs­grund­sät­zen zu erfol­gen. Ins­be­son­de­re sind der Wort­laut, der Zusam­men­hang sowie Sinn und Zweck der Anfra­ge zu berück­sich­ti­gen. Abzu­stel­len ist zunächst auf den Wort­laut der Fra­ge 7. Ange­sichts der hohen Bedeu­tung des par­la­men­ta­ri­schen Fra­ge­rechts kann von dem Fra­ge­stel­ler eine sorg­fäl­ti­ge For­mu­lie­rung sei­ner Fra­gen erwar­tet wer­den. Aller­dings ist der Infor­ma­ti­ons­vor­sprung der Regie­rung und das häu­fig bestehen­de Infor­ma­ti­ons­de­fi­zit des Fra­ge­stel­lers zu berück­sich­ti­gen, das nicht sel­ten die dif­fe­ren­zier­te For­mu­lie­rung einer Fra­ge erschwert 8. Neben dem Wort­laut ist daher auch auf den tat­säch­li­chen Zusam­men­hang, in dem die Fra­ge gestellt war 9, und auf die Antrags­be­grün­dung 10 abzu­stel­len. Die Bestim­mung des Inhalts einer Fra­ge und eine gege­be­nen­falls erfor­der­li­che Aus­le­gung muss natur­ge­mäß zunächst durch die Regie­rung erfol­gen, soll sie die Fra­ge beant­wor­ten kön­nen. Dabei muss­sie den wesent­li­chen Inhalt der Fra­ge und deren Begrün­dung auf­grei­fen, den wirk­li­chen Wil­len und das dar­aus erkenn­ba­re Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis des Fra­ge­stel­lers ermit­teln und danach Art und Umfang ihrer Ant­wort aus­rich­ten. Die Aus­le­gung ist im Zwei­fel so vor­zu­neh­men, dass die Fra­ge kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken begeg­net 11. Ver­blei­ben nach der Aus­le­gung der Fra­ge Zwei­fel an deren Inhalt oder ist die Fra­ge mehr­deu­tig, kann die Regie­rung bei der Ant­wort dar­auf hin­wei­sen, dass sie die Fra­ge in einem bestimm­ten Sinn ver­steht oder ihr zur Zeit eine Beant­wor­tung nicht mög­lich ist 12.

Nie­der­säch­si­scher Staats­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2012 – StGH 1/​12

  1. vgl. Ipsen, Nie­der­säch­si­sche Ver­fas­sung, 2011, Art. 24 Rn. 4; Bogan, in: Epping/​Butzer [Hrsg.], Hann. Komm. zur NV, 2012, Art. 24 Rn. 13[]
  2. so für Art. 51 Abs. 1 Sächs­Verf: Sächs­VerfGH, Urteil vom 16.04.1998 – Vf.19‑I – 97, LVerfGE 8, 288[]
  3. so für die Bay­Verf: Bay­VerfGH, Ent­schei­dun von 26.07.2006 – Vf 11 – IVa – 05, NVwZ 2007, 204, 206[]
  4. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 01.07.2009 – 2BvE 5/​06, BVerfGE 124, 161, 196; HbgVerfG, Urteil vom 21.12.2010 – HVerfG 1/​10, NVwZ-RR 2011, 425, 428; Bay­VerfGH, Ent­schei­dung von 26.07.2006 – Vf 11 – IVa – 05, NVwZ 2007, 204 [206]; BremStGH, Urteil vom 15.01.2002 – St 1/​01, NVwZ 2003, 81 [84 f.][]
  5. vgl. Bay­VerfGH, NVwZ 2007, 204, 206 f.[]
  6. vgl. dazu HbgVerfG, Urteil vom 21.12.2010 – HVerfG 1/​10, NVwZ-RR 2011, 425, 427[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.03.2004 – 2BvK 1/​01, BVerfGE 110, 199, 213; VerfG­Bbg., Urteil vom 12.06.2008 – 53/​06[]
  8. vgl. Kir­sch­ni­ok-Schmidt, Das Infor­ma­ti­ons­recht des Abge­ord­ne­ten nach der bran­den­bur­gi­schen Lan­des­ver­fas­sung, 2010, S. 144 f. m.w.N.[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.03.2004 – 2BvK 1/​01, BVerfGE 110, 199,213[]
  10. Nds. StGH, Beschluss vom 25.11.1997 – 1/​97, StGHE 3, 322,327[]
  11. Bay­VerfGH, Ent­schei­dung von 17.07.2001 – Vf 56 – IVa – 00, NVwZ 2002, 715, 717[]
  12. vgl. Thür­VerfGH, Urteil vom 19.12.2008 – 35/​07, DVBl.2009, 245, 249[]