Der ver­fas­sungs­wid­ri­ge Lan­des­haus­halt

Das nord­rhein-west­fä­li­sche Nach­trags­haus­halts­ge­setz 2010 ist ver­fas­sungs­wid­rig, wie soeben der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter ent­schie­den hat.

Der ver­fas­sungs­wid­ri­ge Lan­des­haus­halt

Kon­kret hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof fest­ge­stellt, dass das Nach­trags­haus­halts­ge­setz 2010 wegen Über­schrei­tung der Kre­dit­gren­ze gegen Art. 83 Satz 2 der Ver­fas­sung für das Land Nord­rhein-West­fa­len ver­stößt. Nach die­ser Vor­schrift der Lan­des­ver­fas­sung dür­fen die Ein­nah­men aus Kre­di­ten ent­spre­chend den Erfor­der­nis­sen des gesamt­wirt­schaft­li­chen Gleich­ge­wichts in der Regel nur bis zur Höhe der Sum­me der im Haus­halts­plan ver­an­schlag­ten Aus­ga­ben für Inves­ti­tio­nen in den Haus­halts­plan ein­ge­stellt wer­den; das Nähe­re wird durch Gesetz gere­gelt.

Von der in Art. 83 Satz 2 der Lan­des­ver­fas­sung NRW nor­mier­ten Regel­ver­schul­dungs­gren­ze dür­fe grund­sätz­lich nur zur Abwehr einer Stö­rung des gesamt­wirt­schaft­li­chen Gleich­ge­wichts abge­wi­chen wer­den, so der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof. Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung müs­se die Stö­rungs­la­ge ernst­haft und nach­hal­tig sein oder als sol­che unmit­tel­bar dro­hen. Die erhöh­te Kre­dit­auf­nah­me müs­se außer­dem zur Stö­rungs­ab­wehr geeig­net und final hier­auf bezo­gen sein.

Bei der Beur­tei­lung ste­he dem Haus­halts­ge­setz­ge­ber ein Ein­schät­zungs- und Beur­tei­lungs­spiel­raum zu. Er müs­se jedoch nach­voll­zieh­bar dar­le­gen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Über­schrei­tung der Regel­ver­schul­dungs­gren­ze vor­lä­gen. Die­se Dar­le­gung müs­se im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren erfol­gen. Ein Nach­trags­haus­halts­ge­setz­ge­ber unter­lie­ge inso­weit kei­nen gerin­ge­ren Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen als der Gesetz­ge­ber des Stamm­haus­halts.

Dies gel­te auch dann, wenn der Haus­halts­ge­setz­ge­ber in einem Nach­trags­haus­halt eine im Stamm­haus­halt bereits erfolg­te Über­schrei­tung der Regel­ver­schul­dungs­gren­ze noch­mals erhö­hen wol­le. Für eine sol­che Erhö­hung bedür­fe es in Aus­ein­an­der­set­zung mit der bis­he­ri­gen Finanz­pla­nung und der aktu­el­len kon­junk­tu­rel­len Ent­wick­lung einer plau­si­blen Erklä­rung, wes­halb die bis­her ver­an­schlag­te Aus­ga­ben­sum­me zur Stö­rungs­ab­wehr nicht mehr aus­rei­chen sol­le und inwie­weit die Erhö­hung der Kre­dit­er­mäch­ti­gung im Zeit­punkt des Wirk­sam­wer­dens des Nach­trags­haus­halts die gewünsch­ten kon­junk­tu­rel­len Zie­le noch errei­chen kön­ne.

Die­sen Anfor­de­run­gen hat der Düs­sel­dor­fer Lan­des­ge­setz­ge­ber nach dem Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs nicht genügt. So sei bereits zwei­fel­haft, ob der Gesetz­ge­ber das (Fort-)Bestehen einer gesamt­wirt­schaft­li­chen Stö­rungs­la­ge nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt habe. Jeden­falls feh­le es an einer hin­rei­chen­den Dar­le­gung, dass und wie die erhöh­te Kre­dit­auf­nah­me zur Abwehr der ange­nom­me­nen Stö­rung des gesamt­wirt­schaft­li­chen Gleich­ge­wichts geeig­net sei. Im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren sei­en kei­ne Gesichts­punk­te der kon­junk­tu­rel­len Ent­wick­lung auf­ge­zeigt wor­den, die eine wei­te­re Erhö­hung der Kre­dit­auf­nah­me gegen­über dem Stamm­haus­halt trotz deut­lich ver­bes­ser­ter Wirt­schafts­la­ge zur Stö­rungs­ab­wehr plau­si­bel und nach­voll­zieh­bar mach­ten. Über­dies fehl­ten Dar­le­gun­gen, inwie­weit die Erhö­hung der Kre­dit­auf­nah­me arbeits­markt- und wirt­schafts­po­li­ti­sche Maß­nah­men habe ermög­li­chen sol­len, die im maß­geb­li­chen Haus­halts­jahr 2010 zur Abwehr der gesamt­wirt­schaft­li­chen Stö­rungs­la­ge hät­ten bei­tra­gen kön­nen.

Ob das Nach­trags­haus­halts­ge­setz 2010 wegen der kre­dit­fi­nan­zier­ten Rück­la­gen­bil­dung zusätz­lich gegen das Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot ver­sto­ße, hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof ange­sichts der schon wegen eines Ver­sto­ßes gegen Art. 83 Satz 2 LV bejah­ten Ver­fas­sungs­wid­rig­keit letzt­lich offen gelas­sen, wenn­gleich auch hier star­ke ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs durch­klin­gen:

Das Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot sei ein Ver­fas­sungs­grund­satz, der den Haus­halts­ge­setz­ge­ber bin­de. Die­ser Ver­fas­sungs­grund­satz ver­lan­ge, in jedem Haus­halts­jahr bei allen Maß­nah­men die güns­tigs­te Rela­ti­on zwi­schen dem gesteck­ten Ziel und den ein­ge­setz­ten Mit­teln anzu­stre­ben; er erfor­de­re, ein bestimm­tes Ziel mit dem geringst­mög­li­chen Ein­satz von Mit­teln zu errei­chen. Das Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot ver­pflich­te auch den Haus­halts­ge­setz­ge­ber, der auf Grund ander­wei­ti­ger gesetz­li­cher Ver­pflich­tun­gen Son­der­rück­la­gen und Son­der­ver­mö­gen bil­de, wenn die­se aus einem kre­dit­fi­nan­zier­ten Haus­halt erfüllt wer­den müss­ten. Erst recht gel­te es für den Haus­halts­ge­setz­ge­ber, der Rück­la­gen­bil­dun­gen vor­se­he, die nicht bereits auf gesetz­li­chen Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen beruh­ten. Danach sei­en die im Nach­trags­haus­halts­ge­setz 2010 vor­ge­se­he­nen Vor­sor­ge­maß­nah­men über­wie­gend als ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­lich zu qua­li­fi­zie­ren.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 15. März 2011 – VerfGH 20/​10