Die Euro­päi­sche Uni­on vor den natio­na­len Gerich­ten

Auch für Strei­tig­kei­ten mit der EU-Kom­mis­si­on sind nicht immer die euro­päi­schen Gerich­te zustän­dig. So hob jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on 1 auf, mit dem die Kom­mis­si­on ver­ur­teilt wur­de, an die Systran SA einen Pau­schal­be­trag von unge­fähr 12 Mio. € als Ersatz für den die­ser ent­stan­de­nen Scha­den zu zah­len. Das Euro­päi­sche Gericht hät­te, so der EuGH, sei­ne Zustän­dig­keit ver­nei­nen und die Par­tei­en auf­for­dern müs­sen, die zustän­di­gen natio­na­len Gerich­te anzu­ru­fen, die in den zahl­rei­chen von Systran und der Kom­mis­si­on geschlos­se­nen Ver­trä­gen über das maschi­nel­le Über­set­zungs­sys­tem Systran bestimmt wor­den waren.

Die Euro­päi­sche Uni­on vor den natio­na­len Gerich­ten

Am 22. Dezem­ber 1975 schloss die Kom­mis­si­on mit der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft World Trans­la­ti­on Cen­ter Inc. (WTC) einen ers­ten Ver­trag über die Instal­la­ti­on und die Ent­wick­lung einer von die­ser Gesell­schaft 1968 ent­wi­ckel­ten maschi­nel­len Über­set­zungs­soft­ware (Eng­lisch-Fran­zö­sisch) mit dem Namen „Systran“ (SYS­tem TRANs­la­ti­on). Die Bezie­hun­gen zwi­schen der Kom­mis­si­on und WTC, die spä­ter von der Gesell­schaft Gachot – dann Systran SA – über­nom­men wur­de, wur­den zwi­schen 1976 und 1987 durch die Unter­zeich­nung meh­re­rer Ver­trä­ge zur Ver­bes­se­rung des in der Umge­bung Main­frame lau­fen­den maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tems mit dem Namen „EC-Systran Main­frame“ fort­ge­setzt, das aus einem Kern, Sprach­rou­ti­nen und Wör­ter­bü­chern für neun Spra­chen­paa­re der Gemein­schaft bestand.

Am 4. August 1987 schlos­sen Systran und die Kom­mis­si­on einen „Ver­trag über Zusam­men­ar­beit“ über die gemein­sa­me Orga­ni­sa­ti­on der Wei­ter­ent­wick­lung und Ver­bes­se­rung des Über­set­zungs­sys­tems Systran für die gegen­wär­ti­gen und die künf­ti­gen Amts­spra­chen der Gemein­schaft sowie über sei­ne Durch­füh­rung. Der Ver­trag sah vor, dass bei Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Par­tei­en bel­gi­sches Recht gilt. Zwi­schen 1988 und 1989 schloss die Kom­mis­si­on mit Systran vier Ver­trä­ge zwecks Erwerbs „eines Nut­zungs­rechts“ an dem maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tem für fünf wei­te­re Spra­chen­paa­re. Im Dezem­ber 1991 kün­dig­te die Kom­mis­si­on den Ver­trag über Zusam­men­ar­beit, da Systran ihren Ver­trags­pflich­ten nicht nach­ge­kom­men sei. Zum Zeit­punkt der Been­di­gung die­ses Ver­trags umfass­te die Ver­si­on EC-Systran Main­frame des maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tems Systran sech­zehn Sprach­ver­sio­nen.

In der Fol­ge­zeit ent­wi­ckel­te und ver­mark­te­te die Systran-Grup­pe eine neue Ver­si­on des maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tems Systran („Systran Unix“), das unter den Betriebs­sys­te­men Unix und Win­dows lauf­fä­hig war, wäh­rend die Kom­mis­si­on teil­wei­se mit Hil­fe eines exter­nen Ver­trags­part­ners die Ver­si­on EC-Systran Main­frame ent­wi­ckel­te.

Am 22. Dezem­ber 1997 schlos­sen Systran Luxem­bourg und die Kom­mis­si­on den ers­ten von vier Umstel­lungs­ver­trä­gen, damit die Soft­ware EC-Systran Main­frame unter Unix und Win­dows lau­fen konn­te. Bei der Unter­zeich­nung die­ses ers­ten Ver­trags erklär­te sich Systran damit ein­ver­stan­den, dass die Kom­mis­si­on zum einen die Mar­ke Systran sys­te­ma­tisch für alle Über­set­zungs­sys­te­me, die sich aus dem ursprüng­li­chen maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tem Systran ablei­ten, zur Ver­brei­tung oder Bereit­stel­lung die­ses Sys­tems benutzt und zum ande­ren die Systran-Pro­duk­te in der Umge­bung von Unix und/​oder Win­dows für ihre inter­nen Bedürf­nis­se nutzt. Der ers­te Umstel­lungs­ver­trag sah vor, dass das maschi­nel­le Über­set­zungs­sys­tem der Kom­mis­si­on ein­schließ­lich sei­ner Kom­po­nen­ten auch nach Ände­rung Eigen­tum der Kom­mis­si­on bleibt, es sei denn, es bestehen bereits Rech­te des gewerb­li­chen oder geis­ti­gen Eigen­tums. Nach die­sem Ver­trag gilt bei Strei­tig­kei­ten luxem­bur­gi­sches Recht. Der Umstel­lungs­ver­trag soll­te am 15. März 2002 enden, und Systran Luxem­bourg soll­te an die­sem Tag aktua­li­sier­te Nach­wei­se sämt­li­cher von der Systran-Grup­pe bean­spruch­ter und an das maschi­nel­le Über­set­zungs­sys­tem gebun­de­ner Rech­te des geis­ti­gen und gewerb­li­chen Eigen­tums erbrin­gen. Nach dem Vor­trag der Kom­mis­si­on wur­den ihr die­se Infor­ma­tio­nen von Systran Luxem­bourg nicht über­mit­telt.

Am 4. Okto­ber 2003 ver­öf­fent­lich­te die Kom­mis­si­on eine Aus­schrei­bung für die Wartung/​Pfle­ge und lin­gu­is­ti­sche Ver­bes­se­rung ihres maschi­nel­len Über­set­zungs­sys­tems. Mit Schrei­ben vom 31. Okto­ber 2003 teil­te Systran der Kom­mis­si­on aber mit, dass die in der Aus­schrei­bung vor­ge­se­he­nen Arbei­ten ihre Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums ver­let­zen könn­ten, und for­der­te sie auf, hier­zu Stel­lung zu neh­men. Systran stell­te klar, dass sie sich unter die­sen Umstän­den nicht am Aus­schrei­bungs­ver­fah­ren betei­li­gen kön­ne. Mit Schrei­ben vom 17. Novem­ber 2003 ant­wor­te­te die Kom­mis­si­on, die Systran-Grup­pe habe nicht den Beweis für die Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums erbracht, die Systran an der maschi­nel­len Über­set­zungs­soft­ware Systran gel­tend mache; Systran sei des­halb nicht berech­tigt, sich den Arbei­ten zu wider­set­zen, die von dem bel­gi­schen Unter­neh­men Gos­se­lies SA aus­ge­führt wür­den, dem der Zuschlag für zwei der acht Lose erteilt wor­den sei. Nach die­ser Aus­schrei­bung war die Systran-Grup­pe der Ansicht, dass die Kom­mis­si­on das Know-how von Systran rechts­wid­rig an einen Drit­ten wei­ter­ge­ge­ben und dadurch, dass der Zuschlags­emp­fän­ger uner­laub­te Ent­wick­lun­gen der Ver­si­on EC-Systran Unix vor­ge­nom­men habe, eine Rechts­ver­let­zung began­gen habe.

Systran erhob des­halb beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on Kla­ge auf Ersatz des Scha­dens, der ihr ent­stan­den sein soll.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on hat mit sei­nem im Jahr 2010 ergan­ge­nen Urteil ent­schie­den, dass der Rechts­streit außer­ver­trag­li­cher Natur sei und dass es daher für die­sen Rechts­streit zustän­dig sei 1. Das Gericht wies zwar die Anträ­ge in Bezug auf die Toch­ter­ge­sell­schaft Systran Luxem­bourg zurück, erkann­te aber an, dass das Ver­hal­ten der Kom­mis­si­on der Mut­ter­ge­sell­schaft einen mate­ri­el­len Scha­den auf­grund des Wert­ver­lusts ihrer imma­te­ri­el­len Ver­mö­gens­ge­gen­stän­de (d. h. des Wert­ver­lusts ihrer Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums), den es pau­schal mit 12 Mil­lio­nen Euro bewer­te­te, und einen mit 1 000 Euro bewer­te­ten imma­te­ri­el­len Scha­den ver­ur­sacht habe.

Die Kom­mis­si­on hat hier­ge­gen Rechts­mit­tel zum Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­legt, um die Auf­he­bung die­ses Urteils zu erwir­ken. Dabei macht die EU-Kom­mis­si­on im Wesent­li­chen gel­tend, das Euro­päi­sche Gericht habe einen Rechts­feh­ler began­gen, indem es fest­ge­stellt habe, der Rechts­streit sei außer­ver­trag­li­cher Natur und Systran ste­he ein Scha­dens­er­satz­an­spruch zu.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf hin, dass die Uni­ons­ge­rich­te, wenn sie wie im vor­lie­gen­den Fall mit einer Scha­dens­er­satz­kla­ge befasst sind, vor der Ent­schei­dung über die Begründ­etheit klä­ren müs­sen, ob sie zustän­dig sind, indem sie eine Prü­fung durch­füh­ren, mit der der Cha­rak­ter der gel­tend gemach­ten ver­trag­li­chen oder außer­ver­trag­li­chen Haf­tung und damit die Natur des Rechts­streits fest­ge­stellt wer­den soll.

Zu die­sem Zweck müs­sen die Uni­ons­ge­rich­te anhand einer Prü­fung der ver­schie­de­nen Infor­ma­tio­nen in den Akten, wie ins­be­son­de­re der Rechts­vor­schrift, die ver­letzt sein soll, der Art des gel­tend gemach­ten Scha­dens, des vor­ge­wor­fe­nen Ver­hal­tens sowie der recht­li­chen Bezie­hun­gen der betref­fen­den Par­tei­en, unter­su­chen, ob zwi­schen die­sen ein ech­ter ver­trags­recht­li­cher Zusam­men­hang besteht, der mit dem Gegen­stand des Rechts­streits ver­knüpft ist und des­sen ein­ge­hen­de Prü­fung sich für die Ent­schei­dung über die Kla­ge als uner­läss­lich erweist. Wenn sich aus der ein­lei­ten­den Prü­fung die­ser Gesichts­punk­te die Not­wen­dig­keit ergibt, den Inhalt eines oder meh­re­rer zwi­schen den betref­fen­den Par­tei­en geschlos­se­ner Ver­trä­ge aus­zu­le­gen, um fest­zu­stel­len, ob die For­de­run­gen des Klä­gers begrün­det sind, müs­sen die Uni­ons­ge­rich­te ihre Prü­fung des Rechts­streits in die­sem Sta­di­um been­den und sich für nicht zustän­dig erklä­ren, die­sen zu ent­schei­den, es sei denn, die Ver­trä­ge ent­hiel­ten eine Schieds­klau­sel, mit der die Gemein­schaft und eine Ver­trags­par­tei ver­ein­ba­ren, dass für etwai­ge Strei­tig­kei­ten zwi­schen ihnen die euro­päi­schen Gerich­te zustän­dig sind.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 18. April 2013 – C‑103/​11 P [Kom­mis­si­on /​Systran SA, Systran Luxem­bourg SA]

  1. EuG, Urteil vom 16.12.2010 – T‑19/​07 [Systran SA und Systran Luxem­bourg SA/​Kommission][][]