Kapi­tal­zu­füh­rung als staat­li­che Bei­hil­fe

In der Beur­tei­lung, die Reka­pi­ta­li­sie­rung von Socié­té Natio­na­le Cor­se-Médi­ter­ra­née (SNCM) als eine Maß­nah­me zu bil­li­gen, die kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe dar­stellt, liegt ein offen­sicht­li­cher Beur­tei­lungs­feh­ler der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Daher ist die Ent­schei­dung der Euopäi­schen Kom­mis­si­on nich­tig.

Kapi­tal­zu­füh­rung als staat­li­che Bei­hil­fe

So hat das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on ent­schie­den. Geklagt hat­te der Haupt­wett­be­wer­ber von SNCM, die Cor­si­ca Fer­ries Fran­ce SAS. Die SNCM ist ein fran­zö­si­sches Schiff­fahrts­un­ter­neh­men, das regel­mä­ßi­ge Schiffs­ver­bin­dun­gen vom fran­zö­si­schen Fest­land ins­be­son­de­re nach Kor­si­ka anbie­tet. Seit 1976 gewähr­leis­tet SNCM bestimm­te gemein­wirt­schaft­li­che Trans­port­ver­pflich­tun­gen und erhält dafür vom fran­zö­si­schen Staat eine Aus­gleichs­zah­lung. 2002 stand die­ses Unter­neh­men zu 20 % im Eigen­tum der Socié­té natio­na­le des che­mins de fer (SNCF) und zu 80 % im Eigen­tum der Com­pa­gnie géné­ra­le mari­ti­me et finan­ciè­re (CGMF), deren Kapi­tal wie­der­um zu 100 % unmit­tel­bar vom fran­zö­si­schen Staat gehal­ten wird. Bei einer Öff­nung des Kapi­tals von SNCM 2006 wur­de die Kon­trol­le über die­se Gesell­schaft zu 66 % von pri­va­ten Unter­neh­men (Capi­tal Part­ners und Veo­lia) über­nom­men, wäh­rend 25 % ihres Kapi­tals im Besitz von CGMF ver­blieb.

Mit Ent­schei­dung vom 8. Juli 2008 1 stell­te die Kom­mis­si­on fest, dass die Kapi­tal­zu­füh­rung von CGMF an SNCM in Höhe von 76 Mio. Euro im Jahr 2002 (53,48 Mio. Euro für gemein­wirt­schaft­li­che Ver­pflich­tun­gen und der Rest von 22,52 Mio. Euro als Umstruk­tu­rie­rungs­bei­hil­fen) mit dem Gemein­sa­men Markt ver­ein­bar sei. Die­se Kapi­tal­zu­füh­rung war 2003 bereits Gegen­stand einer Ent­schei­dung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on 2, die mit Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on vom 15. Juni 2005 3, auf­ge­ho­ben wur­de.

Die Maß­nah­men des Pri­va­ti­sie­rungs­plans von 2006 waren nach Ansicht der Kom­mis­si­on kei­ne staat­li­chen Bei­hil­fen. Die­se Maß­nah­men umfass­ten eine Auf­sto­ckung des Kapi­tals der SNCM um 158 Mio. Euro, eine zusätz­li­che Kapi­tal­zu­füh­rung von CGMF in Höhe von 8,75 Mio. Euro und schließ­lich einen Kon­to­kor­rent­vor­schuss von 38,5 Mio. Euro zur Finan­zie­rung eines von den Über­neh­mern gege­be­nen­falls auf­zu­stel­len­den Sozi­al­plans. Hier­ge­gen hat die Cor­si­ca Fer­ries Fran­ce SAS geklagt.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ist der Kom­mis­si­on ein offen­sicht­li­cher Beur­tei­lungs­feh­ler unter­lau­fen ist, als sie die Reka­pi­ta­li­sie­rung von SNCM als eine Maß­nah­me gebil­ligt hat, die kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe dar­stellt. Die Kom­mis­si­on muss, um zu ermit­teln, ob die Pri­va­ti­sie­rung von SNCM zu einem nega­ti­ven Ver­kaufs­preis von 158 Mio. Euro die Merk­ma­le einer staat­li­chen Bei­hil­fe auf­weist, prü­fen, ob ein pri­va­ter Kapi­tal­ge­ber unter ähn­li­chen Umstän­den hät­te ver­an­lasst wer­den kön­nen, im Rah­men des Ver­kaufs des betref­fen­den Unter­neh­mens Kapi­tal­hil­fen die­ses Umfangs zu gewäh­ren, oder ob er sich für die Liqui­da­ti­on des Unter­neh­mens ent­schie­den hät­te.

Die Kom­mis­si­on ist der Ansicht, dass sich die hypo­the­ti­schen Kos­ten einer Liqui­da­ti­on von SNCM, mit denen die Kos­ten der Reka­pi­ta­li­sie­rung zu ver­glei­chen sei­en, auf die zusätz­li­chen, über die streng gesetz­li­chen und ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen hin­aus­ge­hen­den Abfin­dun­gen beschränk­ten, die den Beschäf­tig­ten not­wen­di­ger­wei­se aus­zu­zah­len sei­en. Cor­si­ca Fer­ries bestrei­tet, dass ein umsich­ti­ger pri­va­ter Kapi­tal­ge­ber sol­che Abfin­dun­gen gezahlt hät­te. Dage­gen führt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on aus, dass ein umsich­ti­ger markt­wirt­schaft­lich han­deln­der pri­va­ter Kapi­tal­ge­ber weder sei­ne Ver­ant­wor­tung gegen­über allen Über­neh­mern des Unter­neh­mens noch die Ent­wick­lung des sozia­len, wirt­schaft­li­chen und öko­lo­gi­schen Kon­tex­tes, in dem er sich wei­ter­ent­wi­ckelt, außer Acht las­sen kann. Die Zah­lung zusätz­li­cher Abfin­dun­gen kann daher je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls grund­sätz­lich eine legi­ti­me und ange­brach­te Pra­xis sein, um einen befrie­de­ten sozia­len Dia­log zu för­dern und das Image des Unter­neh­mens zu erhal­ten. Die Berück­sich­ti­gung von Kos­ten, die über die streng gesetz­li­chen und ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen hin­aus­ge­hen, ist jedoch, da sie – auch lang­fris­tig – wirt­schaft­lich unver­nünf­tig ist, als eine staat­li­che Bei­hil­fe anzu­se­hen.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on stellt fest, dass die Kom­mis­si­on es jedoch ver­säumt hat, die wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten des fran­zö­si­schen Staa­tes zu defi­nie­ren, an denen die wirt­schaft­li­che Ver­nunft der frag­li­chen Maß­nah­me zu mes­sen ist. Außer­dem hat die Kom­mis­si­on nicht genü­gend objek­ti­ve und über­prüf­ba­re Bele­ge dafür bei­gebracht, dass die Zah­lung zusätz­li­cher Abfin­dun­gen eine unter den pri­va­ten Über­neh­mern hin­rei­chend eta­blier­te Pra­xis ist, oder aber, dass das Ver­hal­ten des fran­zö­si­schen Staa­tes in die­sem Fall durch die hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit eines – auch lang­fris­ti­gen – mit­tel­ba­ren mate­ri­el­len Gewinns ver­an­lasst war (z. B. durch die Ver­mei­dung einer Ver­schlech­te­rung des sozia­len Kli­mas in den öffent­li­chen Unter­neh­men).

Zwei­tens führt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on zur gleich­zei­tig mit der Kapi­tal­zu­füh­rung der pri­va­ten Über­neh­mer erfolg­ten Kapi­tal­zu­füh­rung von CGMF in Höhe von 8,75 Mio. Euro aus, dass die Kom­mis­si­on bei der Beur­tei­lung der Ver­gleich­bar­keit der Inves­ti­ti­ons­be­din­gun­gen nicht alle rele­van­ten Gesichts­punk­te berück­sich­tigt hat.

Drit­tens stellt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Kom­mis­si­on dadurch, dass sie die per­so­nen­be­zo­ge­nen Bei­hil­fen in Höhe von 38,5 Mio. Euro als eine Maß­nah­me gebil­ligt hat, die kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe dar­stellt, einen offen­sicht­li­chen Beur­tei­lungs­feh­ler began­gen hat. Eine Maß­nah­me ist näm­lich nicht schon des­halb nicht als eine staat­li­che Bei­hil­fe ein­zu­stu­fen, weil sie einem sozia­len Zweck dient. Da die­se Bei­hil­fen SNCM einen wirt­schaft­li­chen Vor­teil ver­schaf­fen konn­ten, stel­len sie eine staat­li­che Bei­hil­fe dar.

Schließ­lich stellt das Gericht fest, dass die Prü­fung des Umstruk­tu­rie­rungs­sal­dos von 22,52 Mio. Euro durch die Kom­mis­si­on nicht auf einer gül­ti­gen Grund­la­ge erfolg­te, da sie dar­auf gestützt ist, dass die im Plan von 2006 vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men kei­ne Merk­ma­le staat­li­cher Bei­hil­fen auf­wei­sen.

Das Gericht hat die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on daher für nich­tig erklärt.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2012 – T‑565/​08, Cor­si­ca Fer­ries Fran­ce /​Kom­mis­si­on

  1. Ent­schei­dung 2009/​611/​EG der Kom­mis­si­on vom 08.07.2008 über die Maß­nah­men C 58/​02 (ex N 118/​02) Frank­reichs zuguns­ten der SNCM, ABl. 2009, L 225, S. 180[]
  2. Ent­schei­dung 2004/​166/​EG der Kom­mis­si­on vom 09.07.2003, ABl. 2004, L 61, S. 13[]
  3. Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, – T‑349/​03, Cor­si­ca Fer­ries France/​Kommission []