Berufs­be­treu­er statt eines Ange­hö­ri­gen als Betreu­er

Zum Umfang der Amts­er­mitt­lungs­pflicht in Fäl­len, in denen das Betreu­ungs­ge­richt statt eines vom Betrof­fe­nen vor­ge­schla­ge­nen Ange­hö­ri­gen einen Berufs­be­treu­er aus­wählt, hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung genom­men:

Berufs­be­treu­er statt eines Ange­hö­ri­gen als Betreu­er

Das Gericht trifft bei der Fest­stel­lung der für die­se Ent­schei­dung erfor­der­li­chen Tat­sa­chen eine Amts­er­mitt­lungs­pflicht, § 26 FamFG. Nach die­ser Vor­schrift hat das Gericht von Amts wegen alle zur Fest­stel­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren. Über Art und Umfang die­ser Ermitt­lun­gen ent­schei­det grund­sätz­lich der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen 1.

Nach § 1897 Abs. 4 Satz 2 BGB hat das Betreu­ungs­ge­richt einem Vor­schlag des Betrof­fe­nen, eine Per­son zum Betreu­er zu bestel­len, zu ent­spre­chen, sofern die Bestel­lung des vor­ge­schla­ge­nen Betreu­ers dem Wohl des Betrof­fe­nen nicht zuwi­der­läuft. Ein sol­cher Vor­schlag erfor­dert in der Regel weder Geschäfts­fä­hig­keit noch natür­li­che Ein­sichts­fä­hig­keit 2. Es ist auch nicht erfor­der­lich, dass der Vor­schlag des Betrof­fe­nen, wie vom Baye­ri­schen Obers­ten Lan­des­ge­richt 3 gefor­dert, ernst­haft, eigen­stän­dig gebil­det und dau­er­haft sein muss. Viel­mehr genügt, dass der Betrof­fe­ne sei­nen Wil­len oder Wunsch kund­tut, eine bestimm­te Per­son sol­le sein Betreu­er wer­den 4. Etwai­gen Miss­bräu­chen und Gefah­ren wird hin­rei­chend durch die begrenz­te, letzt­lich auf das Wohl des Betrof­fe­nen abstel­len­de Bin­dungs­wir­kung eines sol­chen Vor­schlags begeg­net 5.

Nach § 1897 Abs. 5 Satz 1 BGB ist, wenn der Betrof­fe­ne nie­man­den als Betreu­er vor­ge­schla­gen hat, bei der Aus­wahl des Betreu­ers auf die ver­wandt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen des Betrof­fe­nen, ins­be­son­de­re auf des­sen per­sön­li­che Bin­dun­gen – etwa zu eige­nen Kin­dern – Rück­sicht zu neh­men. Die­se Rege­lung gilt auch dann, wenn der Betrof­fe­ne einen Ver­wand­ten, etwa sein Kind, als Betreu­er benannt hat 6. Denn das Kind des Betrof­fe­nen wird nach Maß­ga­be die­ser Vor­schrift "erst recht" zum Betreu­er zu bestel­len sein, wenn der Betrof­fe­ne selbst die­ses Kind aus­drück­lich als Betreu­er sei­ner Wahl benannt hat, mag der Betrof­fe­ne auch bei der Benen­nung nicht oder nur ein­ge­schränkt geschäfts­fä­hig gewe­sen sein.

In Wür­di­gung der in § 1897 Abs. 4 Satz 2, Abs. 5 Satz 1 BGB getrof­fe­nen Wert­ent­schei­dun­gen wird ein Kind des Betrof­fe­nen, das zum Betrof­fe­nen per­sön­li­che Bin­dun­gen unter­hält und das der Betrof­fe­ne wie­der­holt als Betreu­er benannt hat, des­halb bei der Betreu­er­aus­wahl beson­ders zu berück­sich­ti­gen sein und nur dann zuguns­ten eines Berufs­be­treu­ers über­gan­gen wer­den kön­nen, wenn gewich­ti­ge Grün­de des Wohls des Betreu­ten einer Bestel­lung sei­nes Kin­des ent­ge­gen­ste­hen 7.

Die­se recht­li­che Gewich­tung stellt auch an die tatrich­ter­li­che Ermitt­lungs­pflicht beson­de­re Anfor­de­run­gen. Der Tatrich­ter wird Grün­de, die mög­li­cher­wei­se in der Per­son des vom Betrof­fe­nen als Betreu­er benann­ten Kin­des lie­gen, ver­läss­lich nur fest­stel­len kön­nen, wenn er dem Kind Gele­gen­heit gege­ben hat, zu die­sen Grün­den Stel­lung zu neh­men. Es ver­stößt gegen den Amts­er­mitt­lungs­grund­satz, wenn der Tatrich­ter in sei­ner Ent­schei­dung aus­drück­lich die Eig­nung des benann­ten Kin­des zum Betreu­er­amt sowie die Red­lich­keit des Kin­des gegen­über dem Eltern­teil in Zwei­fel zieht und sich hier­bei auf Mit­tei­lun­gen Drit­ter beruft, ohne zuvor das als Betreu­er vor­ge­schla­ge­ne Kind – bei der­art gra­vie­ren­den Vor­wür­fen sogar regel­mä­ßig per­sön­lich – zu den von Drit­ten mit­ge­teil­ten Tat­sa­chen anzu­hö­ren. Eine sol­che Ver­fah­rens­wei­se wäre schon all­ge­mein als Grund­la­ge einer Betreu­er­aus­wahl, bei der ein Berufs­be­treu­er einem mög­li­chen ehren­amt­li­chen Betreu­er – auf­grund des­sen angeb­lich feh­len­der Eig­nung und man­geln­der Red­lich­keit – vor­ge­zo­gen wird, nicht unbe­denk­lich (vgl. § 1897 Abs. 6 Satz 1 BGB). Als tatrich­ter­li­che Basis einer Ent­schei­dung, durch die ein Kind des Betrof­fe­nen, obschon mit die­sem per­sön­lich ver­bun­den und von die­sem wie­der­holt als Betreu­er benannt, als Betreu­er über­gan­gen wird, kann eine sol­che Ver­fah­rens­wei­se nicht hin­ge­nom­men wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Dezem­ber 2010 – XII ZB 165/​10

  1. vgl. etwa BayO­bLG Fam­RZ 1996, 1110, 111[]
  2. vgl. BT-Drs. 11/​4528 S. 127[]
  3. vgl. etwa BayO­bLG Fam­RZ 2005, 548; BayO­bLG OLGR Mün-chen 2004, 251 Rn. 15; BayO­bLGR 2003, 360 = BtPrax 2003, 370 Rn. 13[]
  4. MünchKommBGB/​Schwab 5. Aufl. § 1897 Rn. 21[]
  5. vgl. auch BT-Drs. 11/​4528 S. 127[]
  6. vgl. auch BT-Drs. 11/​4528 S. 128[]
  7. vgl. BVerfGE 33, 236, 238 f.[]