Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das Abse­hen von der per­sön­li­chen Anhö­rung durch das Beschwer­de­ge­richt

Wann das das Beschwer­de­ge­richt im Betreu­ungs­ver­fah­ren von der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen abse­hen? Mit die­ser Fra­ge hat­te hat­te sich erneut der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das Abse­hen von der per­sön­li­chen Anhö­rung durch das Beschwer­de­ge­richt

Zwar eröff­net § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG dem Beschwer­de­ge­richt auch in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren die­se Mög­lich­keit. Ein sol­ches Vor­ge­hen setzt jedoch unter ande­rem vor­aus, dass die Anhö­rung bereits im ers­ten Rechts­zug ohne Ver­let­zung von zwin­gen­den Ver­fah­rens­vor­schrif­ten vor­ge­nom­men wor­den ist 1.

Ein Abse­hen von der Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren schei­det zudem dann aus, wenn das Beschwer­de­ge­richt eine neue, nach der amts­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung datie­ren­de Tat­sa­chen­grund­la­ge her­an­zieht 2.

Bei­des war im hier ent­schie­de­nen Streit­fall gege­ben:

Das Amts­ge­richt hat­te den Betrof­fe­nen zu einem Zeit­punkt ange­hört, als das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten des Dr. B. noch nicht erstat­tet war. Die­se Anhö­rung konn­te mit­hin weder die Funk­ti­on erfül­len, dem Betrof­fe­nen Gele­gen­heit zu geben, sich zu dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten und den sich dar­aus erge­ben­den neu­en Umstän­den zu äußern 3, noch hat das Amts­ge­richt die im Rah­men sei­ner Amts­er­mitt­lungs­pflicht (§ 26 FamFG) gebo­te­ne kri­ti­sche Über­prü­fung des Gut­ach­tens anhand des in einer Anhö­rung gewon­ne­nen per­sön­li­chen Ein­drucks vor­ge­nom­men 4.

Mit dem wei­te­ren Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen S. hat sich das Land­ge­richt zudem auf eine neue Tat­sa­chen­grund­la­ge gestützt. Daher war eine Anhö­rung im Beschwer­de­ver­fah­ren zwin­gend gebo­ten. Nicht aus­rei­chend ist, dass das Land­ge­richt einen Anhö­rungs­ter­min anbe­raumt hat, zu dem der Betrof­fe­ne nicht erschie­nen ist.

Einer der von der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung aner­kann­ten Aus­nah­me­fäl­le, in denen das Betreu­ungs­ge­richt das Ver­fah­ren nach § 34 Abs. 3 FamFG auch ohne per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen been­den kann 5, lag hier nicht vor. Es war weder vom Land­ge­richt fest­ge­stellt noch ander­wei­tig ersicht­lich, dass die gemäß § 278 Abs. 5 bis 7 FamFG zu Gebo­te ste­hen­de Vor­füh­rung des Betrof­fe­nen unver­hält­nis­mä­ßig wäre und außer­dem alle zwang­lo­sen Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft sind, den Betrof­fe­nen anzu­hö­ren bzw. sich von ihm einen per­sön­li­chen Ein­druck zu ver­schaf­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Febru­ar 2019 – XII ZB 444/​18

  1. BGH, Beschluss vom 21.11.2018 XII ZB 57/​18 5 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 10.10.2018 XII ZB 230/​18 Fam­RZ 2019, 140 Rn. 6 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 21.11.2018 XII ZB 57/​18 Rn. 6 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 12.10.2016 XII ZB 246/​16 Fam­RZ 2017, 142 Rn. 11; und vom 06.11.2013 XII ZB 650/​12 Fam­RZ 2014, 293 Rn. 13 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 26.11.2014 XII ZB 405/​14 Fam­RZ 2015, 485 Rn. 5; und vom 02.07.2014 XII ZB 120/​14 Fam­RZ 2014, 1543 Rn. 11 ff.[]