Das Umgangs­recht des nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Vaters

Das Umgangs­recht des nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­teils steht eben­so wie die elter­li­che Sor­ge des ande­ren Eltern­teils unter dem Schutz des Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG. Bei­de Rechts­po­si­tio­nen erwach­sen aus dem natür­li­chen Eltern­recht und der damit ver­bun­de­nen Eltern­ver­ant­wor­tung und müs­sen von den Eltern im Ver­hält­nis zuein­an­der respek­tiert wer­den. Das Umgangs­recht ermög­licht dem umgangs­be­rech­tig­ten Eltern­teil, sich von dem kör­per­li­chen und geis­ti­gen Befin­den des Kin­des und sei­ner Ent­wick­lung durch Augen­schein und gegen­sei­ti­ge Abspra­che fort­lau­fend zu über­zeu­gen, die ver­wandt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen zu ihm auf­recht­zu­er­hal­ten und einer Ent­frem­dung vor­zu­beu­gen, sowie dem Lie­bes­be­dürf­nis bei­der Tei­le Rech­nung zu tra­gen [1]. Der Eltern­teil, bei dem sich das Kind gewöhn­lich auf­hält, muss dem­ge­mäß grund­sätz­lich den per­sön­li­chen Umgang des Kin­des mit dem ande­ren Eltern­teil ermög­li­chen [2]. Ent­spre­chen­des gilt auch dann, wenn das Kind nicht bei einem Eltern­teil, son­dern in einer Pfle­ge­fa­mi­lie lebt. Denn in der Regel ent­spricht es dem Kin­des­wohl, die fami­liä­ren Bezie­hun­gen auf­recht­zu­er­hal­ten und das Kind nicht voll­stän­dig von sei­nen Wur­zeln zu tren­nen [3].

Das Umgangs­recht des nicht sor­ge­be­rech­tig­ten Vaters

Besteht Streit über die Aus­übung des Umgangs­rechts, haben die Rich­ter eine Ent­schei­dung zu tref­fen, die sowohl die Grund­rechts­po­si­tio­nen der Eltern als auch das Wohl des Kin­des und des­sen Indi­vi­dua­li­tät als Grund­rechts­trä­ger berück­sich­tigt [4]. Die Gerich­te müs­sen sich im Ein­zel­fall um eine Kon­kor­danz der ver­schie­de­nen Grund­rech­te bemü­hen [5]. Die Umstän­de des Ein­zel­falls wer­den nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, wenn die Gerich­te, ohne kon­kre­te Fest­stel­lun­gen zu tref­fen, eine bestimm­te Umgangs­re­ge­lung mit ihrer Spruch­pra­xis in ver­gleich­ba­ren Fäl­len begrün­den [6]. Eine Ein­schrän­kung oder ein Aus­schluss des Umgangs­rechts ist nur ver­an­lasst, wenn nach den Umstän­den des Ein­zel­falls der Schutz des Kin­des dies erfor­dert, um eine Gefähr­dung sei­ner see­li­schen oder kör­per­li­chen Ent­wick­lung abzu­weh­ren [7].

Grund­rechts­schutz ist auch durch die Gestal­tung des Ver­fah­rens sicher­zu­stel­len [8]; das gericht­li­che Ver­fah­ren muss in sei­ner Aus­ge­stal­tung geeig­net und ange­mes­sen sein, um der Durch­set­zung der mate­ri­el­len Grund­rechts­po­si­tio­nen wir­kungs­voll zu die­nen [9]. Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die Gerich­te nur gerecht, wenn sie sich mit den Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls aus­ein­an­der­set­zen, die Inter­es­sen der Eltern sowie deren Ein­stel­lung und Per­sön­lich­keit wür­di­gen und auf die Belan­ge des Kin­des ein­ge­hen [10]. Der Wil­le des Kin­des ist zu berück­sich­ti­gen, soweit das mit sei­nem Wohl ver­ein­bar ist. Vor­aus­set­zung hier­für ist, dass das Kind in dem gericht­li­chen Ver­fah­ren die Mög­lich­keit erhält, sei­ne per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zu den Eltern erkenn­bar wer­den zu las­sen. Die Gerich­te müs­sen ihr Ver­fah­ren des­halb so gestal­ten, dass sie mög­lichst zuver­läs­sig die Grund­la­ge einer am Kin­des­wohl ori­en­tier­ten Ent­schei­dung erken­nen kön­nen [11].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Juli 2010 – 1 BvR 3189/​09

  1. vgl. BVerfGE 31, 194, 206[]
  2. vgl. BVerfGE 31, 194, 206 f.; 64, 180, 187 f.[]
  3. vgl. BVerfGK 4, 339, 347; EGMR, Urteil vom 26.02.2004 – 74969/​01, FamRZ 2004, S. 1456, 1459[]
  4. vgl. BVerfGE 31, 194, 206 f.; 64, 180, 188[]
  5. vgl. BVerfGK 9, 274, 277 f., m.w.N.[]
  6. vgl. BVerfGK 9, 274, 278; BVerfG, Beschluss vom 18.02.1993 – 1 BvR 692/​92, FamRZ 1993, 662, 663[]
  7. vgl. BVerfGE 31, 194, 209 f.[]
  8. vgl. BVerfGE 55, 171, 182[]
  9. vgl. BVerfGE 84, 34, 49[]
  10. vgl. BVerfGE 31, 194, 210[]
  11. vgl. BVerfGE 55, 171, 182; BVerfGK 9, 274 278 f.[]