Ehe­zeit­an­teil einer bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge

Der Ehe­zeit­an­teil einer bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge (hier: betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung aus der "Betei­li­gungs­ren­te I" der Volks­wa­gen AG) ist nicht zeitra­tier­lich gemäß § 1587 a Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 lit. a BGB, son­dern aus der ehe­zeit­lich erreich­ten Anwart­schaft auf Leis­tun­gen zu ermit­teln. Für die Wert­be­rech­nung der Anwart­schaft kann das Ehe­zei­ten­de einem fik­ti­ven Aus­schei­den des Berech­tig­ten aus dem Betrieb gemäß § 2 Abs. 5 lit. a BetrAVG gleich­ge­setzt wer­den.

Ehe­zeit­an­teil einer bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge

Die Betei­li­gungs­ren­te I der Volks­wa­gen AG ist gemäß der Aus­kunft der Volks­wa­gen AG aus den in der Ehe­zeit erbrach­ten Auf­wen­dun­gen zu ermit­teln, ohne nach der zeitra­tier­li­chen Metho­de den Ehe­zeit­an­teil in Bezug zur fik­ti­ven Gesamt­be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit bis zur Alters­gren­ze zu set­zen. Inso­weit hält der Bun­des­ge­richts­hof im Anschluss an die Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main 1 für zutref­fend, dass die ihrem Wort­laut nach ein­schlä­gi­ge Vor­schrift des § 1587 a Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 lit. a BGB kei­nen dem Geset­zes­zweck gerecht wer­den­den Bewer­tungs­maß­stab für die hier vor­lie­gen­de Art der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung bie­tet und des­halb von einer Anwen­dung die­ser Vor­schrift im vor­lie­gen­den Fall abzu­se­hen ist.

Nach § 1587 a Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 lit. a BGB ist bei der Wert­ermitt­lung der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung, wenn bei Ein­tritt der Rechts­hän­gig­keit des Schei­dungs­an­trags die Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit andau­ert, der Teil der Ver­sor­gung zugrun­de zu legen, der dem Ver­hält­nis der in die Ehe­zeit fal­len­den Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit zu der Zeit vom Beginn der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit bis zu der in der Ver­sor­gungs­re­ge­lung vor­ge­se­he­nen fes­ten Alters­gren­ze ent­spricht (zeitra­tier­li­che Metho­de).

Die zeitra­tier­li­che Metho­de ist auf die Zusa­ge­form der betrieb­li­chen Leis­tungs­zu­sa­ge zuge­schnit­ten, wel­che zum Zeit­punkt der Ein­füh­rung der Vor­schrif­ten über den Ver­sor­gungs­aus­gleich der ganz über­wie­gen­den Pra­xis der betrieb­li­chen Alters­ver­sor­gung ent­sprach und sei­ner­zeit den allei­ni­gen Rege­lungs­ge­gen­stand des Betriebs­ren­ten­ge­set­zes (BetrAVG) vom 19.12.1974 bil­de­te. Bei der betrieb­li­chen Leis­tungs­zu­sa­ge stellt die zeitra­tier­li­che Metho­de der Ermitt­lung des Ehe­zeit­an­teils auch einen Behelf zur Ver­wirk­li­chung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes dar, weil mit ihr bereits die vor­her­seh­ba­ren Wert­ent­wick­lun­gen ehe­zeit­lich erwor­be­ner Anrech­te in den Aus­gleich ein­be­zo­gen wer­den, wel­che sich noch nach der Ehe­zeit auf­grund wei­ter andau­ern­der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit ver­wirk­li­chen.

Die Betei­li­gungs­ren­te I der Volks­wa­gen AG ist kei­ne betrieb­li­che Leis­tungs­zu­sa­ge. Gemäß § 20.2 des bestehen­den Man­tel­ta­rif­ver­trags erbringt die Volks­wa­gen AG zusätz­lich zum Monats­ent­gelt einen Ver­sor­gungs­auf­wand für Voll­zeit­be­schäf­tig­te in Höhe von 27 € monat­lich (bis zum 31.12.2000: 52 DM = 26,59 €). Gemäß § 20.6 des Man­tel­ta­rif­ver­trags i.V.m. § 11 Abs. 3 der durch Betriebs­ver­ein­ba­rung gefass­ten Ver­sor­gungs­ord­nung wird der Ver­sor­gungs­auf­wand der Volks­wa­gen AG mit dem für das jewei­li­ge Lebens­al­ter aus­ge­wie­se­nen Ver­ren­tungs­satz in Ren­ten­bau­stei­ne der betrieb­li­chen Zusatz­ver­sor­gung umge­rech­net. Zusätz­li­che Ren­ten­bau­stei­ne aus Über­schuss­be­tei­li­gun­gen wer­den gewährt, wenn das aus den Pen­si­ons­rück­stel­lun­gen gebil­de­te Son­der­ver­mö­gen Über­schüs­se erwirt­schaf­tet (§ 12 Abs. 4, 5 Satz 3 i.V.m. § 13 Ver­sO). Aus der Sum­me der jähr­li­chen Ren­ten­bau­stei­ne und der Sum­me der Ren­ten­bau­stei­ne aus Über­schuss­be­tei­li­gun­gen erbringt die Volks­wa­gen AG die jähr­li­chen Ver­sor­gungs­leis­tun­gen in der Form einer tarif­ver­trag­li­chen Direkt­zu­sa­ge.

In die­ser Aus­ge­stal­tung ent­spricht die Betei­li­gungs­ren­te I der Volks­wa­gen AG einer bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge (§ 1 Abs. 2 Nr. 1 BetrAVG). Denn die spä­te­ren Ver­sor­gungs­leis­tun­gen beru­hen auf Bau­stei­nen, die aus der Umwand­lung eines vom Arbeit­ge­ber zuge­sag­ten monat­li­chen Bei­trags erwor­ben wer­den 2.

Die Zusa­ge­form der bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge wur­de – eben­so wie die Ent­gelt­um­wand­lung – erst durch das Ren­ten­re­form­ge­setz 1999 3 ein­ge­führt. Gegen­stand der bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge ist nicht eine nach Merk­ma­len wie End­ge­halts­stu­fe oder Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit bemes­se­ne Leis­tung, son­dern allein der zum Auf­bau einer Ver­sor­gung zu erbrin­gen­de Auf­wand. Die Höhe der Leis­tung ist also abhän­gig von den gezahl­ten Bei­trä­gen. Zur Berech­nung der Ansprü­che wer­den die jähr­li­chen Bei­trä­ge und deren Erträ­ge nach ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Grund­sät­zen in eine mit dem Errei­chen der Alters­gren­ze fäl­lig wer­den­de Betriebs­ren­te ver­ren­tet. Bei der Ent­gelt­um­wand­lung wer­den Ent­gelt­be­stand­tei­le des Arbeit­neh­mers nach den­sel­ben Grund­sät­zen ver­ren­tet. Bei­den Zusa­ge­for­men ist gemein­sam, dass das erwor­be­ne Ren­ten­an­recht unmit­tel­bar auf den geleis­te­ten Bei­trä­gen oder den umge­wan­del­ten Ent­gel­ten beruht und nicht durch spä­te­re Ein­flüs­se des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses, wie etwa durch die Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, mit­be­stimmt wird.

Dar­aus folgt, dass im Fal­le einer Ehe­schei­dung die nach der Ehe­zeit platz­grei­fen­de wei­te­re Ent­wick­lung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses kei­nen Ein­fluss mehr auf den Wert der­je­ni­gen Anwart­schaf­ten erlan­gen kann, die wäh­rend der Ehe­zeit erwor­ben wur­den. Dann aber fehlt es an der Aus­gangs­la­ge, unter der die zeitra­tier­li­che Inbe­zug­set­zung des Ehe­zeit­an­teils zur fik­ti­ven Gesamt­be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit einen metho­disch begründ­ba­ren Behelf zur Ver­wirk­li­chung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes dar­stel­len kann. Die zeitra­tier­li­che Metho­de stell­te in dem Fall schlicht die unge­naue­re Bewer­tungs­me­tho­de gegen­über einer an den ehe­zeit­li­chen Bei­trä­gen oder den ehe­zeit­lich umge­wan­del­ten Ent­gel­ten kon­kret bemes­se­nen Bewer­tung dar.

Dass eine dif­fe­ren­zier­te Behand­lung der Zusa­ge­for­men gebo­ten ist, hat schließ­lich auch der Gesetz­ge­ber aner­kannt, indem er mit dem Alters­ver­mö­gens­ge­setz vom 26.06.2001 4 gere­gelt hat, dass der Min­dest­an­spruch eines vor­zei­tig aus­schei­den­den Arbeit­neh­mers nur im Fal­le einer auf betrieb­li­cher Leis­tungs­zu­sa­ge beru­hen­den Ren­te nach dem zeitra­tier­li­chen Ver­hält­nis der Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit zur fik­ti­ven Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit bis zum Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze besteht (§ 2 Abs. 1, 3 a, 4 BetrAVG), hin­ge­gen bei einer bei­trags­ori­en­tier­ten Leis­tungs­zu­sa­ge oder bei Ent­gelt­um­wand­lung die bis zu dem Aus­schei­dens­zeit­punkt tat­säch­lich erreich­te Anwart­schaft zu gewäh­ren ist (§ 2 Abs. 5 a BetrAVG).

Nicht bedacht hat der Gesetz­ge­ber, dass die auf betrieb­li­che Leis­tungs­zu­sa­gen zuge­schnit­te­ne Bewer­tungs­re­gel des § 1587 a Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 lit. a BGB eben­so kein geeig­ne­tes Mit­tel dar­stellt, um Ehe­zeit­an­tei­le bei­trags­ori­en­tier­ter Leis­tungs­zu­sa­gen oder Ent­gelt­um­wand­lun­gen sach­ge­recht zu bewer­ten. Weil mit einer Anwen­dung der Bewer­tungs­re­gel des § 1587 a Abs. 2 Nr. 3 Satz 1 lit. a BGB auf die neu ein­ge­führ­ten Zusa­ge­for­men letzt­lich der die Vor­schrift tra­gen­de Geset­zes­zweck der Ver­wirk­li­chung der Halb­tei­lung ver­fehlt wür­de, ist eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on des Anwen­dungs­be­reichs der Vor­schrift auf Fäl­le der betrieb­li­chen Leis­tungs­zu­sa­ge gebo­ten 5.

Der Ehe­zeit­an­teil der Ver­sor­gung bemisst sich somit nach kei­nem der in § 1587 a Abs. 1 bis 4 BGB genann­ten Bewer­tungs­maß­stä­be. Gemäß § 1587 a Abs. 5 BGB hat des­halb das Fami­li­en­ge­richt die aus­zu­glei­chen­de Ver­sor­gung in sinn­ge­mä­ßer Anwen­dung die­ser Vor­schrif­ten nach bil­li­gem Ermes­sen zu bestim­men. Von sei­nem Ermes­sen hat das Ober­lan­des­ge­richt Gebrauch gemacht, indem es das Ehe­zei­ten­de fik­tiv einem Aus­schei­den der Ehe­frau aus dem Betrieb gleich­ge­setzt und den Ehe­zeit­an­teil der erlang­ten Anwart­schaft nach den durch Bau­stei­ne zuge­sag­ten Leis­tun­gen bemes­sen hat. Das ent­spricht einer in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur vor­ge­schla­ge­nen Ver­fah­rens­wei­se 6, gegen die recht­lich nichts zu erin­nern ist.

Eine Bestim­mung des Ehe­zeit­an­teils nach dem bei Ehe­zei­ten­de ange­sam­mel­ten Deckungs­ka­pi­tal gemäß dem Rechts­ge­dan­ken des § 1587 a Abs. 2 Nr. 5 BGB 7 käme für die bei der Volks­wa­gen AG erwor­be­nen Anwart­schaf­ten schon des­halb nicht in Betracht, weil deren Ver­sor­gungs­zu­sa­ge auf einem vom Deckungs­ka­pi­tal unab­hän­gi­gen Bau­stein­prin­zip beruht 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Juli 2012 – XII ZB 8/​09

  1. OLG Frank­furt, Fam­RZ 2008, 1349, 1351[]
  2. vgl. Glock­ner Fam­RZ 2003, 1233, 1234[]
  3. BGBl.1997 I 2998[]
  4. BGBl. I S. 1310[]
  5. so im Ergeb­nis bereits OLG Cel­le OLGR 2008, 692, 693; OLG Frank­furt Fam­RZ 2008, 1349, 1351; Berg­ner FPR 2007, 142, 150; Johannsen/​Henrich/​Hahne Ehe­recht 4. Aufl. § 1587 a Rn.200 a; Glock­ner, Fam­RZ 2003, 1233, 1234; Glockner/​Goering Fam­RZ 2002, 282, 284; Palandt/​Brudermüller BGB 68. Aufl. § 1587 a Rn. 47; Rotax ZFE 2006, 178, 181; Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 2. Aufl. Rn. 136 f.[]
  6. vgl. OLG Frank­furt Fam­RZ 2008, 1349, 1351; Glock­ner Fam­RZ 2003, 1233, 1234; Glockner/​Goering Fam­RZ 2002, 282, 284; Johannsen/​Henrich/​Hahne Ehe­recht 4. Aufl. § 1587 a Rn.202 a; Rotax ZFE 2006, 178, 181[]
  7. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 23.07.2003 – XII ZB 162/​00, Fam­RZ 2003, 1648, 1649; OLG Cel­le Fam­RZ 2007, 563[]
  8. vgl. bereits OLG Frank­furt Fam­RZ 2008, 1349, 1351[]
  9. BGH, Urteil vom 28.10.2015 – IV ZR 405/​14, VersR 2015, 1545[]