Kin­der­geld­be­zug bei gemein­sa­men Haus­halt der Eltern

Auch (noch) zusam­men­le­ben­de Eltern kön­nen sich dar­über strei­ten, wem das Kin­der­geld zusteht, wie ein Rechts­streits zeigt, über den das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart jetzt ent­schie­den hat. Dort war es zum Streit zwi­schen den zusam­men­le­ben­den Eltern gekom­men, nach­dem der Ehe­mann sei­ne Frau auf ein fes­tes wöchent­li­ches Haus­halts­geld von 300 € gesetzt hat­te.

Kin­der­geld­be­zug bei gemein­sa­men Haus­halt der Eltern

Im Rah­men der in die­sem Fall nach § 64 Abs. 2 Satz 3 EStG zu tref­fen­den Ermes­sens­ent­schei­dun­gen über die Bezugs­be­rech­ti­gung für das Kin­der­geld kann nach Auf­fas­sung des OLG Stutt­gart auch berück­sich­tigt wer­den, bei wel­chem Berech­tig­ten das Kin­der­geld in wei­te­rem Umfang den Kin­dern selbst zugu­te kommt.

Das vom OLG Stutt­gart ent­schie­de­ne Ver­fah­ren betrifft die Berech­ti­gung zum Bezug des Kin­der­gel­des für drei min­der­jäh­ri­gen Kin­der, die sich im gemein­sa­men Haus­halt ihrer Eltern, der Antrag­stel­le­rin und des Antrags­geg­ners, auf­hal­ten.

Kei­ne Bin­dung an frü­he­re Eini­gun­gen

Es kann zunächst nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart offen blei­ben, ob die Eltern sich ursprüng­lich dar­auf geei­nigt hat­ten, dass das Kin­der­geld an die Antrag­stel­le­rin aus­be­zahlt wer­den soll. Indem der Antrags­geg­ner gegen­über der Fami­li­en­kas­se bean­tragt hat, das Kin­der­geld an ihn aus­zu­zah­len, hat er eine ent­spre­chen­de Bestim­mung wider­ru­fen. Auch ein ein­sei­ti­ger Wider­ruf ist recht­lich zuläs­sig [1]. Die Fami­li­en­kas­se hat mit Bescheid vom 13.08.2009 die Bezugs­be­rech­ti­gung des Antrags­geg­ners mit Wir­kung ab 01.08.2009 auf­ge­ho­ben.

Somit ist nach § 64 Abs. 2 Satz 3 EStG auf Antrag der Antrag­stel­le­rin über die Bezugs­be­rech­ti­gung ab die­sem Zeit­punkt zu ent­schei­den. Das Ver­fah­ren ist eine Fami­li­en­sa­che der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit (vgl. § 231 Abs. 2 FamFG).

Bestim­mung des Bezugs­be­rech­tig­ten als Ermes­sens­ent­schei­dung des Gerichts

Die Bestim­mung des Berech­tig­ten liegt im Ermes­sen des Gerichts [2]. Bei der Ermes­sens­aus­übung sind alle Umstän­de des Ein­zel­falls zu berück­sich­ti­gen. Ins­be­son­de­re kann nicht allein dar­auf abge­stellt wer­den, wel­cher Eltern­teil in höhe­rem Maße zum Fami­li­en­un­ter­halt bei­trägt. Die Rege­lung des § 64 Abs. 3 Satz 2 EStG, wonach die Höhe der gezahl­ten Unter­halts­ren­te maß­geb­lich ist, betrifft den Fall, dass das Kind nicht in den Haus­halt eines Berech­tig­ten auf­ge­nom­men ist, und ent­hält kei­ne Vor­ga­be für den Fall, dass das Kind im gemein­sa­men Haus­halt der Eltern lebt [3].

Tat­säch­li­che Unter­halts­leis­tun­gen als Ent­schei­dungs­maß­stab

Bei der Aus­übung des Ermes­sens kann grund­sätz­lich auch der Gesichts­punkt, wer in höhe­rem Maße für den Unter­halt auf­kommt, berück­sich­tigt wer­den [4]. Vor­lie­gend dürf­te dies in objek­ti­ver Hin­sicht der Antrags­geg­ner sein, da er, wie in der Beschwer­de­be­grün­dung aus­ge­führt, die lau­fen­den Kos­ten für die Fami­lie trägt, beson­de­re Anschaf­fun­gen über­nimmt und der Antrag­stel­le­rin zudem wöchent­lich einen fes­ten Betrag von 300 € zur Füh­rung des Haus­halts zur Ver­fü­gung stellt. Jedoch ist die­ser Aspekt im vor­lie­gen­den Fall nicht aus­schlag­ge­bend.

Kin­der­geld soll den Kin­dern zugu­te kom­men

Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass die Antrag­stel­le­rin, die unwi­der­spro­chen nach dem Ent­zug der Kon­to­voll­macht nicht auf das Kon­to des Antrags­geg­ners zugrei­fen kann, von die­sem zur Bestrei­tung der all­täg­li­chen Aus­ga­ben, auch für die Kin­der, einen Fest­be­trag zuge­wie­sen erhält. Bezieht sie das Kin­der­geld, kön­nen damit, zusätz­lich zu dem fes­ten Betrag von wöchent­lich 300 €, die Bedürf­nis­se der Kin­der gedeckt wer­den; das Kin­der­geld kommt ihnen daher direkt zugu­te. Wür­de hin­ge­gen der Antrags­geg­ner das Kin­der­geld bezie­hen, wäre dies nicht der Fall. Es ist weder vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich, dass der Antrags­geg­ner in die­sem Fall in glei­chem Umfang höhe­re Leis­tun­gen für die Antrag­stel­le­rin und die Kin­der erbrin­gen wür­de; wür­de er dies tun, wäre sein Behar­ren auf eine Aus­zah­lung des Kin­der­gel­des auf sein eige­nes Kon­to auch nicht ver­ständ­lich.

Leis­tungs­be­zug in der Ver­gan­gen­heit als Ent­schei­dungs­maß­stab

Dar­über hin­aus ist zu berück­sich­ti­gen, dass nach Aus­kunft der Fami­li­en­kas­se Tau­ber­bi­schofs­heim das Kin­der­geld für die drei gemein­sa­men Kin­der (bis 31.12.2009 ins­ge­samt 498 € monat­lich) seit ein­schließ­lich August 2009 an die Antrag­stel­le­rin aus­be­zahlt wur­de. Es wäre nicht sach­ge­recht, wenn die Antrag­stel­le­rin die Beträ­ge an die Fami­li­en­kas­se zurück­er­stat­ten müss­te und der Antrags­geg­ner für einen in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zeit­raum Geld erhal­ten wür­de, in dem der Unter­halt für die Kin­der bereits auf­ge­bracht wor­den ist [5].

Bei einer Gesamt­be­trach­tung aller Umstän­de erweist sich die durch das Fami­li­en­ge­richt getrof­fe­ne Bestim­mung der Antrag­stel­le­rin als Bezugs­be­rech­tig­te als zutref­fend. Die Maß­ga­be, dass sich die Bestim­mung des Berech­tig­ten auf die Zeit ab 01.08.2009 bezieht, dient der Klar­stel­lung.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 13. Janu­ar 2010 – 15 UF 225/​09

  1. Herrmann/​Heuer/​Raupach – Bergkem­per, EStG-Kom­men­tar, § 84 EStG Rn. 10[]
  2. OLG Mün­chen, FamRZ 2006, 1567; OLG Stutt­gart, FamRZ 2009, 155, 156[]
  3. OLG Mün­chen FamRZ 2006, 1567[]
  4. vgl. hier­zu auch OLG Schles­wig OLGR 2004, 62, 63[]
  5. vgl. OLG Stutt­gart FamRZ 2009, 155, 156[]