Trans­li­te­ra­ti­on von Namen in Per­so­nen­stands­ur­kun­den

Der Gerichts­hof äußert sich
Das Euro­päi­sche Uni­ons­recht steht der Wei­ge­rung, Vor- und Nach­na­men in Per­so­nen­stands­ur­kun­den zu ändern, nicht ent­ge­gen, sofern den Betrof­fe­nen dar­aus kei­ne schwer­wie­gen­den Nach­tei­le erwach­sen kön­nen. Mit die­sem "salo­mo­ni­schen" Urteil äußer­te sich jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zur Umschrift von Vor- und Nach­na­men von Uni­ons­bür­gern in Per­so­nen­stands­ur­kun­den eines Mit­glied­staats.

Trans­li­te­ra­ti­on von Namen in Per­so­nen­stands­ur­kun­den

Wor­um geht es? In eini­gen euro­päi­schen Spra­chen exis­tie­ren beson­de­re Buch­sta­ben, sei­en es die Umlau­te im Deut­schen, sei­en es dia­kri­ti­sche Zei­chen im Spa­ni­schen oder eini­gen ost­eu­ro­päi­schen Spra­chen. Die­se dia­kri­ti­schen Zei­chen fin­den sich natur­ge­mäß auch in Vor­na­men und Namen. In dem jewei­li­gen Sprach­raum ist das völ­lig unpro­ble­ma­tisch, was aber geschieht, wenn der Name in einem ande­ren Land außer­halb des ursprüng­li­chen Sprach­raums in offi­zi­el­len Doku­men­ten ver­wen­det wer­den muß? Darf dann der "nor­ma­le" Buch­sta­be ein­fach ohne das dia­kri­ti­sche Zei­chen benutzt wer­den? Oder hat ein Uni­ons­bür­ger Anspruch dar­auf, dass sein Name über­all in der Euro­päi­schen Uni­on "rich­tig" geschrie­ben wird?

Vor die­ser Fra­ge stand jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in einem Fall aus dem Bal­ti­kum, wo sich die­ses Pro­blem als Hin­ter­las­sen­schaft der Sowjet­zeit drän­gen­der stellt als im west­li­chen Euro­pa:

Frau Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn, gebo­ren 1977 in Vil­ni­us, ist litaui­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge. Sie gehört der pol­ni­schen Min­der­heit Litau­ens an. Sie erklärt, von ihren Eltern den pol­ni­schen Vor­na­men „Ma?gorzata“ und den Nach­na­men ihres Vaters „Runie­wicz“ erhal­ten zu haben. Nach ihren Anga­ben war ihre Geburts­ur­kun­de von 1977 in kyril­li­schen Buch­sta­ben aus­ge­stellt; erst in der Geburts­ur­kun­de von 2003 sei ange­ge­ben, dass der Vor- und der Nach­na­me in ihrer litaui­schen Schreib­form ein­ge­tra­gen sei­en, näm­lich als „Mal­goža­ta Runevič“. Der­sel­be Vor­na­me und der­sel­be Nach­na­me fin­den sich auch in ihrem 2002 aus­ge­stell­ten litaui­schen Rei­se­pass.

Nach­dem sie eine gewis­se Zeit in Polen gewohnt und gear­bei­tet hat­te, hei­ra­te­te sie 2007 den pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen Łuka­sz Paweł War­dyn. In der vom Stan­des­amt Vil­ni­us aus­ge­stell­ten Hei­rats­ur­kun­de wur­de „Łuka­sz Paweł War­dyn“ – nach den litaui­schen Schreib­re­geln ohne dia­kri­ti­sche Zei­chen – in „Luka­sz Pawel War­dyn“ umge­schrie­ben. Der Name der Ehe­frau ist als „Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn“ ange­ge­ben – es wur­den nur litaui­sche Buch­sta­ben, zu denen das „W“ nicht gehört, ver­wen­det, und zwar auch für den ihrem eige­nen Nach­na­men hin­zu­ge­füg­ten Nach­na­men ihres Ehe­manns. Die Ehe­gat­ten woh­nen mit ihrem Sohn der­zeit in Bel­gi­en.

2007 bean­trag­te Frau Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn beim Stan­des­amt Vil­ni­us, den in ihrer Geburts­ur­kun­de ein­ge­tra­ge­nen Namen „Mal­goža­ta Runevič“ in „Ma?gorzata Runie­wicz“ und den in ihrer Hei­rats­ur­kun­de ein­ge­tra­ge­nen Namens „Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn“ in „Ma?gorzata Runie­wicz-War­dyn“ zu ändern. Nach­dem die­ser Antrag abge­lehnt wor­den war, erho­ben die Ehe­gat­ten Kla­ge beim Vil­ni­aus mies­to 1 apylink?s teis­mas (Ers­tes Bezirks­ge­richt der Stadt Vil­ni­us, Litau­en). Die­ses Gericht frag­te den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens, ob das Uni­ons­recht der Rege­lung eines Mit­glied­staats ent­ge­gen­steht, die die Umschrift von Namen und Vor­na­men natür­li­cher Per­so­nen in Per­so­nen­stands­ur­kun­den die­ses Staa­tes in eine den Schreib­re­geln der offi­zi­el­len Lan­des­spra­che ent­spre­chen­de Form vor­schreibt.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass die Richt­li­nie 2000/​43/​EG des Rates vom 29. Juni 2000 zur Anwen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes ohne Unter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft 1 nicht auf den Fall der Ehe­gat­ten War­dyn anwend­bar ist, da ihr Gel­tungs­be­reich eine natio­na­le Rege­lung über die Umschrift von Vor- und Nach­na­men in Per­so­nen­stands­ur­kun­den nicht umfasst. Zwar wird in der Richt­li­nie all­ge­mein auf den Zugang zu und die Ver­sor­gung mit Gütern und Dienst­leis­tun­gen, die der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung ste­hen, Bezug genom­men, doch kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass eine sol­che natio­na­le Rege­lung unter den Begriff der „Dienst­leis­tung“ im Sin­ne der Richt­li­nie fällt.

Sodann führt der Euro­päi­sche Gerichts­hof zu den Ver­trags­be­stim­mun­gen über die Uni­ons­bür­ger­schaft aus, dass Vor­schrif­ten über die Umschrift von Vor- und Nach­na­men einer Per­son in Per­so­nen­stands­ur­kun­den beim gegen­wär­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts zwar in die Zustän­dig­keit der Mit­glied­staa­ten fal­len, die­se aber bei der Aus­übung die­ser Zustän­dig­keit gleich­wohl das Uni­ons­recht beach­ten müs­sen, und zwar ins­be­son­de­re die Ver­trags­be­stim­mun­gen über die jedem Uni­ons­bür­ger zuer­kann­te Frei­heit, sich im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten zu bewe­gen und auf­zu­hal­ten.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt fest, dass der Vor- und der Nach­na­me einer Per­son Teil ihrer Iden­ti­tät und ihres Pri­vat­le­bens sind, deren Schutz in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on und in der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten ver­an­kert ist.
Der Gerichts­hof äußert sich zum Antrag von Frau Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn auf Ände­rung ihres Vor- und ihres Mäd­chen­na­mens in der litaui­schen Geburts­ur­kun­de und in der litaui­schen Hei­rats­ur­kun­de. Wenn sich ein Uni­ons­bür­ger in einen ande­ren Mit­glied­staat begibt und in der Fol­ge mit einem Staats­an­ge­hö­ri­gen die­ses Mit­glied­staats die Ehe schließt, liegt in dem Umstand, dass sein Nach­na­me und sein Vor­na­me, wie er sie bis zu sei­ner Ehe­schlie­ßung getra­gen hat, in den Per­so­nen­stands­ur­kun­den sei­nes Her­kunfts­mit­glied­staats nur in Buch­sta­ben der Spra­che die­ses Staats geän­dert und umge­schrie­ben wer­den dür­fen, kei­ne ungüns­ti­ge­re Behand­lung liegt als die, die ihm zuteil wur­de, bevor er von der Frei­zü­gig­keit Gebrauch gemacht hat. Dass ein ent­spre­chen­des Recht nicht besteht, kann den Uni­ons­bür­ger also nicht davon abhal­ten, die durch den Ver­trag ver­lie­he­nen Frei­zü­gig­keits­rech­te wahr­zu­neh­men, und stellt somit kei­ne Beschrän­kung dar.

In Bezug auf den Antrag der Ehe­gat­ten, in der litaui­schen Hei­rats­ur­kun­de den dem Mäd­chen­na­men der Ehe­frau hin­zu­ge­füg­ten Nach­na­men von Herrn War­dyn zu ändern (in War­dyn statt Var­dyn), schließt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht aus, dass die Wei­ge­rung, die­se Ände­rung vor­zu­neh­men, Nach­tei­le für die Betrof­fe­nen bewir­ken kann. Eine sol­che Wei­ge­rung kann jedoch nur dann eine Beschrän­kung der durch den Ver­trag ver­lie­he­nen Frei­hei­ten dar­stel­len, wenn den Betrof­fe­nen dar­aus „schwer­wie­gen­de Nach­tei­le“ admi­nis­tra­ti­ver, beruf­li­cher und pri­va­ter Art erwach­sen kön­nen. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, zu ermit­teln, ob die Wei­ge­rung, den den Ehe­gat­ten gemein­sa­men Nach­na­men zu ändern, für die Betrof­fe­nen sol­che Nach­tei­le bewir­ken kann. Wenn dies der Fall ist, han­delt es sich um eine Beschrän­kung der durch den Ver­trag jedem Uni­ons­bür­ger zuer­kann­ten Frei­hei­ten. Das natio­na­le Gericht hat auch zu ermit­teln, ob die­se Wei­ge­rung unter die­sen Umstän­den ein ange­mes­se­nes Gleich­ge­wicht zwi­schen den zu berück­sich­ti­gen­den Belan­gen wahrt, näm­lich zum einen dem Recht der Ehe­gat­ten auf Ach­tung ihres Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens und zum ande­ren dem legi­ti­men Schutz, den der betrof­fe­ne Mit­glied­staat sei­ner offi­zi­el­len Lan­des­spra­che und sei­nen Tra­di­tio­nen zukom­men lässt. Der Gerichts­hof meint, dass sich im vor­lie­gen­den Fall die Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der Ableh­nung der von den Ehe­gat­ten gestell­ten Ände­rungs­an­trä­ge mög­li­cher­wei­se dar­aus erge­ben könn­te, dass das Stan­des­amt Vil­ni­us die­sen Namen in der Hei­rats­ur­kun­de, was Herrn War­dyn betrifft, den frag­li­chen pol­ni­schen Schreib­re­geln ent­spre­chend geschrie­ben hat.

Zum Antrag von Herrn War­dyn, sei­ne Vor­na­men in der litaui­schen Hei­rats­ur­kun­de in eine den pol­ni­schen Schreib­re­geln ent­spre­chen­de Form, näm­lich in „Łuka­sz Paweł“ (und nicht Luka­sz Pawel) umzu­schrei­ben, stellt der Gerichts­hof fest, dass der Unter­schied zwi­schen die­sen Umschrif­ten dar­in lie­gen soll, dass die nicht in der litaui­schen Spra­che ver­wen­de­ten dia­kri­ti­schen Zei­chen weg­ge­las­sen wur­den. Er führt in die­sem Zusam­men­hang aus, dass dia­kri­ti­sche Zei­chen bei vie­len Hand­lun­gen des täg­li­chen Lebens aus tech­ni­schen Grün­den (wie z. B. objek­ti­ven Zwän­gen bestimm­ter Infor­ma­tik­sys­te­me) oft weg­ge­las­sen wer­den. Außer­dem kennt eine Per­son, die kei­ne Fremd­spra­che beherrscht, die Bedeu­tung dia­kri­ti­scher Zei­chen oft­mals nicht. Es ist daher wenig wahr­schein­lich, dass dem Betrof­fe­nen allein durch das Weg­las­sen die­ser Zei­chen tat­säch­li­che und schwer­wie­gen­de Nach­tei­le erwach­sen kön­nen, die geeig­net sind, Zwei­fel an sei­ner Iden­ti­tät und an der Echt­heit der von ihm vor­ge­leg­ten Doku­men­te zu wecken. Der Gerichts­hof stellt daher fest, dass die Wei­ge­rung, die Hei­rats­ur­kun­de eines Uni­ons­bür­gers, der Staats­an­ge­hö­ri­ger eines ande­ren Mit­glied­staats ist, zu ändern, damit sei­ne Vor­na­men in die­ser Urkun­de mit dia­kri­ti­schen Zei­chen so geschrie­ben wer­den, wie sie in den von sei­nem Her­kunfts­mit­glied­staat aus­ge­stell­ten Per­so­nen­stands­ur­kun­den geschrie­ben sind und wie es den Schreib­re­geln der offi­zi­el­len Lan­des­spra­che die­ses Staa­tes ent­spricht, kei­ne Beschrän­kung der durch den Ver­trag jedem Uni­ons­bür­ger zuer­kann­ten Frei­hei­ten dar­stellt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 12. Mai 2011 – C‑391/​09
[Mal­goža­ta Runevič-Var­dyn und Łuka­sz Paweł War­dyn /​Vil­ni­aus mies­to savivaldyb?s admi­nis­tra­ci­ja u. a.]

  1. ABl. L 180, S. 22[]