Arz­nei­mit­tel­re­gress bei einer Gemein­schafts­pra­xis

Ein Regress wegen der Ver­ord­nung nicht ver­ord­nungs­fä­hi­ger Arz­nei­mit­tel kann nicht nur zu Las­ten der Gemein­schafts­pra­xis fest­ge­setzt wer­den. Viel­mehr kommt eine Regress­fest­set­zung sowohl gegen die Gemein­schafts­pra­xis als auch gegen deren Mit­glie­der in Betracht.

Arz­nei­mit­tel­re­gress bei einer Gemein­schafts­pra­xis

Zwar hat im Regel­fall die Gemein­schafts­pra­xis Regres­se wie auch etwai­ge Hono­rar­kür­zun­gen zu tra­gen 1. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat dies damit begrün­det, dass die Gemein­schafts­pra­xis durch die gemein­sa­me Aus­übung der (zahn)ärztlichen Tätig­keit geprägt ist und recht­lich gese­hen eine Pra­xis dar­stellt 2. So wird die Wirt­schaft­lich­keit der Behand­lungs- und Ver­ord­nungs­wei­se einer Gemein­schafts­pra­xis nicht bezo­gen auf den ein­zel­nen Arzt, son­dern bezo­gen auf die Gemein­schafts­pra­xis als Ein­heit geprüft 3; eben­so tref­fen sie die wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Falsch­ab­rech­nun­gen bzw rechts­wid­ri­gen Ver­ord­nun­gen 4. Die Behand­lun­gen, Abrech­nun­gen und Ver­ord­nun­gen eines Ver­trags­arz­tes im Rechts­sin­ne sind sol­che der Gemein­schafts­pra­xis, solan­ge er sei­ne Tätig­keit im Sta­tus einer Gemein­schafts­pra­xis aus­übt 5. Dies gilt auch dann, wenn die Gemein­schafts­pra­xis zwi­schen­zeit­lich been­det wur­de, weil sie in ver­trags­arzt­recht­li­cher Hin­sicht für nicht erfüll­te Pflich­ten und For­de­run­gen als fort­be­stehend gilt 6.

Jedoch tritt neben die Ver­pflich­tung (bzw Haf­tung) der Gemein­schafts­pra­xis eine sol­che ihrer Gesell­schaf­ter. Es ent­spricht stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richt, dass für Regress­an­sprü­che der Insti­tu­tio­nen der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung nicht nur die Gemein­schafts­pra­xis selbst ein­zu­ste­hen hat, son­dern auch jedes ihrer Mit­glie­der 7. Sie sind per­sön­lich haf­ten­de Schuld­ner für For­de­run­gen gegen die Gemein­schafts­pra­xis, die sich zB im Fal­le rechts­wid­ri­gen Behand­lungs- oder Ver­ord­nungs­ver­hal­tens von Pra­xis­part­nern erge­ben 8. Als Gesell­schaf­ter müs­sen sie für sol­che For­de­run­gen gegen die Gemein­schafts­pra­xis auch in eige­ner Per­son ein­ste­hen 9; sie kön­nen jeder für sich in Anspruch genom­men wer­den 10. Dem­entspre­chend sind Regress- bzw Rück­for­de­rungs­be­schei­de, die nur gegen einen Part­ner der Gemein­schafts­pra­xis gerich­tet sind, nicht zu bean­stan­den 11.

Umge­kehrt hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt dem ein­zel­nen Pra­xis­part­ner das Recht ein­ge­räumt, For­de­run­gen, die gegen­über der Gemein­schafts­pra­xis gel­tend gemacht wer­den, wahl­wei­se zusam­men mit sei­nen Pra­xis­part­nern gemein­schaft­lich abzu­weh­ren, oder sie – sowohl wenn sie nur gegen­über der Gemein­schafts­pra­xis als auch wenn sie auch ihm selbst gegen­über gel­tend gemacht wer­den – allein abzu­weh­ren 12. Dar­auf, ob die Gemein­schafts­pra­xis noch fort­be­steht oder bereits auf­ge­löst ist, kommt es auch inso­weit nicht an 13.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 8. Dezem­ber 2010 – B 6 KA 38/​09 R

  1. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 21; BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16; BSG Urteil vom 05.05.2010 – B 6 KA 21/​09 R – SozR 4 – 2500 § 85 Nr 57 RdNr 15; sie­he auch BSG SozR 4 – 1500 § 141 Nr 1 RdNr 17 sowie BSG SozR 4 – 5555 § 15 Nr 1 RdNr 15[]
  2. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 21; s auch BSG SozR 4 – 2500 § 85 Nr 57 RdNr 15[]
  3. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 aaO[]
  4. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 22[]
  5. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 aaO; BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16[]
  6. zum fik­ti­ven Fort­be­stehen der Gemein­schafts­pra­xis für schwe­ben­de Aus­ein­an­der­set­zun­gen um For­de­run­gen und Ver­bind­lich­kei­ten s § 730 Abs 2 Satz 1 BGB und BSG SozR 4 – 2500 § 87 Nr 15 RdNr 14; BSGE 98, 89 = SozR 4 – 2500 § 85 Nr 31, RdNr 11[]
  7. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 22; BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16; BSG Urteil vom 05.05.2010 – B 6 KA 21/​09 R – SozR 4 – 2500 § 85 Nr 57 RdNr 15[]
  8. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16 mwN[]
  9. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16 unter Hin­weis auf zB Sprau in Palandt, BGB, 69. Aufl 2010, § 714 RdNr 10 ff mwN; vgl auch zB BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 22[]
  10. BSGE 89, 90, 93 = SozR 3 – 2500 § 82 Nr 3 S 6; vgl auch BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 6 RdNr 22[]
  11. BSGE 89, 90, 93 = SozR 3 – 2500 § 82 Nr 3 S 6; BSG Urteil vom 23.6.2010 – B 6 KA 7/​09 R – RdNr 30[]
  12. BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16 unter Hin­weis auf BSGE 89, 90, 92 f = SozR 3 – 2500 § 82 Nr 3 S 5 und BSG, MedR 2004, 172[]
  13. vgl BSG SozR 4 – 2500 § 106 Nr 26 RdNr 16; sie­he auch BSG Urteil vom 23.06.2010 – B 6 KA 7/​09 R[]