Deut­sches Kin­der­geld in den Wohn­sitz-Wohn­sitz-Fäl­len – wenn nur in Deutsch­land ein Kin­der­geld­an­spruch besteht

Der Anspruch auf Kin­der­geld im nach­ran­gi­gen Staat ist nicht nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 aus­ge­schlos­sen, wenn nur ein Anspruch im nach­ran­gi­gen Staat besteht, die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Anspruch im vor­ran­gi­gen Staat aber nicht erfüllt wer­den. Die Koor­di­nie­rungs­re­gel des Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 ist nur anwend­bar, wenn kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che im Sin­ne die­ser Vor­schrift vorliegen.

Deut­sches Kin­der­geld in den Wohn­sitz-Wohn­sitz-Fäl­len – wenn nur in Deutsch­land ein Kin­der­geld­an­spruch besteht

Wird daher in dem vor­ran­gig zustän­di­gen Mit­glied­staat für ein­zel­ne Kin­der kei­ne dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tung erbracht, weil die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten kei­nen Anspruch für das Kind vor­se­hen, müs­sen die allein durch den Wohn­ort einer berech­tig­ten Per­son aus­ge­lös­ten Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für in einem ande­ren Mit­glied­staat leben­de Kin­der erfüllt werden.

Die Wohn­sitz­fik­ti­on des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 kann bei Per­so­nen, die im EU-Aus­land woh­nen, dazu füh­ren, dass der Anspruch auf deut­sches (Differenz-)Kindergeld nicht dem in Deutsch­land leben­den Eltern­teil zusteht, son­dern dem im ande­ren Mit­glied­staat zusam­men mit den Kin­dern in einem Haus­halt leben­den ande­ren Eltern­teil1.

Dies ent­schied jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof im Fal­le einer ita­lie­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die mit ihrem im April 2005 gebo­re­nen Kind E in Ita­li­en wohnt. Sie ist nicht erwerbs­tä­tig und bezieht kei­ne Ren­te. Der Kinds­va­ter, eben­falls ita­lie­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, wohnt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ist nicht erwerbs­tä­tig und erhält Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung nach dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch. In Ita­li­en besteht für das Kind E nach den Fest­stel­lun­gen des erst­in­stanz­lich täti­gen Finanz­ge­richts Nürn­berg2 kein Anspruch auf Familienleistungen.

Die Fami­li­en­kas­se setz­te zuguns­ten der Mut­ter Kin­der­geld für das Kind ab Mai 2010 bis April 2023 fest, hob jedoch im Dezem­ber 2017 die Kin­der­geld­fest­set­zung für E ab Juli 2017 gemäß § 70 Abs. 2 EStG auf. Zur Begrün­dung gab sie an, dass sich die für den Anspruch auf Kin­der­geld wesent­li­chen Ver­hält­nis­se geän­dert hät­ten. Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der Grund­ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 68 Abs. 1 b iii der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit3 in der für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Fas­sung sei Ita­li­en vor­ran­gig für die Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­dig, weil kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che auf Kin­der­geld nach deut­schem Recht und auf ita­lie­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen bestün­den, die bei­de durch den Wohn­sitz aus­ge­löst wür­den und die Kin­der in Ita­li­en wohn­haft sei­en. Dif­fe­renz­kin­der­geld i.S. des Art. 68 Abs. 2 Satz 2 der VO Nr. 883/​2004 sei gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 ausgeschlossen.

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Gegen den Auf­he­bungs­be­scheid leg­te die Mut­ter Ein­spruch ein, den die Fami­li­en­kas­se zurück­wies. Die dar­auf­hin erho­be­ne Kla­ge hat­te vor dem Finanz­ge­richt Nürn­berg Erfolg2; das Finanz­ge­richt ver­trat die Ansicht, dass ein Aus­schluss des unstrei­tig bestehen­den inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruchs nicht von Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 gedeckt sei. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Fami­li­en­kas­se wies jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof aus unbe­grün­det zurück; das Finanz­ge­richt habe zu Recht ent­schie­den, dass der Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nicht durch Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 aus­ge­schlos­sen ist und die Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung rechts­wid­rig war:

Nach § 62 Abs. 1 Satz 1 EStG setzt der Anspruch auf Kin­der­geld u.a. vor­aus, dass der Anspruch­stel­ler im Inland einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat oder ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland nach § 1 Abs. 2 EStG unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig ist oder nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lagen nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt bei der in Ita­li­en leben­den Mut­ter zwar nicht vor. Das Finanz­ge­richt hat aber zu Recht einen inlän­di­schen Wohn­sitz der Mut­ter nach Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 987/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16.09.2009 zur Fest­le­gung der Moda­li­tä­ten für die Durch­füh­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 über die Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit4 in der für den Streit­zeit­raum maß­geb­li­chen Fas­sung fingiert.

Im Streit­fall ist der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröffnet.

Die Mut­ter ist Staats­an­ge­hö­ri­ge eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on und fällt damit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in den per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich der Grund­ver­ord­nung. Eben­so ist das Kin­der­geld nach dem EStG eine Fami­li­en­leis­tung i.S. des Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004, wes­halb auch deren sach­li­cher Anwen­dungs­be­reich nach Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004 eröff­net ist5.

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Nach Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 hat eine Per­son auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­glied­staat woh­nen wür­den. Nach Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ist bei der Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/​2004, ins­be­son­de­re was das Recht einer Per­son zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt, die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen, als wür­den alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats fal­len und dort wohnen.

Nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on „Trap­kow­ski„6 ergibt sich aus der in die­sen bei­den Bestim­mun­gen ent­hal­te­nen Fik­ti­on, dass eine Per­son Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge erhe­ben kann, die in einem ande­ren als dem für ihre Gewäh­rung zustän­di­gen Mit­glied­staat woh­nen. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 kann daher dazu füh­ren, dass der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen einer Per­son zusteht, die nicht in dem Mit­glied­staat wohnt, der für die Gewäh­rung die­ser Leis­tun­gen zustän­dig ist, sofern alle ande­ren durch das natio­na­le Recht vor­ge­schrie­be­nen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung erfüllt sind. Vor­aus­set­zung der Wohn­sitz­fik­ti­on ist daher nach der Recht­spre­chung des EuGH, dass der Mit­glied­staat, in dem der Wohn­sitz des in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen­den Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen fin­giert wird, für die Erbrin­gung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­dig ist. Rechts­fol­ge der Wohn­sitz­fik­ti­on ist, dass ein Anspruch, der im für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­glied­staat begrün­det wur­de, einer Per­son zuste­hen kann, die in einem ande­ren Mit­glied­staat wohnt7.

Dabei ist Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 nach dem Moser, Urteil des Uni­ons­ge­richts­hofs8 dahin aus­zu­le­gen, dass er sowohl in dem Fall Anwen­dung fin­det, dass die Leis­tung gemäß den als vor­ran­gig bestimm­ten Rechts­vor­schrif­ten gewährt wird, als auch in jenem Fall, dass sie nach den Rechts­vor­schrif­ten eines nach­ran­gig zustän­di­gen Mit­glied­staats in Form eines Unter­schieds­be­trags aus­be­zahlt wird9.

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Die in Ita­li­en leben­de Mut­ter erfüllt daher die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen für den Bezug von Kin­der­geld gemäß § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. §§ 62 ff. i.V.m. § 32 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 3 EStG für ihr in Ita­li­en leben­des Kind, da der Kinds­va­ter in Deutsch­land sei­nen Wohn­sitz hat.

Die­ser Anspruch der Mut­ter auf Gewäh­rung von Kin­der­geld wird nicht nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 ausgeschlossen.

Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 ‑wie vor­lie­gend- eröff­net und lie­gen kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che im Sin­ne der Ver­ord­nung vor, dann sind die Ansprü­che aus­schließ­lich nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 zu koor­di­nie­ren. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig10.

Das Finanz­ge­richt ist auch zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass der Kinds­va­ter gemäß Art. 11 Abs. 3 Buchst. e der VO Nr. 883/​2004 den Rechts­vor­schrif­ten des Wohn­mit­glied­staats Deutsch­land unter­liegt, da er nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt im Streit­zeit­raum weder eine Erwerbs­tä­tig­keit aus­ge­übt (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a und b der VO Nr. 883/​2004) noch Leis­tun­gen bei Arbeits­lo­sig­keit (Art. 11 Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004) erhal­ten hat. Die Mut­ter unter­lag nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt jeden­falls auf­grund ihres Wohn­sit­zes den Rechts­vor­schrif­ten des Mit­glied­staats Ita­li­en, da sie im Streit­zeit­raum eben­falls kei­ner Erwerbs­tä­tig­keit nach­ging. Wird der Anspruch im ande­ren Mit­glied­staat eben­falls durch den Wohn­ort aus­ge­löst und ist die­ser Mit­glied­staat ‑wie im Streit­fall der Mit­glied­staat Ita­li­en- zugleich der Wohn­ort der Kin­der, ist der Kin­der­geld­an­spruch in Deutsch­land nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. b Ziff. iii der VO Nr. 883/​2004 nachrangig.

Im Fal­le der Nach­ran­gig­keit des Kin­der­geld­an­spruchs in Deutsch­land wird die­ser nach Art. 68 Abs. 2 Satz 2 Halb­satz 1 der VO Nr. 883/​2004 bis zur Höhe des nach den vor­ran­gig gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten vor­ge­se­he­nen Betrags aus­ge­setzt. Der an sich nach Art. 68 Abs. 2 Satz 2 Halb­satz 2 der VO Nr. 883/​2004 vor­ge­se­he­ne Dif­fe­renz­be­trag muss gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 aller­dings nicht für Kin­der gewährt wer­den, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, wenn der ent­spre­chen­de Leis­tungs­an­spruch aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird11.

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Ent­ge­gen der Ansicht der Fami­li­en­kas­se bedeu­tet dies aber nicht, dass der Anspruch im nach­ran­gi­gen Staat nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 auch dann aus­ge­schlos­sen ist, wenn nur ein Anspruch im nach­ran­gi­gen Staat besteht, die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Anspruch im vor­ran­gi­gen Staat aber nicht erfüllt sind. Die Koor­di­nie­rungs­re­gel des Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 ist nur anwend­bar, wenn kon­kur­rie­ren­de Ansprü­che im Sin­ne die­ser Vor­schrift vorliegen.

Im Streit­fall haben die Mut­ter bzw. der Kinds­va­ter nach den den Bun­des­fi­nanz­hof bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt (§ 118 Abs. 2 FGO) jedoch kei­nen Anspruch auf ita­lie­ni­sche Familienleistungen.

Gemäß Art. 68 Abs. 2 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004 wer­den beim Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen die Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten gewährt, die nach Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 Vor­rang haben. Für die Fra­ge, ob ein Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt, ist erfor­der­lich, dass die jewei­li­gen Rechts­vor­schrif­ten eines Mit­glied­staats dem Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen einen mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruch auf Gewäh­rung ent­spre­chen­der Fami­li­en­leis­tung ver­leiht. Der Betrof­fe­ne muss folg­lich alle in den inter­nen Rechts­vor­schrif­ten die­ses Staats auf­ge­stell­ten Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen grund­sätz­lich erfüllen.

Nichts ande­res ergibt sich aus dem Wort­laut des Art. 68 Abs. 2 Sät­ze 1 und 3 der VO Nr. 883/​2004.

Nach dem Wort­laut des Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 gel­ten die Prio­ri­täts­re­geln nur, wenn für den­sel­ben Zeit­raum und für die­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten meh­re­rer Mit­glied­staa­ten „zu gewäh­ren sind“. Auch die Über­schrift zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 spricht von „Prio­ri­täts­re­geln bei Zusam­men­tref­fen von Ansprü­chen“. Ent­ge­gen der Ansicht der Fami­li­en­kas­se genügt es dafür nicht, wenn Fami­li­en­leis­tun­gen über­haupt in zwei Mit­glied­staa­ten vor­ge­se­hen sind. „Zu gewäh­ren sind“ die Fami­li­en­leis­tun­gen nur dann, wenn der Anspruchs­be­rech­tig­te die nach den natio­na­len Vor­schrif­ten ent­spre­chen­den mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen erfüllt. Sind in einem Mit­glied­staat für ein Kind kei­ne Leis­tun­gen vor­ge­se­hen, weil bei­spiels­wei­se die Alters­gren­ze oder bestimm­te Ein­kom­mens­gren­zen über­schrit­ten sind, so ist für die­se Fall­ge­stal­tun­gen eine Anwen­dung der Prio­ri­täts­re­ge­lung nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 gene­rell aus­ge­schlos­sen12. Die­se Aus­le­gung wird auch durch Art. 68 Abs. 2 Sät­ze 2 und 3 der VO Nr. 883/​2004 bestä­tigt. Grund­sätz­lich ist nach Satz 2 ein Unter­schieds­be­trag dann zu zah­len, wenn Ansprü­che nach den Rechts­vor­schrif­ten bei­der Mit­glied­staa­ten bestehen, der Anspruch des vor­ran­gi­gen Mit­glied­staats aber gerin­ger ist als der des nach­ran­gi­gen. Die Ver­pflich­tung zur Zah­lung eines „der­ar­ti­gen Unter­schieds­be­trags“ ist nach Satz 3 nur dann aus­ge­schlos­sen, für Kin­der, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, wenn der ent­spre­chen­de Leis­tungs­an­spruch aus­schließ­lich durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird. Die For­mu­lie­rung in Satz 3 „der­ar­ti­ger Unter­schieds­be­trag“ setzt dem­nach eine Anspruchs­ku­mu­lie­rung voraus.

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Wird daher in dem vor­ran­gig zustän­di­gen Mit­glied­staat für ein­zel­ne Kin­der kei­ne dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tung erbracht, weil die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten kei­nen Anspruch für das Kind vor­se­hen, müs­sen die allein durch den Wohn­ort einer berech­tig­ten Per­son aus­ge­lös­ten Ansprü­che auf Fami­li­en­leis­tun­gen für in einem ande­ren Mit­glied­staat leben­de Kin­der erfüllt wer­den13.

Zwar mutet das Ergeb­nis ‑wor­auf die Fami­li­en­kas­se hin­weist- merk­wür­dig an, wenn Deutsch­land bei einer nur gerin­gen aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung kei­nen Unter­schieds­be­trag leis­ten muss, wenn der ent­spre­chen­de Leis­tungs­an­spruch ‑wie im Streit­fall- allein durch den Wohn­ort aus­ge­löst wird und das Kind in dem ande­ren Mit­glied­staat wohnt, hin­ge­gen der inlän­di­sche Kin­der­geld­an­spruch in vol­ler Höhe zu zah­len ist, wenn im vor­ran­gi­gen Mit­glied­staat über­haupt kein Anspruch besteht. Das Ergeb­nis ent­spricht aber den euro­pa­recht­li­chen Vorgaben.

Vor Inkraft­tre­ten der VO Nr. 883/​2004 galt die VO (EWG) Nr. 1408/​71 des Rates vom 14.06.1971 zur Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und Selb­stän­di­ge sowie deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern14, die in Art. 73 ledig­lich einen Export von Fami­li­en­leis­tun­gen für Kin­der von Arbeit­neh­mern und Selb­stän­di­gen und in Art. 74 für arbeits­lo­se Arbeit­neh­mer vor­sah. In ande­ren Fäl­len war der Mit­glied­staat, der einen Anspruch ver­mit­tel­te, gene­rell nicht zur Zah­lung von Fami­li­en­leis­tun­gen für in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen­de Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge (Kin­der) ver­pflich­tet. In der nun­mehr gel­ten­den VO Nr. 883/​2004 macht Art. 67 den Export von Fami­li­en­leis­tun­gen nicht mehr von die­sen Vor­aus­set­zun­gen (Erwerbs­tä­tig­keit oder Arbeits­lo­sig­keit) abhän­gig, son­dern regelt, dass jede Per­son für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats hat, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­glied­staat woh­nen wür­den. Ledig­lich wenn für das Kind im Wohn­sitz­staat ein Anspruch auf eine Fami­li­en­leis­tung besteht, soll der (höhe­re) Anspruch im ande­ren Mit­glied­staat, der eben­falls einen Anspruch für das­sel­be Kind ver­mit­telt, unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen nach Art. 68 Abs. 2 Satz 3 der VO Nr. 883/​2004 ent­fal­len. Damit wird grund­sätz­lich sicher­ge­stellt, dass für ein Kind zumin­dest in einem Land der Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen bestehen bleibt, wenn nur ein Mit­glied­staat einen sol­chen verleiht.

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Auch aus dem Erwä­gungs­grund (35) zur VO Nr. 883/​2004 ergibt sich, dass die Prio­ri­täts­re­ge­lun­gen geschaf­fen wur­den, um „unge­recht­fer­tig­te Dop­pel­leis­tun­gen“ bei Zusam­men­tref­fen von meh­re­ren Ansprü­chen zu ver­mei­den, nicht aber um erwor­be­ne Ansprü­che ganz aus­zu­schlie­ßen, soweit ein sol­cher nur in einem Mit­glied­staat besteht.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Febru­ar 2021 – III R 2/​20

  1. vgl. schon BFH, Urteil vom 27.07.2017 – III R 17/​16, BFH/​NV 2018, 201[]
  2. FG Nürn­berg, Urteil vom 19.03.2019 – 6 K 508/​18[][]
  3. ABl.EU 2004 Nr. L 166, S. 1[]
  4. ABl.EU 2009 Nr. L 284, S. 1[]
  5. BFH, Urteil vom 26.07.2017 – III R 18/​16, BFHE 259, 98, BStBl II 2017, 1237, Rz 13[]
  6. EuGH, Urteil „Trap­kow­ski“ vom 22.10.2015 – C‑378/​14, EU:C:2015:720, Leit­satz 1 und Rz 38 und 41[]
  7. vgl. BFH, Urteil vom 27.07.2017 – III R 17/​16, BFH/​NV 2018, 201, Rz 10 ff.[]
  8. EuGH, Urteil Moser vom 18.09.2019 – C‑32/​18, EU:C:2019:752, Leit­satz 1 und Rz 45 ff.[]
  9. BFH, Urteil vom 01.07.2020 – III R 39/​18, Rz 14, HFR 2021, 389[]
  10. BFH, Urteil vom 04.02.2016 – III R 9/​15, BFHE 253, 139, BStBl II 2017, 121, Rz 17, m.w.N.[]
  11. BFH, Urteil vom 22.02.2018 – III R 10/​17, BFHE 261, 214, BStBl II 2018, 717, Rz 28 f.[]
  12. Helmke/​Bauer in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach D, I. Kom­men­tie­rung, Art. 68 VO Nr. 883/​2004 Rz 36 f.[]
  13. Helmke/​Bauer in Helmke/​Bauer, Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleich, Kom­men­tar, Fach D, I. Kom­men­tie­rung, Art. 68 VO Nr. 883/​2004 Rz 37[]
  14. ABl.EU Nr. L 28, S. 1[]

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