Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht einer selb­stän­di­gen Phy­sio­the­ra­peu­tin

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de wegen der Ver­si­che­rungs­pflicht einer selb­stän­di­gen Phy­sio­the­ra­peu­tin in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung blieb vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ohne Erfolg.

Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht einer selb­stän­di­gen Phy­sio­the­ra­peu­tin

In dem vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­me­nen Fall stell­te die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Bund bei der seit 1983 selb­stän­dig täti­gen Kran­ken­gym­nas­tin und Phy­sio­the­ra­peu­tin eine Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI rück­wir­kend ab Auf­nah­me der Tätig­keit bis zum 31.12 2005 fest und for­der­te Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge nach, soweit die­se noch nicht ver­jährt waren. Ihre hier­ge­gen vor dem Sozi­al­ge­richt erfolg­los erho­be­ne Kla­ge stütz­te sie im Wesent­li­chen dar­auf, dass Phy­sio­the­ra­peu­ten nicht zu dem in § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI genann­ten Kreis der "Pfle­ge­per­so­nen, die in der Kran­ken, Wochen, Säug­lings- oder Kin­der­pfle­ge tätig sind und im Zusam­men­hang mit ihrer selb­stän­di­gen Tätig­keit kei­nen ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Arbeit­neh­mer beschäf­ti­gen", gehör­ten. Zuletzt ver­warf das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Beru­fung durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt 1 als unzu­läs­sig 2. Die hier­ge­gen erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge ver­warf das Bun­des­so­zi­al­ge­richt eben­falls als unzu­läs­sig.

Mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Ent­schei­dun­gen der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Bund und gegen die gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen rügt die Phy­sio­the­ra­peu­tin eine Ver­let­zung des Art. 14 GG; die Bei­trags­for­de­rung beru­he auf einer Annah­me einer Ver­si­che­rungs­pflicht infol­ge einer feh­ler­haf­ten Ein­ord­nung ihrer beruf­li­chen Tätig­keit als Phy­sio­the­ra­peu­tin unter den Begriff der "Pfle­ge­per­son" im Sin­ne des § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI. Die Gerich­te hät­ten in ihrem Ver­fah­ren die Vor­schrift metho­disch falsch aus­ge­legt. Der Beruf des Phy­sio­the­ra­peu­ten kön­ne nach Wort­laut, gesetz­ge­be­ri­schem Wil­len und vor dem Hin­ter­grund der Ein­heit der Rechts­ord­nung nicht unter den Begriff der Pfle­ge­per­son sub­su­miert wer­den. Ein Phy­sio­the­ra­peut sei nicht pfle­gend tätig. Der Gesetz­ge­ber unter­schei­de im Aus­bil­dungs- und Berufs­recht deut­lich zwi­schen Pfle­ge­be­ru­fen und Phy­sio­the­ra­peu­ten. Phy­sio­the­ra­peu­ten sei­en auch nicht in glei­cher Wei­se schutz­be­dürf­tig wie die in § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI genann­ten Pfle­ge­per­so­nen. Sie sei­en nicht grund­sätz­lich wei­sungs­ab­hän­gig und arbeit­neh­mer­ähn­lich tätig. Ins­be­son­de­re erge­be sich eine Wei­sungs­ab­hän­gig­keit nicht aus der Not­wen­dig­keit von ärzt­li­chen Ver­ord­nun­gen für ihre The­ra­pi­en. Die vom Wort­laut nicht mehr umfass­te Kor­rek­tur der Vor­schrift durch die Gerich­te ver­sto­ße gegen Art.20 GG und Art. 97 GG.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an:

Hin­sicht­lich der gerüg­ten Ver­let­zung des Art. 14 Abs. 1 GG fehlt es bereits an einer Dar­le­gung, dass die­ses Grund­recht vor einer Zwangs­mit­glied­schaft schützt. Ein Ver­stoß gegen Art. 14 Abs. 1 GG durch die Auf­er­le­gung des Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trags lässt sich eben­so wenig allein mit dem Hin­weis begrün­den, die­ser hin­de­re sie, frei über ihr Ver­mö­gen zu ver­fü­gen.

Die ange­grif­fe­nen gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen hal­ten sich im Rah­men zuläs­si­ger Wer­tun­gen durch das Gericht.

Die Anwen­dung und Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts ein­schließ­lich der Wahl der hier­bei anzu­wen­den­den Aus­le­gungs­me­tho­de ist Sache der Fach­ge­rich­te; und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht umfas­send auf ihre Rich­tig­keit zu unter­su­chen 3. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschränkt sei­ne Über­prü­fung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen auf die Ver­let­zung spe­zi­fi­schen Ver­fas­sungs­rechts 4. Soweit es um die Wah­rung der rich­ter­li­chen Kom­pe­tenz­gren­zen aus Art.20 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 GG geht, kon­trol­liert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ob das Fach­ge­richt bei der Rechts­fin­dung die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung respek­tiert und von den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung in ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht hat 5. Ein Rich­ter­spruch setzt sich über die aus Art.20 Abs. 3 GG fol­gen­de Geset­zes­bin­dung hin­weg, wenn die vom Gericht zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung ange­stell­ten Erwä­gun­gen ein­deu­tig erken­nen las­sen, dass es sich aus der Rol­le des Norman­wen­ders in die einer norm­set­zen­den Instanz bege­ben hat, also objek­tiv nicht bereit war, sich Recht und Gesetz zu unter­wer­fen 6. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung über­schrei­tet die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen, wenn sie deut­lich erkenn­ba­re, mög­li­cher­wei­se sogar aus­drück­lich im Wort­laut doku­men­tier­te gesetz­li­che Ent­schei­dun­gen abän­dert oder ohne aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an gesetz­li­che Aus­sa­gen neue Rege­lun­gen schafft 7. Eine bestimm­te Aus­le­gungs­me­tho­de oder gar eine rei­ne Wort­in­ter­pre­ta­ti­on schreibt die Ver­fas­sung aber nicht vor 8. Der Wort­laut des Geset­zes zieht im Regel­fall kei­ne star­re Aus­le­gungs­gren­ze 9. Eine Aus­le­gung sogar gegen den Wort­laut einer Norm ist nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, wenn ande­re Indi­zi­en deut­lich bele­gen, dass ihr Sinn im Text unzu­rei­chend Aus­druck gefun­den hat 10.

Die von der Phy­sio­the­ra­peu­tin gerüg­te Sub­su­mie­rung des Beru­fes des Phy­sio­the­ra­peu­ten unter den Begriff der "Pfle­ge­per­son […] in der Kran­ken, Wochen, Säug­lings- oder Kin­der­pfle­ge" ach­tet die aus Art.20 Abs. 3 GG fol­gen­de Geset­zes­bin­dung.

Die Annah­me einer Ver­si­che­rungs­pflicht der Phy­sio­the­ra­peu­tin als selb­stän­di­ge Phy­sio­the­ra­peu­tin beruht auf einer stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts, das unter Rück­griff auf die Sys­te­ma­tik, die Geschich­te und den Zweck des Geset­zes den Begriff der "Kran­ken­pfle­ge" dahin­ge­hend weit aus­legt, dass er über die eigent­li­che Kran­ken, Wochen, Säug­lings- oder Kin­der­pfle­ge hin­aus wei­te­re "als Hilfs­kräf­te in der Gesund­heits­pfle­ge" berufs­mä­ßig täti­ge Per­so­nen erfasst. Dem liegt ins­be­son­de­re der Gedan­ke zugrun­de, dass der Per­so­nen­kreis der in der Kran­ken­pfle­ge täti­gen Mas­seu­re, medi­zi­ni­schen Bade­meis­ter und Kran­ken­gym­nas­ten wegen ihrer glei­chen sozia­len Schutz­be­dürf­tig­keit nicht grund­sätz­lich anders zu behan­deln sei, als die übri­gen in der Kran­ken­pfle­ge täti­gen Per­so­nen 11. Hier­an hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt auch nach gesetz­li­chen Neu­re­ge­lun­gen des Mas­seur- und Phy­sio­the­ra­peu­ten­ge­set­zes fest­ge­hal­ten 12.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zeigt nicht auf, dass die Ein­be­zie­hung von selb­stän­di­gen Phy­sio­the­ra­peu­ten ohne ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Arbeit­neh­mer in die nach § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI für "Pfle­ge­per­so­nen" gel­ten­de Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht kei­nen aus­rei­chen­den Rück­halt in aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung fin­det. Sie ent­spricht ins­be­son­de­re dem sozia­len Schutz­zweck des Geset­zes 13. Ihre Behaup­tung, die sozi­al­ge­richt­li­che Recht­spre­chung gehe zu Unrecht von einer sozia­len Schutz­be­dürf­tig­keit der Phy­sio­the­ra­peu­ten aus, weil sie nicht über­wie­gend wirt­schaft­lich von einem Auf­trag­ge­ber abhän­gig sei­en, legt die Phy­sio­the­ra­peu­tin nicht hin­rei­chend dar. Auch soweit sie ein­wen­det, der Gesetz­ge­ber habe nach der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs 14 nur grund­sätz­lich wei­sungs­ab­hän­gi­ge (und damit arbeit­neh­mer­ähn­li­che) Tätig­kei­ten erfas­sen wol­len, Phy­sio­the­ra­peu­ten sei­en aber nicht wei­sungs­ab­hän­gig tätig, lässt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht erken­nen, dass die Annah­me einer Wei­sungs­ab­hän­gig­keit der Phy­sio­the­ra­peu­ten auf­grund der ärzt­li­chen Ver­ord­nung durch die Sozi­al­ge­rich­te nicht mehr ver­tret­bar wäre. Gegen eine sol­che Bewer­tung spricht auch der Hin­weis des Gesetz­ge­bers in der genann­ten Geset­zes­be­grün­dung auf die zu den Vor­gän­ger­vor­schrif­ten des § 2 Satz 1 Nr. 2 SGB VI ergan­ge­ne Recht­spre­chung. Denn bereits die­se ging von einer Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht der selb­stän­di­gen Kran­ken­gym­nas­ten aus 15. Schließ­lich geht auch der Hin­weis der Phy­sio­the­ra­peu­tin auf die Unter­schei­dung zwi­schen Heil­be­ru­fen einer­seits und der Tätig­keit eines Phy­sio­the­ra­peu­ten ande­rer­seits im ein­schlä­gi­gen Berufs- und Aus­bil­dungs­recht fehl, weil die­se Vor­schrif­ten ande­re Zwe­cke ver­fol­gen und damit einen Rück­schluss auf die sozia­le Absi­che­rung von Pfle­ge­be­ru­fen nicht zulas­sen.

Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG durch die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts ist nicht erkenn­bar.

Die Garan­tie recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet die Gerich­te, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 16. Hin­ge­gen gewährt Art. 103 Abs. 1 GG kei­nen Schutz gegen Ent­schei­dun­gen, die den Sach­vor­trag eines Betei­lig­ten aus Grün­den des for­mel­len oder mate­ri­el­len Rechts teil­wei­se oder ganz unbe­rück­sich­tigt las­sen 17.

Eine Ver­let­zung der Erwä­gungs­pflicht ergibt sich nicht bereits dar­aus, dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Revi­si­on nicht zuge­las­sen oder nicht zumin­dest die Aus­le­gung des strei­ti­gen Tat­be­stands­merk­mals "Pfle­ge­per­son" neu vor­ge­nom­men oder noch­mals begrün­det hat. Die Aus­füh­run­gen der Phy­sio­the­ra­peu­tin zie­len viel­mehr dar­auf ab, dass das Bun­des­so­zi­al­ge­richt ihrer Auf­fas­sung nicht gefolgt ist, sie habe eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge und ‑fähi­ge grund­sätz­li­che Fra­ge auf­ge­wor­fen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. April 2016 – 1 BvR 1147/​12

  1. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Urteil vom 26.05.2011 – L 1 R 393/​08[]
  2. BSG, Beschluss vom 13.03.2012 – B 12 R 36/​11 B[]
  3. vgl. BVerfGE 122, 248, 257 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 18, 85, 92; 106, 28, 45; stRspr[]
  5. vgl. BVerfGE 82, 6, 13; 96, 375, 394 f.; 122, 248, 257 f.; stRspr[]
  6. vgl. BVerfGE 87, 273, 280[]
  7. vgl. BVerfGE 126, 286, 306[]
  8. vgl. BVerfGE 88, 145, 166 f.[]
  9. vgl. BVerfGE 118, 212, 243[]
  10. vgl. BVerfGE 97, 186, 196[]
  11. vgl. grund­le­gend BSG, Urteil vom 30.06.1964 – 3 RK 40/​59 12 ff.; nach­fol­gend Urteil vom 30.01.1997 – 12 RK 31/​96 11 ff.; fort­ge­führt mit Beschluss vom 12.01.2007 – B 12 R 14/​06 B 8 und Urteil vom 23.07.2015 – B 5 RE 17/​14 R 27[]
  12. vgl. BVerfG, Urteil vom 11.11.2003 – B 12 RA 2/​03 R 12[]
  13. vgl. BT-Drs. 14/​45, S.20[]
  14. vgl. BT-Drs. 11/​4124, S. 149[]
  15. vgl. grund­le­gend BSG, Urteil vom 30.06.1964 – 3 RK 40/​59 12 ff.[]
  16. vgl. BVerfGE 11, 218, 220; 72, 119, 121; 86, 133, 145; 96, 205, 216; BVerfGK 10, 41, 45; stRspr[]
  17. vgl. BVerfGE 21, 191, 194; 70, 288, 294; 96, 205, 216; stRspr[]