Trans­pa­renz­be­rich­te über Pfle­ge­hei­me

Bis­her hat­ten in Nord­rhein-West­fa­len die Sozi­al­ge­richt unter­schied­lich über die Fra­ge geur­teilt, ob die Trans­pa­renz­be­rich­te der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen über Leis­tun­gen und Qua­li­tät von Pfle­ge­hei­men – wie gesetz­lich vor­ge­se­hen – im Inter­net ver­öf­fent­licht wer­den dür­fen. Wäh­rend das Sozi­al­ge­richt Dort­mund die Trans­pa­renz­be­rich­te und die hier­zu bestehen­den gesetz­li­chen Rege­lun­gen der §§ 114 ff. SGB XI als ver­fas­sungs­ge­mäß ansah und die Ver­öf­fent­li­chung bil­lig­te 1, sah das Sozi­al­ge­richt Müns­ter ver­fas­sungs­recht­li­che Pro­ble­me und unter­sag­te die Ver­öf­fent­li­chung des Trans­pa­renz­be­rich­tes bis zur gericht­li­chen Ent­schei­dung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren 2.

Trans­pa­renz­be­rich­te über Pfle­ge­hei­me

Nun hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len in Essen in dem Beschwer­de­ver­fah­ren des hier­von betrof­fe­nen Pfle­ge­heims aus Bochum über den Beschluss des Sozi­al­ge­richts Dort­mund ent­schie­den und die Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Dort­mund bestä­tigt. Auch nach Ansicht des Esse­ner Lan­des­so­zi­al­ge­richts sind die Trans­pa­renz­be­rich­te der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen über Leis­tun­gen und Qua­li­tät von Pfle­ge­hei­men ("Pfle­ge-TÜV") nicht ver­fas­sungs­wid­rig und dür­fen von den Kas­sen im Inter­net ver­öf­fent­licht wer­den. Die Ver­öf­fent­li­chung eines Trans­pa­renz­be­richts sei kein ver­fas­sungs­wid­ri­ger Ein­griff in die Rech­te des betrof­fe­nen Pfle­ge­heim­be­trei­bers, so das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, wenn ein fai­res, neu­tra­les, objek­ti­ves und sach­kun­di­ges Prüf­ver­fah­ren nach der Pfle­ge-Trans­pa­renz­ver­ein­ba­rung sta­tio­när (PTVS) vor­aus­ge­gan­gen sei. Das Aus­han­deln der dar­in ent­hal­te­nen Kri­te­ri­en für die Ver­öf­fent­li­chung der Trans­pa­renz­be­rich­te sowie die Bewer­tungs­sys­te­ma­tik der Qua­li­täts­prü­fun­gen habe der Gesetz­ge­ber zuläs­si­ger­wei­se dem Sach­ver­stand der Orga­ni­sa­tio­nen über­tra­gen, die für die Wahr­neh­mung der Inter­es­sen pfle­ge­be­dürf­ti­ger Men­schen maß­geb­lich und kom­pe­tent sei­en. Betei­ligt waren inso­weit auch die Trä­ger der Pfle­ge­ein­rich­tun­gen.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len sieht in der Ver­öf­fent­li­chung von Trans­pa­renz­be­rich­ten auch kei­nen Ver­stoß gegen die vom Grund­ge­setz geschütz­te Berufs­aus­übungs­frei­heit oder das Eigen­tums­recht. Trans­pa­renz­be­rich­te dien­ten der Markt­trans­pa­renz, der Auf­recht­erhal­tung der Kon­kur­renz unter den Pfle­ge­ein­rich­tun­gen und damit der Ver­bes­se­rung der Pfle­ge­qua­li­tät. Dadurch trü­gen sie nicht nur dem Selbst­be­stim­mungs­recht und dem Schutz­be­dürf­nis Pfle­ge­be­dürf­ti­ger Rech­nung, son­dern stie­ßen in ihrem Inter­es­se auch einen Qua­li­täts­wett­be­werb an. Die Ver­öf­fent­li­chung der Trans­pa­renz­be­rich­te sei fer­ner nicht unver­hält­nis­mä­ßig, obwohl in der Pfle­ge­wis­sen­schaft noch rela­ti­ve Unsi­cher­heit über ver­läss­li­che Mess­grö­ßen für die Qua­li­tät der pfle­ge­ri­schen Ver­sor­gung herr­sche .Die ver­wand­ten Prüf­kri­te­ri­en ent­sprä­chen dem aktu­el­len Kennt­nis­stand. Ihre Fort­ent­wi­cke­lung und Anpas­sung an neue Erkennt­nis­se sei aus­drück­lich vor­ge­se­hen. Die Ver­öf­fent­li­chung lie­ge dar­über hin­aus im öffent­li­chen Inter­es­se und sei unter Hin­weis auf die ver­blei­ben­den Unsi­cher­hei­ten erfolgt. Die Pfle­ge­ein­rich­tun­gen sei­en ihnen nicht schutz­los aus­ge­lie­fert, son­dern könn­ten bei schwer­wie­gen­den for­mel­len oder inhalt­li­chen Män­geln gegen die Trans­pa­renz­be­rich­te vor­ge­hen. Zudem hät­ten sie das Recht, den Trans­pa­renz­be­rich­ten eine abwei­chen­de Kom­men­tie­rung bei­fü­gen. und eine Wie­der­ho­lungs­be­gut­ach­tung zu bean­tra­gen. Auch die Art und Wei­se der Noten­bil­dung sei nicht zu bean­stan­den. Das LSG NRW hob aller­dings den Beur­tei­lungs­spiel­raum der Kran­ken­kas­sen bei der Bewer­tung der Pfle­ge­leis­tun­gen her­vor. Die­se Bewer­tun­gen kön­nen die Gerich­te nach Ansicht des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nur ein­ge­schränkt über­prü­fen, indem sie vor allem ein kor­rek­tes Prüf­ver­fah­ren sicher­stel­len.

Im Fall des beschwer­de­füh­ren­den Pfle­ge­hei­mes aus Bochum, das ins­ge­samt nur mit der Note "befrie­di­gend" bewer­tet wor­den war, habe die prü­fen­de Kas­se ihren Beur­tei­lungs­spiel­raum nicht über­schrit­ten . Die Rüge des Heims, die prü­fen­de Kas­se habe die von ihr ein­ge­räum­ten Män­gel in der Doku­men­ta­ti­on ihrer Pfle­ge­leis­tun­gen schwe­rer gewich­tet als die nach sei­ner Ansicht (gute) Pfle­ge sel­ber, ließ das LSG NRW nicht gel­ten. Nur auf der Grund­la­ge einer aus­sa­ge­kräf­ti­gen Doku­men­ta­ti­on kön­ne die Pfle­ge­qua­li­tät ver­läss­lich beur­teilt wer­den, auch wenn dies für die Pfle­ge­ein­rich­tun­gen läs­tig und kos­ten­in­ten­siv sein kön­ne. Ob das beschwer­de­füh­ren­de Pfle­ge­heim ent­ge­gen sei­ner eige­nen Doku­men­ta­ti­on in Wirk­lich­keit einen umfas­sen­de­ren Pfle­ge – und Ver­sor­gungs­auf­wand erbracht habe, kön­ne im Ver­fah­ren des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes nicht auf­ge­klärt wer­den. Das LSG NRW hielt die Befürch­tung des Heims, sein guter Ruf sei im Fall der Ver­öf­fent­li­chung des nega­ti­ven Berichts nicht mehr zu ret­ten, für über­zo­gen. Dage­gen spre­che schon, dass die Ein­rich­tung von ihrem Recht, den Bericht zu kom­men­tie­ren oder eine Wie­der­ho­lungs­be­gut­ach­tung zu bean­tra­gen, kei­nen Gebrauch gemacht habe.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 10.5.2010 – L 10 P 10/​10 B ER

  1. Sozi­al­ge­richt Dort­mund, Beschluss vom 25 01. 2010 – S 12 P 233/​09 ER[]
  2. Sozi­al­ge­richt Müns­ter, Beschluss vom 18.01.2010, Az.: S 6 P 202/​09 ER[]