Die Gegen­vor­stel­lung als Anhö­rungs­rü­ge

Gemäß § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO, der in allen Ver­fah­ren zu beach­ten ist, darf das Finanz­ge­richt über das Kla­ge- oder Antrags­be­geh­ren nicht hin­aus­ge­hen, ist aber an die Fas­sung der Anträ­ge nicht gebun­den [1]. Maß­geb­lich ist das aus dem Gesamt­vor­brin­gen durch Aus­le­gung zu ermit­teln­de Rechts­schutz­ziel [2]. Gelei­tet durch Art.19 Abs. 4 GG ist die Aus­le­gung grund­sätz­lich wohl­wol­lend am erkenn­ba­ren Rechts­schutz­an­lie­gen zu ori­en­tie­ren [3].

Die Gegen­vor­stel­lung als Anhö­rungs­rü­ge

Bei einer Gegen­vor­stel­lung, mit der eine Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG gerügt wird, spricht schon auf den ers­ten Blick sehr viel für das Vor­lie­gen einer Anhö­rungs­rü­ge. Dass der Beschwer­de­füh­rer trotz feh­len­der Bezeich­nung eine Anhö­rungs­rü­ge erho­ben hat, ist bereits dar­aus ersicht­lich, dass das Finanz­ge­richt die das recht­li­che Gehör betref­fen­den Ein­wen­dun­gen als sol­che erkannt und benannt hat. Die Aus­le­gung des Schrift­sat­zes als Anhö­rungs­rü­ge ent­spricht hier dem klar erkenn­ba­ren Wil­len des Beschwer­de­füh­rers. Des­sen „Gegen­vor­stel­lun­gen“ dien­ten allein der Gel­tend­ma­chung einer Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör. Die dies­be­züg­li­che Rüge kommt in der zwei­ma­li­gen aus­drück­li­chen Bezug­nah­me auf Art. 103 Abs. 1 GG ein­deu­tig zum Aus­druck.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Auf­fas­sung des Finanz­ge­richts, es lie­ge ein Ver­fah­ren der Gegen­vor­stel­lung vor, die das recht­li­che Gehör betref­fen­den Ein­wen­dun­gen des Beschwer­de­füh­rers könn­ten jedoch nur im Rah­men der nicht erho­be­nen Anhö­rungs­rü­ge gewür­digt wer­den, zu eng [4]; sie wird dem aus Art.19 Abs. 4 GG fol­gen­den Grund­satz wohl­wol­len­der Aus­le­gung pro­zes­sua­ler Anträ­ge im Sin­ne des erkenn­ba­ren Rechts­schutz­an­lie­gens nicht gerecht.

Da sich das erkenn­ba­re Rechts­schutz­ziel der „Gegen­vor­stel­lun­gen“ als Anhö­rungs­rü­ge durch Aus­le­gung ein­deu­tig erschließt, stellt sich hier nicht die – in der Recht­spre­chung der Fach­ge­rich­te ver­nein­te – Fra­ge nach der Mög­lich­keit einer Umdeu­tung der Pro­zess­er­klä­rung eines rechts­kun­di­gen Bera­ters. Zwar ist der vor dem Bun­des­fi­nanz­hof pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­ge Per­so­nen­kreis (vgl. § 62 Abs. 4 FGO) grund­sätz­lich beim Wort zu neh­men [5], unge­ach­tet des­sen kann jedoch dann, wenn ein Rechts­be­helf aus­schließ­lich auf die Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör gestützt wird, schon im Wege der Aus­le­gung von einer Anhö­rungs­rü­ge gemäß § 133a FGO aus­ge­gan­gen wer­den [6].

Die Garan­tie recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet die Gerich­te, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen [7]. Hin­ge­gen gewährt Art. 103 Abs. 1 GG kei­nen Schutz gegen Ent­schei­dun­gen, die den Sach­vor­trag eines Betei­lig­ten aus Grün­den des for­mel­len oder mate­ri­el­len Rechts teil­wei­se oder ganz unbe­rück­sich­tigt las­sen [8]. Grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass ein Gericht das von ihm ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Vor­brin­gen der Betei­lig­ten auch zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat. Die Gerich­te brau­chen nicht jedes Vor­brin­gen der Betei­lig­ten in den Grün­den der Ent­schei­dung aus­drück­lich zu beschei­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann nur dann fest­stel­len, dass ein Gericht sei­ne Pflicht, den Vor­trag der Par­tei­en zur Kennt­nis zu neh­men und zu erwä­gen, ver­letzt hat, wenn sich dies aus den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les ergibt [9].

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Janu­ar 2014 – 1 BvR 1126/​11

  1. vgl. Stap­per­fend, in: Grä­ber, FGO, 7. Aufl.2010, § 96 Rn. 5[]
  2. vgl. zu dem § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO ent­spre­chen­den § 88 VwGO: BVerwG, Beschluss vom 12.03.2013 – 5 B 9/​13[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 16.07.2013 – 1 BvR 3057/​11, NJW 2013, 3506, 3507 Rn. 25[]
  4. vgl. Seer, in: Tipke/​Kruse, AO/​FGO, § 133a FGO, Rn. 6; Ruban, in: Grä­ber, FGO, 7. Aufl.2010, § 133a Rn. 12 a.E.; Lenz/​Hansel, BVerfGG, 1. Aufl.2013, § 90 Rn. 424; vgl. auch BVerfGK 13, 480, 481; Ver­fas­sungs­ge­richts des Lan­des Bran­den­burg, Beschluss vom 28.09.2006 – VfGBbg 17/​06[]
  5. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 21.12 2006 – V S 33/​06, BFH/​NV 2007, 747; vom 21.08.2007 – X B 160/​07; vom 04.11.2008 – V B 114/​08, BFH/​NV 2009, 400; vom 11.03.2009 – VI S 11/​08; vom 22.03.2011 – X B 198/​10, BFH/​NV 2011, S. 1166; und vom 14.02.2012 – IV S 1/​12, BFH/​NV 2012, 967[]
  6. so zur Aus­le­gung einer „sofor­ti­gen Beschwer­de“ als Anhö­rungs­rü­ge: BFH, Beschluss vom 02.10.2012 – I S 12/​12, BFH/​NV 2013, S. 733 unter Bezug­nah­me auf das Gebot der rechts­schutz­ge­wäh­ren­den Aus­le­gung von Pro­zess­er­klä­run­gen[]
  7. vgl. BVerfGE 11, 218, 220; 72, 119, 121; 86, 133, 145; 96, 205, 216; BVerfGK 10, 41, 45; stRspr[]
  8. vgl. BVerfGE 21, 191, 194; 70, 288, 294; 96, 205, 216; stRspr[]
  9. vgl. BVerfGE 22, 267, 274; 96, 205, 216 f.; stRspr[]