EDV-Auto­di­dak­ten als Freiberufler

Der Gewer­be­steu­er unter­liegt jeder ste­hen­de Gewer­be­be­trieb, soweit er im Inland betrie­ben wird (§ 2 Abs. 1 Satz 1 GewStG). Gewer­be­be­trieb in die­sem Sin­ne ist ein gewerb­li­ches Unter­neh­men i.S. des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (§ 2 Abs. 1 Satz 2 GewStG). Ein­künf­te aus Gewer­be­be­trieb erzielt gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 1 EStG, wer sich selb­stän­dig, nach­hal­tig und mit Gewinn­erzie­lung unter Betei­li­gung am all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Ver­kehr betä­tigt und damit kei­nen frei­en Beruf aus­übt (§ 15 Abs. 2 Satz 1 EStG).

EDV-Auto­di­dak­ten als Freiberufler

Die Tätig­keit eines Diplom-Infor­ma­ti­kers wird durch die Wahr­neh­mung von für den Inge­nieur­be­ruf typi­schen Auf­ga­ben geprägt; er übt einen inge­nieur­ähn­li­chen Beruf gemäß § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG aus [1].

Ein Steu­er­pflich­ti­ger, der Tätig­kei­ten ent­fal­tet, denen auch Diplom-Infor­ma­ti­ker nach­ge­hen, kann auch dann einen inge­nieur­ähn­li­chen Beruf i.S. des § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG aus­üben, wenn er weder ein Infor­ma­tik­stu­di­um absol­viert hat noch über den Abschluss einer nach den Inge­nieur­ge­set­zen der Län­der vor­ge­schrie­be­nen Aus­bil­dung als Absol­vent einer Hoch­schu­le oder Fach­hoch­schu­le ver­fügt [2]. Eine inge­nieur­ähn­li­che Tätig­keit setzt in die­sen Fäl­len aber vor­aus, dass sie in ihren wesent­li­chen Ele­men­ten dem Beruf des Inge­nieurs gleich­wer­tig ist, und zwar sowohl in Theo­rie (Aus­bil­dung, Kennt­nis­se, Qua­li­fi­ka­ti­on) als auch in Pra­xis [3].

Bei Auto­di­dak­ten sind dafür Erfah­run­gen und Kennt­nis­se in allen Kern­be­rei­chen des Kata­log­be­rufs nach­zu­wei­sen [4]. Ein Auto­di­dakt, der eine Tätig­keit aus­übt, die auch für Diplom-Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker berufs­ty­pisch ist, des­sen Wis­sen aber in sei­ner Gesamt­heit nicht mit den Kennt­nis­sen eines Diplom-Infor­ma­ti­kers ver­gleich­bar ist, wird nicht frei­be­ruf­lich, son­dern gewerb­lich tätig [5].

Den Nach­weis, dass er sich als Auto­di­dakt das Wis­sen eines Diplom-Infor­ma­ti­ker­s/­Wirt­schafts­in­for­ma­ti­kers in ver­gleich­ba­rer Brei­te und Tie­fe ange­eig­net hat, kann ein Steu­er­pflich­ti­ger auf ver­schie­de­ne Wei­se füh­ren. Als Beweis­mit­tel kom­men dafür ins­be­son­de­re erfolg­reich abge­schlos­se­ne Fort­bil­dungs­maß­nah­men, das Selbst­stu­di­um sowie eige­ne prak­ti­sche Arbei­ten in Betracht. Schließ­lich kann der Nach­weis auch durch eine sog. Wis­sens­prü­fung geführt wer­den [6].

In dem hier ent­schie­de­nen Fall bil­lig­te der Bun­des­fi­nanz­hof die Annah­me, dass die Tätig­keit des EDV-Dienst­leis­ters zwar auch von uni­ver­si­tär aus­ge­bil­de­ten Diplom-Infor­ma­ti­kern aus­ge­übt wer­de, aber auch ohne die in der Aus­bil­dung zum Diplom-Infor­ma­ti­ker oder Diplom-Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker ver­mit­tel­ten Grund­la­gen erbracht wer­den kön­ne. Ein Nach­weis der theo­re­ti­schen Kennt­nis­se mit­tels sei­ner prak­ti­schen Arbei­ten ist daher nicht geführt.

Kennt­nis­se in den Berei­chen Mathe­ma­tik, Sta­tis­tik und Ope­ra­ti­ons Rese­arch gehö­ren zu dem für Diplom-Infor­ma­ti­ker erfor­der­li­chen Wis­sen. Es han­delt sich dabei auch nicht um „Neben­fä­cher“; feh­len­de Kennt­nis­se kön­nen nicht durch gute Kennt­nis­se in ande­ren Berei­chen kom­pen­siert wer­den [7].

Im vor­lie­gen­den Fall fehl­ten dem EDV-Dienst­leis­ter die­se Kennt­nis­se in den Berei­chen Mathe­ma­tik, Sta­tis­tik und Ope­ra­ti­ons Rese­arch. Ange­sichts des­sen brauch­te das Finanz­ge­richt im Rah­men sei­ner Sach­auf­klä­rungs­pflicht (§ 76 FGO) auch kei­ne Wis­sens­prü­fung durch­zu­füh­ren. Denn ein Anspruch auf Wis­sens­prü­fung setzt vor­aus, dass sich bereits aus den vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen zum Erwerb und Ein­satz der Kennt­nis­se erken­nen lässt, dass der Steu­er­pflich­ti­ge über hin­rei­chen­des Wis­sen ver­fü­gen könn­te [8]. Dar­an fehl­te es im Streit­fall, weil der EDV-Dienst­leis­ter nicht über Kennt­nis­se in den essen­ti­el­len Berei­chen Mathe­ma­tik, Sta­tis­tik und Ope­ra­ti­ons Rese­arch verfügte.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2017 – III R 3/​14

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 16.09.2014 – VIII R 8/​12, nicht ver­öf­fent­licht ‑n.v.-; in BFH/​NV 2016, 1275[]
  2. BFH, Urteil vom 04.05.2004 – XI R 9/​03, BFHE 206, 233, BStBl II 2004, 989[]
  3. BFH, Urtei­le vom 17.01.2007 – XI R 5/​06, BFHE 216, 334, BStBl II 2007, 519; in BFHE 206, 233, BStBl II 2004, 989, zur Pro­gram­mie­rung von Anwen­dungs­soft­ware[]
  4. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Urtei­le vom 18.04.2007 – XI R 29/​06, BFHE 218, 65, BStBl II 2007, 781; in BFHE 206, 233, BStBl II 2004, 989; vom 28.08.2003 – IV R 21/​02, BFHE 203, 152, BStBl II 2003, 919[]
  5. BFH, Urtei­le vom 16.09.2014 – VIII R 8/​12, n.v.; in BFH/​NV 2016, 1275, Rz 27 ff.[]
  6. BFH, Urtei­le in BFHE 206, 233, BStBl II 2004, 989; in BFH/​NV 2016, 1275[]
  7. BFH, Urteil vom 16.09.2014 – VIII R 8/​12, n.v.[]
  8. BFH, Urtei­le vom 26.06.2002 – IV R 56/​00, BFHE 199, 367, BStBl II 2002, 768; in BFH/​NV 2007, 1495; vom 16.12 2008 – VIII R 27/​07, Höchst­rich­ter­li­che Finanz­recht­spre­chung 2009, 898; vom 16.09.2014 – VIII R 8/​12, n.v.[]