Insol­venz­plan­ver­fah­ren – und die Ein­kom­men­steu­er­schul­den

Ein­kom­men­steu­er­schul­den als (ehe­ma­li­ge) Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten wer­den von den Wir­kun­gen eines Insol­venz­plan­ver­fah­rens grund­sätz­lich nicht erfasst.

Insol­venz­plan­ver­fah­ren – und die Ein­kom­men­steu­er­schul­den

Ins­be­son­de­re ergibt sich aus der Durch­füh­rung des Insol­venz­plan­ver­fah­rens kei­ne "insol­ven­zim­ma­nen­te Erhe­bungs- und Voll­stre­ckungs­be­schrän­kung", die dazu geführt hät­te, dass der Steu­er­an­spruch des Finanz­am­tes aus Ein­kom­men­steu­er erlo­schen wäre.

Die Bestä­ti­gung des Insol­venz­plans durch das Insol­venz­ge­richt nach § 248 Abs. 1 InsO und die Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens nach § 258 Abs. 1 InsO ste­hen der Erhe­bung schon des­we­gen nicht ent­ge­gen, weil es sich bei der Ein­kom­men­steu­er für 2012, soweit sie auf den hier allein maß­geb­li­chen Ein­künf­ten des Steu­er­schuld­ners aus der auf­ge­lös­ten Sozie­tät beruht, um eine Mas­se­ver­bind­lich­keit gehan­delt hat und Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) von den Wir­kun­gen des Insol­venz­plan­ver­fah­rens grund­sätz­lich nicht betrof­fen sind.

Die strei­ti­gen Ein­kom­men­steu­er­schul­den waren gemäß § 55 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 InsO Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten. Sie resul­tier­ten aus der Ver­wal­tung des zur Mas­se gehö­ren­den Anteils des Steu­er­schuld­ners an der auf­ge­lös­ten Sozie­tät und hät­ten, wären sie recht­zei­tig erklärt und fest­ge­setzt wor­den, gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den müs­sen1.

Als (ehe­ma­li­ge) Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten wer­den die­se Ein­kom­men­steu­er­schul­den von den Wir­kun­gen des Insol­venz­plans nicht erfasst.

Zwar kön­nen nach der Bun­des­fi­nanz­hofs­recht­spre­chung Ansprü­che oder Ver­bind­lich­kei­ten des Schuld­ners, die ‑wie im Streit­fall- erst nach Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens ermit­telt wer­den, aber bereits wäh­rend des Insol­venz­ver­fah­rens in insol­venz­recht­li­cher Hin­sicht "begrün­det" wor­den sind und somit zunächst zur Insol­venz­mas­se gehört haben, grund­sätz­lich auch nach Abschluss des Insol­venz­ver­fah­rens Gegen­stand insol­venz­recht­li­cher Beschrän­kun­gen sein2.

Jedoch tre­ten die Wir­kun­gen des Insol­venz­plans grund­sätz­lich nur gegen­über den am Insol­venz­plan­ver­fah­ren betei­lig­ten Per­so­nen ein (§§ 254, 254a InsO). Mas­segläu­bi­ger sind nach den gesetz­li­chen Rege­lun­gen kei­ne Betei­lig­ten des Insol­venz­plan­ver­fah­rens3. Daher ermög­licht die Auf­stel­lung eines Insol­venz­plans auch kei­ne von den Vor­schrif­ten der Insol­venz­ord­nung über Mas­segläu­bi­ger abwei­chen­den Rege­lun­gen; die Bestim­mun­gen über die Befrie­di­gung der Mas­segläu­bi­ger sind grund­sätz­lich "plan­fest"4. Aus die­sem Grund gilt ins­be­son­de­re auch die Befrei­ung von den Rest­ver­bind­lich­kei­ten nach § 227 Abs. 1 InsO nur gegen­über Insol­venz­gläu­bi­gern. Sie erstreckt sich, anders als die Steu­er­schuld­ner mei­nen, nicht auf Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten5.

Ledig­lich für den ‑hier nicht ein­schlä­gi­gen- Fall der ange­zeig­ten Mas­seun­zu­läng­lich­keit gemäß § 210a InsO kön­nen bestimm­te Mas­segläu­bi­ger in das Insol­venz­plan­ver­fah­ren ein­be­zo­gen wer­den6.

Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten wer­den damit von der Wir­kung des Insol­venz­plan­ver­fah­rens grund­sätz­lich eben­so wenig erfasst wie von einer nach § 301 InsO erteil­ten Rest­schuld­be­frei­ung7.

Aus dem Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs in BFHE 247, 300, BSt­Bl II 2015, 577 lässt sich schon des­halb kein gegen­tei­li­ges Ergeb­nis her­lei­ten, weil die dort strei­ti­gen Steu­er­schul­den aus Kör­per­schaft­steu­er Insol­venz­for­de­run­gen gewe­sen sind. Mit den Aus­wir­kun­gen des Insol­venz­plans auf Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten befasst sich die genann­te Ent­schei­dung nicht.

Soweit die Steu­er­schuld­ner gel­tend machen, ein Anspruch auf die bean­trag­te Erstat­tung ste­he ihnen auch unter dem Gesichts­punkt eines Erlas­ses aus sach­li­chen Bil­lig­keits­grün­den gemäß § 163 AO zu, ist die­ses Begeh­ren unzu­läs­sig. Abge­se­hen davon, dass im Erhe­bungs­ver­fah­ren nur ein Erlass nach § 227 AO in Betracht käme, han­delt es sich um eine im Revi­si­ons­ver­fah­ren nach § 123 Abs. 1 Satz 1 FGO unzu­läs­si­ge Kla­ge­er­wei­te­rung. Einen Erlass aus Bil­lig­keits­grün­den haben die Steu­er­schuld­ner im Kla­ge­ver­fah­ren nicht bean­tragt und das Finanz­ge­richt hat hier­über auch nicht ent­schie­den.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 23. Okto­ber 2018 – VII R 13/​17

  1. vgl. auch BFH, Urteil vom 01.06.2016 – X R 26/​14, BFHE 253, 518, BSt­Bl II 2016, 848, Rz 30 []
  2. vgl. BFH, Urteil vom 20.09.2016 – VII R 10/​15, BFH/​NV 2017, 442, Rz 19, zur Nach­trags­ver­tei­lung gemäß § 203 Abs. 1 Nr. 3 InsO []
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 16.02.2017 – IX ZB 103/​15, BGHZ 214, 78, Neue Juris­ti­sche Wochen­schrift ‑NJW- 2017, 2280, m.w.N. []
  4. BGH, Beschluss in BGHZ 214, 78, NJW 2017, 2280, Rz 21 f.; eben­so: K. Schmidt, Insol­venz­ord­nung, 19. Aufl., § 217 Rz 4; Uhlen­bruck, Insol­venz­ord­nung, 14. Aufl., § 217 Rz 19; Braun, Insol­venz­ord­nung, 7. Aufl., § 217 Rz 7; Huber in Münch­Komm­In­sO, 3. Aufl., § 254 Rz 15; Spah­lin­ger in Kübler/​Prütting/​Bork, Insol­venz­ord­nung, § 217 Rz 30 []
  5. s. auch Uhlen­bruck, a.a.O., § 227 Rz 3; Spah­lin­ger in Kübler/​Prütting/​Bork, a.a.O., § 227 Rz 2 []
  6. s. BGH, Beschluss in BGHZ 214, 78, NJW 2017, 2280, Rz 22 []
  7. s. dazu BFH, Urteil vom 28.11.2017 – VII R 1/​16, BFHE 260, 26, BSt­Bl II 2018, 457 []