Dicht­heits­prü­fung für eine Abwas­ser­lei­tung

Die Erhe­bung des unter Umstän­den noch man­gel­frei­en Ist­zu­stan­des, bei­spiels­wei­se die Über­prü­fung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer Anla­ge durch einen Hand­wer­ker, kann eben­so Hand­wer­k­erleis­tung i.S. des § 35a Abs. 3 EStG sein wie die Besei­ti­gung eines bereits ein­ge­tre­te­nen Scha­dens oder vor­beu­gen­de Maß­nah­men zur Scha­dens­ab­wehr.

Dicht­heits­prü­fung für eine Abwas­ser­lei­tung

Dies gilt nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs aus­drück­lich auch für die Dicht­heits­prü­fung einer Abwas­ser­lei­tung

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall bean­trag­te der Klä­ger in der Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung 2010 für eine Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung sei­nes pri­vat genutz­ten Wohn­hau­ses ver­geb­lich eine Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 35a Abs. 3 EStG für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Reno­vie­rungs, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men. Das Finanz­amt war der Auf­fas­sung, dass die Dicht­heits­prü­fung – wie die vom TÜV oder ande­ren auto­ri­sier­ten Fach­kräf­ten durch­zu­füh­ren­de Sicher­heits­prü­fung einer Hei­zungs­an­la­ge im Gegen­satz zu einer War­tung der Hei­zungs­an­la­ge – mit einer Gut­ach­ter­tä­tig­keit ver­gleich­bar sei. Nach Rand­num­mer 12 des Schrei­bens des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen (BMF) vom 15.02.2010 1 sei­en aber Auf­wen­dun­gen, bei denen eine Gut­ach­ter­tä­tig­keit im Vor­der­grund ste­he, nicht nach § 35a EStG begüns­tigt. Das Finanz­ge­richt (FG) gab der dar­auf­hin erho­be­nen Kla­ge hin­ge­gen statt.

Dies hat der BFH nun bestä­tigt. Das Finanz­ge­richt habe die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tun­gen des pri­vat genutz­ten Wohn­hau­ses zu Recht als steu­er­be­güns­tig­te Hand­wer­k­erleis­tun­gen i.S. des § 35a Abs. 3 EStG beur­teilt. Denn die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung habe der Über­prü­fung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer Haus­an­la­ge gedient und sei damit als (vor­beu­gen­de) Erhal­tungs­maß­nah­me zu beur­tei­len. Die regel­mä­ßi­ge Über­prü­fung von Gerä­ten und Anla­gen auf deren Funk­ti­ons­fä­hig­keit erhö­he deren Lebens­dau­er, siche­re deren nach­hal­ti­ge Nutz­bar­keit, die­ne über­dies der vor­beu­gen­den Scha­dens­ab­wehr und zäh­le damit zum Wesen der Instand­hal­tung. Dies gel­te auch dann, wenn hier­über eine Beschei­ni­gung "für amt­li­che Zwe­cke" erstellt wer­de. Denn durch das Aus­stel­len einer sol­chen Beschei­ni­gung wer­de eine hand­werk­li­che Leis­tung weder zu einer gut­ach­ter­li­chen Tätig­keit noch ver­lie­re sie ihren Instand­hal­tungs­cha­rak­ter.

Nach § 35a Abs. 3 Satz 1 EStG ermä­ßigt sich auf Antrag die tarif­li­che Ein­kom­men­steu­er für die Inan­spruch­nah­me von Hand­wer­k­erleis­tun­gen für Reno­vie­rungs, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men um 20 %, höchs­tens um 1.200 EUR. Die Steu­er­ermä­ßi­gung kann nur in Anspruch genom­men wer­den, wenn die Hand­wer­k­erleis­tung in einem in der Euro­päi­schen Uni­on oder dem Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum lie­gen­den Haus­halt des Steu­er­pflich­ti­gen erbracht wird (§ 35a Abs. 4 Satz 1 EStG), und gilt nach § 35a Abs. 5 Satz 2 EStG nur für Arbeits­kos­ten.

Hand­wer­k­erleis­tun­gen sind ein­fa­che wie qua­li­fi­zier­te hand­werk­li­che Tätig­kei­ten, unab­hän­gig davon, ob es sich um regel­mä­ßig vor­zu­neh­men­de Reno­vie­rungs­ar­bei­ten oder um Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­maß­nah­men han­delt 2. Begüns­tigt wer­den hand­werk­li­che Tätig­kei­ten, die von Mie­tern und Eigen­tü­mern für die zu eige­nen Wohn­zwe­cken genutz­te Woh­nung in Auf­trag gege­ben wer­den, z.B. das Strei­chen und Tape­zie­ren von Innen­wän­den, die Besei­ti­gung klei­ne­rer Schä­den, die Erneue­rung eines Boden­be­lags (Tep­pich­bo­den, Par­kett oder Flie­sen), die Moder­ni­sie­rung des Bade­zim­mers oder der Aus­tausch von Fens­tern. Hier­zu gehö­ren auch Auf­wen­dun­gen für Reno­vie­rungs, Erhal­tungs- und Moder­ni­sie­rungs­ar­bei­ten auf dem Grund­stück, z.B. Gar­ten- und Wege­bau­ar­bei­ten 3, aber auch die Repa­ra­tur, War­tung und der Aus­tausch von Gas- und Was­ser­in­stal­la­tio­nen 4.

Die sach­li­che Begren­zung der begüns­tig­ten Maß­nah­me ist allein aus dem Tat­be­stands­merk­mal "im Haus­halt" zu bestim­men 5. Ins­be­son­de­re unter­schei­det das Gesetz weder nach Wort­laut noch nach Ent­ste­hungs­ge­schich­te oder Sinn und Zweck zwi­schen sach­lich begüns­tig­ten und nicht begüns­tig­ten Hand­wer­k­erleis­tun­gen. § 35a Abs. 3 EStG gilt viel­mehr inso­weit (nicht aber räum­lich, vgl. BFH, Urteil vom 20.03.2014 – VI R 56/​12, BFHE 245, 49, BSt­Bl II 2014, 882) aus­nahms­los für alle hand­werk­li­chen Tätig­kei­ten. So ist bei­spiels­wei­se nicht erfor­der­lich, dass der Leis­tungs­er­brin­ger in die Hand­werks­rol­le ein­ge­tra­gen ist. Auch Klein­un­ter­neh­mer i.S. des § 19 des Umsatz­steu­er­ge­set­zes 6 oder die öffent­li­che Hand kön­nen steu­er­be­güns­tig­te Hand­wer­k­erleis­tun­gen erbrin­gen 7.

Nach die­sen Grund­sät­zen hat das Finanz­ge­richt die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tun­gen des pri­vat genutz­ten Wohn­hau­ses zu Recht als steu­er­be­güns­tig­te Hand­wer­k­erleis­tun­gen i.S. des § 35a Abs. 3 EStG beur­teilt. Denn die Dicht­heits­prü­fung der Abwas­ser­lei­tung dien­te nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt der Über­prü­fung der Funk­ti­ons­fä­hig­keit einer Haus­an­la­ge und ist damit als (vor­beu­gen­de) Erhal­tungs­maß­nah­me zu beur­tei­len 8.

Die Erhe­bung des unter Umstän­den noch man­gel­frei­en Ist­zu­stan­des, bei­spiels­wei­se die Prü­fung der ord­nungs­ge­mä­ßen Funk­ti­on einer Anla­ge durch einen Hand­wer­ker, ist eben­so Hand­wer­k­erleis­tung i.S. des § 35a Abs. 3 EStG wie die Besei­ti­gung eines bereits ein­ge­tre­te­nen Scha­dens oder Maß­nah­men zur vor­beu­gen­den Scha­dens­ab­wehr. Dies gilt auch dann, wenn der Hand­wer­ker über den ord­nungs­ge­mä­ßen Ist­zu­stand eines Gewerkes/​einer Anla­ge eine Beschei­ni­gung "für amt­li­che Zwe­cke" erstellt. Denn durch das Aus­stel­len einer sol­chen Beschei­ni­gung ver­liert eine dahin­ge­hen­de hand­werk­li­che Leis­tung ihren Instand­hal­tungs­cha­rak­ter nicht. Denn die regel­mä­ßi­ge Über­prü­fung von Gerä­ten und Anla­gen auf deren Funk­ti­ons­fä­hig­keit (ein­schließ­lich Doku­men­ta­ti­on) erhöht deren Lebens­dau­er, sichert deren nach­hal­ti­ge Nutz­bar­keit, dient über­dies der vor­beu­gen­den Scha­dens­ab­wehr und zählt damit zum Wesen der Instand­hal­tung. Das ver­kennt die Revi­si­on, wenn sie for­dert, zwi­schen begüns­tig­ten Hand­wer­k­erleis­tun­gen, durch die ein Objekt in sei­nem Zustand beein­flusst (ver­än­dert) wer­de, und nicht begüns­tig­ten Leis­tun­gen eines Hand­wer­kers (Unter­su­chun­gen und Gut­ach­ten), die ledig­lich dazu dien­ten, den aktu­el­len Zustand eines Objekts fest­zu­stel­len, zu unter­schei­den. Im Übri­gen ist die Erhe­bung des Ist­zu­stan­des regel­mä­ßig Vor­aus­set­zung für eine spä­te­re ‑nicht unbe­dingt unmit­tel­bar zeit­lich nach­fol­gen­de und u.U. durch einen ande­ren Hand­werks­be­trieb durch­ge­führ­te- Besei­ti­gung des Scha­dens oder für Maß­nah­men zur vor­beu­gen­den Scha­dens­ab­wehr und inso­weit ohne­hin als Annex, also Neben­leis­tung, zu der damit ein­her­ge­hen­den steu­er­be­güns­tig­ten Hand­wer­k­erleis­tung eben­falls begüns­tigt 9.

Wort­laut sowie Sinn und Zweck des § 35a EStG ste­hen die­ser Aus­le­gung der Vor­schrift nicht ent­ge­gen. Denn das Gesetz unter­schei­det tat­be­stand­lich nicht zwi­schen steu­er­be­güns­tig­ten Hand­wer­k­erleis­tun­gen, die zur Bekämp­fung der Schwarz­ar­beit/​För­de­rung der Beschäf­ti­gung för­de­rungs­be­dürf­tig sind, und sol­chen Hand­wer­k­erleis­tun­gen, die einer sol­chen För­de­rung nicht bedür­fen, weil sie ohne­hin oder regel­mä­ßig nicht "ohne Rech­nung" in Anspruch genom­men wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat viel­mehr eine gene­ra­li­sie­ren­de, typi­sie­ren­de und pau­scha­lie­ren­de Rege­lung getrof­fen, ohne bei den mate­ri­el­len und "for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen" des § 35a EStG, etwa die Ein­bin­dung eines Kre­dit­in­sti­tuts oder einer Bank in den Zah­lungs­vor­gang, nach für Schwarz­ar­beit anfäl­li­ge­ren oder weni­ger anfäl­li­gen Berufs­grup­pen und Tätig­kei­ten zu unter­schei­den 10.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Novem­ber 14 – VI R 1/​13

  1. BSt­Bl I 2010, 140; ersetzt durch BMF, Schrei­ben vom 10.01.2014, BSt­Bl I 2014, 75, Rdnr. 22[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 06.05.2010 – VI R 4/​09, BFHE 229, 534, BSt­Bl II 2011, 909[]
  3. BT-Drs. 16/​643, 10, und BT-Drs. 16/​753, 11[]
  4. Bar­ein in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 35a EStG Rz 27[]
  5. BFH, Urteil vom 13.07.2011 – VI R 61/​10, BFHE 234, 391, BSt­Bl II 2012, 232; BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2014, 75, Rdnr.20[]
  6. vgl. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2014, 75, Rdnr. 23[]
  7. Apitz in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 35a EStG Rz 21; Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 86; Wüllenk­em­per, Ent­schei­dun­gen der Finanz­ge­rich­te 2013, 52; vgl. BMF, Schrei­ben in BSt­Bl I 2014, 75, Rdnr. 22, 58 []
  8. vgl. Fischer in Kirch­hof, EStG, 13. Aufl., § 35a Rz 10[]
  9. Bode, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 35a Rz D 6, Rz F 5; vgl. auch Evers­loh in Lade­mann, EStG, § 35a EStG Rz 86; dif­fe­ren­zie­rend Bar­ein, a.a.O., § 35a EStG Rz 28[]
  10. vgl. BFH, Beschluss vom 30.07.2013 – VI B 31/​13, BFH/​NV 2013, 1786[]