Kei­ne Umsatz­steu­er in der Kampf­sport­schu­le

Die Umsät­ze aus dem Betrieb einer Kampf­sport­schu­le kön­nen nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG steu­er­frei sein, soweit die erbrach­ten Leis­tun­gen nicht ledig­lich den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung haben und ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen in Schu­len oder Hoch­schu­len erbracht wer­den.

Kei­ne Umsatz­steu­er in der Kampf­sport­schu­le

In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall betrieb der Klä­ger eine Schu­le für Wing­Tsun. Bei die­ser Sport­art han­delt es sich nach einer vom Klä­ger her­aus­ge­ge­be­nen Wer­be­bro­schü­re um "Kampf- und Bewe­gungs­kunst". Unter Vor­la­ge einer Beschei­ni­gung des zustän­di­gen Minis­te­ri­ums für Bil­dung, Kul­tur und Wis­sen­schaft, wonach die vom Klä­ger erbrach­ten Unter­richts­leis­tun­gen zur Vor­be­rei­tung auf den Beruf des Kampf­kunst­leh­rers Wing­Tsun steu­er­freie Leis­tun­gen im Sin­ne des § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG dar­stell­ten, bean­trag­te die­ser, die zunächst als steu­er­pflich­tig erklär­ten Umsät­ze nun­mehr als umsatz­steu­er­frei zu behan­deln. Das Finanz­amt behan­del­te die Umsät­ze hin­ge­gen wei­ter­hin als steu­er­pflich­tig.

Das Finanz­ge­richt wies die hier­auf­hin erho­be­ne Kla­ge ab, weil die Wing­Tsun-Schu­le des Klä­gers kei­ne berufs­bil­den­de Ein­rich­tung i.S. von § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG sei und die Umsät­ze eben­so wenig nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG – nun­mehr Art. 132 Abs. 1 Buchst. i der MwSt­Sys­tRL – von der Umsatz­steu­er befreit sei­en.

Dem­ge­gen­über ent­schied jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof, dass eine Steu­er­frei­heit der strei­ti­gen Leis­tun­gen nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG in Betracht kommt. Für die erfor­der­li­che Aner­ken­nung i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG genü­ge die vom Klä­ger vor­ge­leg­te Beschei­ni­gung der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de, die sowohl die Finanz­be­hör­den als auch die Finanz­ge­rich­te dahin­ge­hend bin­de, dass es sich bei der aner­kann­ten Ein­rich­tung um eine sol­che mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung han­de­le. Der Begriff "Schul- und Hoch­schul­un­ter­richt" in Art. 13 Teil A Abs. 1 Nr. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beschrän­ke sich nicht auf Unter­richt, der zu einer Abschluss­prü­fung zur Erlan­gung einer Qua­li­fi­ka­ti­on füh­re oder eine Aus­bil­dung im Hin­blick auf die Aus­übung einer Berufs­tä­tig­keit ver­mitt­le, son­dern er schlie­ße ande­re Tätig­kei­ten ein, bei denen die Unter­wei­sung in Schu­len und Hoch­schu­len erteilt wer­de, um die Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten der Schü­ler oder Stu­den­ten zu ent­wi­ckeln, sofern die­se Tätig­kei­ten nicht den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung hät­ten.

Die strei­ti­gen Umsät­ze sind steu­er­frei, soweit die erbrach­ten Leis­tun­gen der Wing­Tsun-Schu­le als aner­kann­te Ein­rich­tung i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht ledig­lich den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung haben und ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen in Schu­len oder Hoch­schu­len erbracht wer­den. Die Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt las­sen kei­ne Beur­tei­lung zu, ob und in wel­chem Umfang dies der Fall gewe­sen ist.

Die unmit­tel­bar dem Schul- und Bil­dungs­zweck die­nen­den Leis­tun­gen pri­va­ter Schu­len und ande­rer all­ge­mein­bil­den­der oder berufs­bil­den­der Schu­len waren in der in den Streit­jah­ren noch bis zum 31.03.1999 gel­ten­den Fas­sung des § 4 Nr. 21 Buchst. b UStG von der Umsatz­steu­er befreit, wenn die zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de beschei­nig­te, dass sie auf einen Beruf oder eine vor einer juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts abzu­le­gen­de Prü­fung ord­nungs­ge­mäß vor­be­rei­ten. Auch nach der in den Streit­jah­ren ab dem 1.04.1999 gel­ten­den Fas­sung des § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG sind die unmit­tel­bar dem Schul- und Bil­dungs­zweck die­nen­den Leis­tun­gen pri­va­ter Schu­len und ande­rer all­ge­mein­bil­den­der oder berufs­bil­den­der Ein­rich­tun­gen von der Umsatz­steu­er befreit, wenn die zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de beschei­nigt, dass sie auf einen Beruf oder eine vor einer juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts abzu­le­gen­de Prü­fung ord­nungs­ge­mäß vor­be­rei­ten.

Uni­ons­recht­lich beruht § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG –glei­ches gilt für die Vor­gän­ger­vor­schrift § 4 Nr. 21 Buchst. b UStG– auf Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG –nun­mehr Art. 132 Abs. 1 Buchst. i MwSt­Sys­tRL– 1.

Die Mit­glied­staa­ten befrei­en nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG die Umsät­ze von der Steu­er, die "die Erzie­hung von Kin­dern und Jugend­li­chen, den Schul- oder Hoch­schul­un­ter­richt, die Aus­bil­dung, die Fort­bil­dung oder die beruf­li­che Umschu­lung sowie die damit eng ver­bun­de­nen Dienst­leis­tun­gen und Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den durch Ein­rich­tun­gen des öffent­li­chen Rechts, die mit sol­chen Auf­ga­ben betraut sind oder ande­re Ein­rich­tun­gen mit von dem betref­fen­den Mit­glied­staat aner­kann­ter ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung" betref­fen.

Die­se Richt­li­ni­en­be­stim­mung wur­de wie auch ande­re in Art. 13 der Richt­li­nie 77/​388/​EWG auf­ge­führ­te Steu­er­be­frei­un­gen vom natio­na­len Gesetz­ge­ber bis­her ledig­lich dadurch "umge­setzt", dass er die schon bei Inkraft­tre­ten der Richt­li­nie 77/​388/​EWG vor­han­de­nen, teil­wei­se bereits im UStG 1951 ent­hal­te­nen Steu­er­be­frei­ungs­tat­be­stän­de im Wesent­li­chen unver­än­dert wei­ter­ge­führt hat 2.

Im Streit­fall bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob die Steu­er­frei­heit der strei­ti­gen Leis­tun­gen aus § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG –glei­ches gilt für die Vor­gän­ger­vor­schrift § 4 Nr. 21 Buchst. b UStG– folgt und inwie­weit eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung die­ser Vor­schrift mög­lich ist, weil sich der Klä­ger jeden­falls grund­sätz­lich für die Umsatz­steu­er­frei­heit der strei­ti­gen Leis­tun­gen auf Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beru­fen kann 3. In Erman­ge­lung frist­ge­mäß erlas­se­ner Umset­zungs­maß­nah­men ist die Beru­fung eines Ein­zel­nen auf Bestim­mun­gen einer Richt­li­nie, die –wie hier– inhalt­lich als unbe­dingt und hin­rei­chend genau erschei­nen, gegen­über allen nicht richt­li­ni­en­kon­for­men inner­staat­li­chen Vor­schrif­ten mög­lich 4.

Im Streit­fall kommt eine Steu­er­frei­heit der strei­ti­gen Leis­tun­gen nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG in Betracht.

Bei der vom Klä­ger betrie­be­nen Wing­Tsun-Schu­le han­delt es sich um eine "ande­re Ein­rich­tung mit von dem betref­fen­den Mit­glied­staat aner­kann­ter ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung" i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG.

Der Begriff "Ein­rich­tung" erfasst auch pri­va­te Ein­hei­ten mit Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht, soweit der Richt­li­ni­en­ge­setz­ge­ber –wie hier in Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG– die Inan­spruch­nah­me der betref­fen­den Befrei­un­gen nicht aus­drück­lich vom Feh­len eines Gewinn­stre­bens abhän­gig gemacht hat 5.

Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt besitzt der Klä­ger eine Beschei­ni­gung der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de, wonach die von ihm erbrach­ten Unter­richts­leis­tun­gen der Vor­be­rei­tung auf den Beruf des Kampf­kunst­leh­rers Wing­Tsun die­nen und Leis­tun­gen i.S. des § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG dar­stel­len.

Eine der­ar­ti­ge Beschei­ni­gung genügt grund­sätz­lich für die Aner­ken­nung als Ein­rich­tung mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG 6.

Ent­ge­gen dem Vor­brin­gen des Finanz­amt bin­det die Beschei­ni­gung sowohl die Finanz­be­hör­den als auch die Finanz­ge­rich­te dahin­ge­hend, dass es sich bei der aner­kann­ten Ein­rich­tung um eine sol­che mit ver­gleich­ba­rer Ziel­set­zung han­delt. Bei der Ent­schei­dung, die inso­weit der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de über­tra­gen ist, han­delt es sich nicht um spe­zi­fisch steu­er­recht­li­che Fra­gen, die hin­sicht­lich ihrer recht­li­chen Beur­tei­lung dem Auf­ga­ben­be­reich der Finanz­be­hör­den zuzu­ord­nen wären 7.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die zustän­di­ge Lan­des­be­hör­de nicht zu ent­schei­den hat, ob die Vor­aus­set­zun­gen einer all­ge­mein­bil­den­den oder berufs­bil­den­den Ein­rich­tung i.S. des § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG gege­ben sind. Dies ist –wor­auf das Finanz­amt zutref­fend hin­weist– von den Finanz­be­hör­den geson­dert zu prü­fen und unter­liegt auch der vol­len Nach­prüf­bar­keit durch die Finanz­ge­rich­te 8.

Für die strei­ti­gen Leis­tun­gen kommt in Betracht, dass sie als "Schul- oder Hoch­schul­un­ter­richt" i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG zu beur­tei­len sind 9. Das Finanz­ge­richt hat die­ses BFH, Urteil, in dem die Recht­spre­chung des EuGH aus dem Jahr 2007 umge­setzt wur­de, nicht berück­sich­tigt. Es ging statt­des­sen unter Hin­weis auf die älte­re BFH-Recht­spre­chung im Urteil in BFHE 204, 355, BSt­Bl II 2004, 252 unzu­tref­fend davon aus, dass allein maß­geb­lich sei, ob –was hier nicht der Fall sei– die Vor­aus­set­zun­gen einer beruf­li­chen Aus­bil­dung, beruf­li­chen Fort­bil­dung oder beruf­li­chen Umschu­lung erfüllt sei­en.

Der Begriff "Schul- und Hoch­schul­un­ter­richt" in Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beschränkt sich nicht auf Unter­richt, der zu einer Abschluss­prü­fung zur Erlan­gung einer Qua­li­fi­ka­ti­on führt oder eine Aus­bil­dung im Hin­blick auf die Aus­übung einer Berufs­tä­tig­keit ver­mit­telt, son­dern er schließt ande­re Tätig­kei­ten ein, bei denen die Unter­wei­sung in Schu­len und Hoch­schu­len erteilt wird, um die Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten der Schü­ler oder Stu­den­ten zu ent­wi­ckeln, sofern die­se Tätig­kei­ten nicht den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung haben 10.

Die Steu­er­frei­heit der strei­ti­gen Leis­tun­gen hängt dem­nach –wor­auf der Klä­ger zutref­fend hin­weist– nicht davon ab, dass die ange­bo­te­nen Lehr­gän­ge weder Teil einer gesetz­lich gere­gel­ten Berufs­aus- oder Berufs­fort­bil­dung sind, noch auf einen bestimm­ten Beruf vor­be­rei­ten. Auf die Zie­le der die Ein­rich­tung besu­chen­den Per­so­nen kommt es für die Steu­er­be­frei­ung nicht an. Ent­schei­dend sind viel­mehr die Art der erbrach­ten Leis­tun­gen und ihre gene­rel­le Eig­nung als Schul- oder Hoch­schul­un­ter­richt. Des­halb ist es auch ohne Belang, wie hoch der Anteil der Schü­ler ist, die die Lehr­gän­ge des Klä­gers tat­säch­lich im Hin­blick auf eine Berufs­aus­bil­dung oder eine Prü­fungs­vor­be­rei­tung besuch­ten oder spä­ter tat­säch­lich den Beruf des Kampf­kunst­leh­rers ergrif­fen haben 11.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­wies die Sache an das Finanz­ge­richt zurück, damit es Fest­stel­lun­gen dazu trifft, ob und ggf. wel­che der vom Klä­ger in sei­ner Schu­le ange­bo­te­nen Unter­wei­sun­gen den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung haben und ob ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen in Schu­len oder Hoch­schu­len, gleich ob öffent­lich-recht­lich oder pri­vat­recht­lich orga­ni­siert, erbracht wer­den.

Das Finanz­ge­richt ist von ande­ren Rechts­grund­sät­zen aus­ge­gan­gen. Sei­ne Ent­schei­dung war daher auf­zu­he­ben. Die Sache ist nicht spruch­reif.

Den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt lässt sich nicht ent­neh­men, wel­che der vom Klä­ger in sei­ner Schu­le ange­bo­te­nen Unter­wei­sun­gen den Cha­rak­ter blo­ßer Frei­zeit­ge­stal­tung hat­ten, so dass eine Steu­er­be­frei­ung inso­weit auch nach Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG nicht in Betracht kommt. Das Finanz­ge­richt wird im zwei­ten Rechts­gang des­halb prü­fen müs­sen, ob und ggf. wel­che der erbrach­ten Leis­tun­gen der blo­ßen Frei­zeit­ge­stal­tung gedient haben.

Die Beschei­ni­gung der zustän­di­gen Lan­des­be­hör­de vom 11.04.2005 kann –über die Aner­ken­nung einer Ein­rich­tung i.S. von Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. i der Richt­li­nie 77/​388/​EWG hin­aus– auch Indiz dafür sein, dass die Leis­tun­gen, soweit sie dem tat­säch­li­chen Anfor­de­rungs­pro­fil der Beschei­ni­gung ent­spre­chen und kei­ne gegen­tei­li­gen Anhalts­punk­te vor­lie­gen, nicht den Cha­rak­ter einer blo­ßen Frei­zeit­ge­stal­tung haben, was vom Finanz­ge­richt zutref­fend zu wür­di­gen sein wird 12. Das Finanz­ge­richt hat daher Fest­stel­lun­gen dazu zu tref­fen, ob sol­che gegen­tei­li­gen zur Annah­me rei­ner Frei­zeit­ge­stal­tun­gen füh­ren­den Anhalts­punk­te –die sich z.B. aus dem Teil­neh­mer­kreis oder aus der the­ma­ti­schen Ziel­set­zung eines Lehr­gangs erge­ben kön­nen 13– vor­lie­gen.

Zu Recht ging die Vor­ent­schei­dung aller­dings davon aus, dass die in der vom Klä­ger her­aus­ge­ge­be­nen und vom Finanz­ge­richt in Bezug genom­me­nen Wer­be­bro­schü­re ange­ge­be­nen Lehr­gän­ge "Fre­quen­Chi zur Fett­ver­bren­nung" oder "Wing­Tsun als Kampf­sport für Kin­der" von ihrer the­ma­ti­schen Ziel­set­zung her auf rei­ne Frei­zeit­ge­stal­tun­gen schlie­ßen las­sen, die von der Steu­er­be­frei­ung aus­ge­schlos­sen sind. Dar­über hin­aus las­sen z.B. auch Lehr­gän­ge für Senio­ren oder all­ge­mein am Kampf­sport inter­es­sier­te Men­schen den Schluss auf Frei­zeit­ver­an­stal­tun­gen zu 14.

Hin­ge­gen wird das Finanz­ge­richt im zwei­ten Rechts­gang –wor­auf der Klä­ger zu Recht hin­weist– berück­sich­ti­gen müs­sen, dass Lehr­gän­ge, die es einem Teil­neh­mer –wie z.B. Poli­zis­ten oder Sol­da­ten– ermög­li­chen, die ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten durch Ver­tie­fung und Fort­ent­wick­lung beruf­lich zu nut­zen, auch dann unter die Steu­er­be­frei­ung fal­len, wenn von die­ser Mög­lich­keit nur weni­ge Teil­neh­mer Gebrauch machen 15.

Die Annah­me eines Schul- oder Hoch­schul­un­ter­richts setzt fer­ner vor­aus, dass –was der Klä­ger zwar behaup­tet, wozu jedoch Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt bis­her feh­len– ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen in Schu­len oder Hoch­schu­len, gleich ob öffent­lich-recht­lich oder pri­vat­recht­lich orga­ni­siert, erbracht wer­den 16. Auch die­se Fest­stel­lun­gen sind nach­zu­ho­len.

Schließ­lich wird das Finanz­ge­richt zu prü­fen haben, ob der Klä­ger sei­ne der Beschei­ni­gung des zustän­di­gen Minis­te­ri­ums vom 11.04.2005 –die kei­ne zeit­li­che Beschrän­kung ent­hält– zugrun­de geleg­te Tätig­keit bereits in den Streit­jah­ren 1999 bis 2003 in der­sel­ben Wei­se aus­ge­übt hat. Der BFH weist im Übri­gen dar­auf hin, dass es sich bei der Beschei­ni­gung nach § 4 Nr. 21 Buchst. a Dop­pel­buchst. bb UStG um einen Grund­la­gen­be­scheid i.S. des § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 AO han­delt, der Rück­wir­kung zukom­men kann 17.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 28. Mai 2013 – XI R 35/​11

  1. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 10.06.1999 – V R 84/​98, BFHE 188, 462, BSt­Bl II 1999, 578, unter II.2.; vom 23.08.2007 – V R 4/​05, BFHE 217, 327, BFH/​NV 2007, 2215, unter II.2.b bb; vom 10.01.2008 – V R 52/​06, BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.1.; vom 24.01.2008 – V R 3/​05, BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.1.[]
  2. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 21.03.2007 – V R 28/​04, BFHE 217, 59, BSt­Bl II 2010, 999, unter II.2.c aa; in BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.1.; in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.[]
  3. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 19.05.2005 – V R 32/​03, BFHE 210, 175, BSt­Bl II 2005, 900; vom 18.08.2005 – V R 71/​03, BFHE 211, 543, BSt­Bl II 2006, 143; in BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.2.; in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.; zu Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. m der Richt­li­nie 77/​388/​EWG vgl. fer­ner BFH, Urteil vom 02.03.2011 – XI R 21/​09, BFHE 233, 269, BFH/​NV 2011, 1456, Rz 19[]
  4. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 233, 269, BFH/​NV 2011, 1456, Rz 26, m.w.N. zur stän­di­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on –EuGH–[]
  5. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.2.b aa; in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.a aa, jeweils m.w.N. zur EuGH-Recht­spre­chung[]
  6. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.2.b bb; in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.a bb[]
  7. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 24.03.1987 – X R 38/​81, BFHE 150, 173, BSt­Bl II 1987, 645; vom 19.01.1989 – V R 176/​83, BFHE 156, 286, BSt­Bl II 1989, 308; vom 03.05.1989 – V R 83/​84, BFHE 157, 458, BSt­Bl II 1989, 815, unter II.2.b; fer­ner vom 18.12.2003 – V R 62/​02, BFHE 204, 355, BSt­Bl II 2004, 252, unter II.5.[]
  8. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 157, 458, BSt­Bl II 1989, 815, unter II.2.b –zu § 4 Nr. 21 Buchst. b UStG 1980 – ; in BFHE 204, 355, BSt­Bl II 2004, 252, unter II.5.; fer­ner vom 19.10.2011 – XI R 40/​09, BFH/​NV 2012, 798, Rz 25 –zu § 4 Nr.20 Buchst. a UStG – , jeweils m.w.N.[]
  9. zur Bal­lett­schu­le vgl. BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.b[]
  10. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 221, 295, BFH/​NV 2008, 725, unter II.2.a aa; in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.b, jeweils m.w.N. zur EuGH-Recht­spre­chung[]
  11. zur Bal­lett­schu­le vgl. BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.c aa, m.w.N.[]
  12. zur Bal­lett­schu­le vgl. BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.c bb[]
  13. vgl. BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.c bb[]
  14. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.c bb[]
  15. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, unter II.2.c bb, unter Hin­weis auf Kapi­tel – V Abschn. 1 Art. 14 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1777/​2005 des Rates vom 17.10.2005 zur Fest­le­gung von Durch­füh­rungs­vor­schrif­ten zur Richt­li­nie 77/​388/​EWG über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem –nun­mehr Kapi­tel – VIII Abschn. 1 Art. 44 MwSt­Sys­tRL-DVO ((Durch­füh­rungs­ver­ord­nung (EU) Nr. 282/​2011 des Rates vom 15.03.2011 zur Fest­le­gung von Durch­füh­rungs­vor­schrif­ten zur Richt­li­nie 2006/​112/​EG über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem[]
  16. vgl. dazu BFH, Urteil in BFHE 221, 302, BSt­Bl II 2012, 267, Leit­satz 3[]
  17. vgl. dazu BFH, Urteil vom 20.08.2009 – V R 25/​08, BFHE 226, 479, BSt­Bl II 2010, 15, Leit­sät­ze 1 und 2[]