Erstat­tung uni­ons­recht­li­cher Abga­ben – und ihre Ver­zin­sung

Abga­ben, die auf der Grund­la­ge einer für ungül­tig erklär­ten Uni­ons­ver­ord­nung erho­ben wur­den, sind ab dem Zeit­punkt der Zah­lung der uni­ons­rechts­wid­rig erho­be­nen Abga­be zu ver­zin­sen.

Erstat­tung uni­ons­recht­li­cher Abga­ben – und ihre Ver­zin­sung

In dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te ein Zucker erzeu­gen­des Unter­neh­men geklagt, das für meh­re­re Wirt­schafts­jah­re eine auf Uni­ons­recht beru­hen­de markt­ord­nungs­recht­li­che Pro­duk­ti­ons­ab­ga­be zu zah­len hat­te. Die der Abga­ben­er­he­bung zugrun­de­lie­gen­de uni­ons­recht­li­che Ver­ord­nung zur Fest­set­zung der Pro­duk­ti­ons­ab­ga­ben im Zucker­sek­tor wur­de spä­ter vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on für nich­tig erklärt, weil die Metho­de der Abga­ben­be­rech­nung zu einer über­höh­ten Belas­tung der Zucker­er­zeu­ger geführt hat 1. Der Rat der EU trug die­sem EuGH, Urteil Rech­nung und erließ eine neue Ver­ord­nung, die zu einer für das Unter­neh­men gerin­ge­ren Pro­duk­ti­ons­ab­ga­be führ­te. Das beklag­te Haupt­zoll­amt erstat­te­te dar­auf­hin dem Unter­neh­men den zu viel ent­rich­te­ten Abga­ben­be­trag und berech­ne­te ab Rechts­hän­gig­keit, d.h. ab dem Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung, Zin­sen auf die­sen Erstat­tungs­be­trag. Das Unter­neh­men ver­lang­te hin­ge­gen, Zin­sen bereits von dem Tag an zu berech­nen, an dem es die Pro­duk­ti­ons­ab­ga­be ent­rich­tet hat­te.

Das im Streit­fall hin­sicht­lich der Fra­ge der Ver­zin­sung anzu­wen­den­de natio­na­le Recht, näm­lich die Abga­ben­ord­nung, sieht für den Fall, dass Abga­ben auf­grund einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zu erstat­ten sind, vor, dass der Erstat­tungs­be­trag vom Tag der Rechts­hän­gig­keit an zu ver­zin­sen ist. Aller­dings hat der Uni­ons­ge­richts­hof in einem Urteil vom 18.04.2013 2 ent­schie­den, das natio­na­le Recht dür­fe nicht dazu füh­ren, dass dem Abga­be­pflich­ti­gen eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für die­je­ni­gen Ein­bu­ßen vor­ent­hal­ten wer­de, die er durch eine zu Unrecht gezahl­te uni­ons­recht­li­che Abga­be erlit­ten habe. Zin­sen auf Erstat­tungs­be­trä­ge müss­ten des­halb für den Zeit­raum berech­net wer­den, in wel­chem die Mit­tel dem Abga­be­pflich­ti­gen nicht zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat nun kei­nen Grund gese­hen, im Streit­fall von die­ser Recht­spre­chung des Uni­ons­ge­richts­hofs abzu­wei­chen. Für den Fall, dass die Finanz­be­hör­den auf­grund einer gericht­li­chen Ent­schei­dung Abga­ben zu erstat­ten haben, wird daher für die Berech­nung der Zin­sen auf den Erstat­tungs­be­trag künf­tig zwi­schen uni­ons­recht­li­chen und natio­na­len Abga­ben zu unter­schei­den sein:

In sei­nem Urteil Jülich – II 3 hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on unter Ver­weis auf sei­ne inso­weit stän­di­ge Recht­spre­chung 4 bekräf­tigt, dass sich im Fall von Steu­er­be­trä­gen, die unter Ver­stoß gegen Vor­schrif­ten des Uni­ons­rechts erho­ben wor­den sind, ein Anspruch auf Erstat­tung der erho­be­nen Beträ­ge zuzüg­lich Zin­sen unmit­tel­bar aus dem Uni­ons­recht ergibt. Die­sem Grund­satz fol­gend haben Rechts­su­chen­de, die einen Anspruch auf die Erstat­tung von Beträ­gen haben, die auf­grund einer ungül­ti­gen Ver­ord­nung zu Unrecht gezahlt wur­den, auch Anspruch auf Zah­lung der ent­spre­chen­den Zin­sen 5.

Im Hin­blick auf die Kon­kre­ti­sie­rung des Begriffs „ent­spre­chen­de” Zin­sen stellt der EuGH in die­sem Urteil 6 ledig­lich fest, dass es Sache der natio­na­len Stel­len und ins­be­son­de­re der natio­na­len Gerich­te ist, in Fäl­len der Erstat­tung von Abga­ben, die auf der Grund­la­ge für ungül­tig erklär­ter Uni­ons­ver­ord­nun­gen zu Unrecht erho­ben wur­den, alle mit die­ser Erstat­tung zusam­men­hän­gen­den Neben­fra­gen, wie etwa die der Zah­lung von Zin­sen, gemäß ihren inner­staat­li­chen Vor­schrif­ten über den Zins­satz und den Zeit­punkt, von dem an die Zin­sen zu berech­nen sind, zu regeln. Die Bedin­gun­gen für die Zah­lung sol­cher Zin­sen müss­ten dabei den Grund­sät­zen der Äqui­va­lenz und der Effek­ti­vi­tät ent­spre­chen, d.h. sie dürf­ten ins­be­son­de­re nicht so aus­ge­stal­tet sein, dass sie die Aus­übung der Rech­te, die die Uni­ons­rechts­ord­nung ein­räumt, prak­tisch unmög­lich machen. Dies ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des EuGH im Hin­blick auf die Erstat­tung zu Unrecht erho­be­ner Steu­er­be­trä­ge und dies­be­züg­li­cher Zin­sen 7.

Die Abga­ben­ord­nung sieht im Zusam­men­hang mit Erstat­tungs­an­sprü­chen zwar ledig­lich einen Anspruch auf Pro­zess­zin­sen ab Rechts­hän­gig­keit gemäß § 236 AO vor; Aus­nah­men hier­von sind in § 233a AO abschlie­ßend nor­miert und grei­fen im Streit­fall nicht ein. Mit Blick auf den Grund­satz der Effek­ti­vi­tät hat der Bun­des­fi­nanz­hof zunächst ent­schie­den, die Fra­ge, in wel­cher Wei­se der jewei­li­ge Mit­glied­staat eine Erstat­tung oder eine Ent­schä­di­gung für die finan­zi­el­le Ein­bu­ße regelt, die der Steu­er­pflich­ti­ge infol­ge eines Uni­ons­rechts­ver­sto­ßes erlit­ten hat, sei man­gels einer Uni­ons­rechts­re­ge­lung Sache des inner­staat­li­chen Rechts. Unter Umstän­den kön­ne der Steu­er­pflich­ti­ge zusätz­lich einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gel­tend machen. Der Gesetz­ge­ber sei aber nicht zu einer lücken­lo­sen Ver­zin­sung jeg­li­cher Erstat­tungs­an­sprü­che ver­pflich­tet 8; eine Ver­let­zung des Grund­sat­zes der Effek­ti­vi­tät durch das inner­staat­li­che Rege­lungs­ge­fü­ge sei dabei nicht ersicht­lich.

Jedoch erklärt der EuGH in sei­nem Urteil Iri­mie 9 eine natio­na­le Rege­lung für uni­ons­rechts­wid­rig, die die bei der Erstat­tung einer uni­ons­rechts­wid­rig erho­be­nen Steu­er zu zah­len­den Zin­sen auf jene Zin­sen beschränkt, die ab dem auf das Datum des Antrags auf Erstat­tung der Steu­er fol­gen­den Tag ange­fal­len sind. Eine der­ar­ti­ge natio­na­le Rege­lung dür­fe im Hin­blick auf die Erfor­der­nis­se des Grund­sat­zes der Effek­ti­vi­tät nicht dazu füh­ren, dass dem Steu­er­pflich­ti­gen eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für die Ein­bu­ßen, die er durch die zu Unrecht gezahl­te Steu­er erlit­ten habe, vor­ent­hal­ten wer­de 10. Die Ein­bu­ßen hin­gen u.a. davon ab, wie lan­ge der unter Ver­stoß gegen das Uni­ons­recht zu Unrecht gezahl­te Betrag nicht zur Ver­fü­gung gestan­den habe und ent­stün­den somit grund­sätz­lich im Zeit­raum vom Tag der zu Unrecht geleis­te­ten Zah­lung der frag­li­chen Steu­er bis zum Tag ihrer Erstat­tung 11.

In sei­nem Iri­mie, Urteil 12, in dem er erst­mals über die Uni­ons­rechts­kon­for­mi­tät einer natio­na­len Rege­lung zur Ver­zin­sung von Erstat­tungs­an­sprü­chen zu befin­den hat­te, hat der EuGH ein­deu­tig ent­schie­den, Zin­sen auf uni­ons­rechts­wid­rig erho­be­ne Steu­ern für den Zeit­raum, in dem die Mit­tel nicht zur Ver­fü­gung ste­hen, zuzu­spre­chen und er hat die­se Recht­spre­chung zum Zins­be­ginn in einem spä­te­ren Urteil bestä­tigt 13. Der Anspruch auf Zah­lung von Zin­sen ab dem Tag der zu Unrecht geleis­te­ten Abga­ben­zah­lung ergibt sich unmit­tel­bar aus dem Uni­ons­recht. Den anders­lau­ten­den BFH, Beschluss in BFHE 219, 1, BSt­Bl II 2008, 332 sieht der Bun­des­fi­nanz­hof als durch die aktu­el­le EuGH-Recht­spre­chung über­holt an.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 22. Sep­tem­ber 2015 – VII R 32/​14

  1. EuGH, Urteil vom 27.09.2012 – C‑113/​10, – C‑147/​10 und – C‑234/​10 [Jülich II], EU:C:2012:591, HFR 2012, 1210
  2. EuGH, Urteil vom 18.04.2013 – C‑565/​11 [Iri­mie], EU:C:2013:250, HFR 2013, 659
  3. EuGH, EU:C:2012:591, HFR 2012, 1210, Rz 66
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 08.03.2001 – C‑397/​98 und – C‑410/​98 [Metall­ge­sell­schaft], EU:C:2001:134, HFR 2001, 628, Rz 84 ff.; und Urteil vom 19.07.2012 – C‑591/​10 [Litt­le­woods Retail u.a.], EU:C:2012:478, HFR 2012, 1018, Rz 24 ff.
  5. EuGH, Urteil Jülich II, EU:C:2012:591, HFR 2012, 1210, Rz 67, 69
  6. EuGH, EU:C:2012:591, HFR 2012, 1210, Rz 60, 61
  7. vgl. EuGH, Urteil Roquet­te frères/​Kom­mis­si­on vom 21.05.1976 – 26/​74, EU:C:1976:69, Rz 9 ff.; Urteil vom 12.06.1980 – 130/​79 [Express Dai­ry Foods], EU:C:1980:155, ZfZ 1981, 45, Rz 11 ff.; und Urteil Litt­le­woods Retail u.a., EU:C:2012:478, HFR 1012, 1018, Rz 27
  8. BFH, Beschluss vom 18.09.2007 – I R 15/​05, BFHE 219, 1, 3, BSt­Bl II 2008, 332
  9. EuGH, EU:C:2013:250, HFR 2013, 659, 660, Rz 29
  10. EuGH, Urteil Iri­mie, EU:C:2013:250, HFR 2013, 659, 660, Rz 26, 27
  11. EuGH, Urteil Iri­mie, EU:C:2013:250, HFR 2013, 659, 660, Rz 28
  12. EuGH, EU:C:2013:250, HFR 2013, 659
  13. EuGH, Urteil Rafin?ria Steaua Român? vom 24.10.2013 – C‑431/​12, EU:C:2013:686, HFR 2013, 1163