Noch­mals: Grund­er­werb­steu­er nach Grund­be­sitz­wer­ten

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat, wie ges­tern berich­tet, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ange­ru­fen, weil er den Ansat­zes der nur noch für die Grund­er­werb­steu­er maß­geb­li­chen Grund­be­sitz­wer­te als Ersatz-Bemes­sungs­grund­la­ge für ver­fas­sungs­wid­rig hält.

Noch­mals: Grund­er­werb­steu­er nach Grund­be­sitz­wer­ten

Gleich­wohl ver­sagt der Bun­des­fi­nanz­hof in ein­schlä­gi­gen Fäl­len eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung des jewei­li­gen Grund­er­werb­steu­er­be­schei­des: Die Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Grund­er­werb­steu­er­be­scheids, des­sen Bemes­sungs­grund­la­ge sich aus einem Grund­be­sitz­wert ergibt, kommt für den Bun­des­fi­nanz­hof nicht wegen ernst­li­cher Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des § 11 i.V.m. § 8 Abs. 2 GrEStG und §§ 138 ff. BewG in Betracht. Denn, so der Bun­des­fi­nanz­hof, im Ver­fah­ren über die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ist zu beach­ten, dass regel­mä­ßig kei­ne wei­ter­ge­hen­de Ent­schei­dung getrof­fen wer­den kann als vom BVerfG zu erwar­ten ist.

Gemäß § 69 Abs. 7 i.V.m. Abs. 3 Satz 1 und Abs. 2 Satz 2 FGO soll die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes auf Antrag u.a. dann aus­ge­setzt wer­den, wenn ernst­li­che Zwei­fel an des­sen Recht­mä­ßig­keit bestehen.

Ernst­li­che Zwei­fel in die­sem Sin­ne sind anzu­neh­men, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes im Aus­set­zungs­ver­fah­ren neben den für die Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Grün­den gewich­ti­ge, gegen sie spre­chen­de Umstän­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­gen bewir­ken oder Unklar­hei­ten in der Beur­tei­lung der Tat­fra­gen auf­wer­fen 1. Sol­che Umstän­de sind im Streit­fall nicht gege­ben.

Ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Grund­er­werb­steu­er­be­scheids im Hin­blick dar­auf, dass die­ser als Fol­ge­be­scheid gemäß § 155 Abs. 2 AO vor dem Erlass der nach § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GrEStG i.V.m. § 138 Abs. 3 und § 151 Abs. 1 Nr. 1 und Abs. 5 BewG erfor­der­li­chen geson­der­ten Fest­stel­lungs­be­schei­de ergan­gen ist, bestehen nicht. § 155 Abs. 2 AO lässt die Ertei­lung eines Steu­er­be­scheids aus­drück­lich zu, auch wenn ein Grund­la­gen­be­scheid noch nicht erlas­sen wur­de. Im Streit­fall ist auch dem Erfor­der­nis, dass ein auf § 155 Abs. 2 AO gestütz­ter Steu­er­be­scheid einen kla­ren und ein­deu­ti­gen Hin­weis auf eine inso­weit nur vor­läu­fig getrof­fe­ne Rege­lung ent­hal­ten muss 2, hin­rei­chend Rech­nung getra­gen. Denn in dem ange­foch­te­nen Bescheid ist durch die aus­drück­li­che Kenn­zeich­nung der zugrun­de geleg­ten Bemes­sungs­grund­la­ge als "Schätz­wert" sowie den wei­te­ren Hin­weis, dass der Gesamt­be­trag der Grund­be­sitz­wer­te "0" € betra­ge, deut­lich zum Aus­druck gebracht, dass die Rege­lung im Vor­griff auf die noch aus­ste­hen­den Beschei­de über die geson­der­te Fest­stel­lung der Grund­be­sitz­wer­te erfolg­te.

Aus dem Vor­brin­gen der Antrag­stel­le­rin, das Finanz­amt habe sein in § 155 Abs. 2 AO ein­ge­räum­tes Ermes­sen zum Erlass eines Steu­er­be­scheids vor Erge­hen der Grund­la­gen­be­schei­de nicht aus­ge­übt, erge­ben sich kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Bescheids. Dabei kann offen blei­ben, ob das nur den Zeit­punkt der Ent­schei­dung betref­fen­de Ermes­sen i.S. des § 155 Abs. 2 AO 3 über­haupt einer Begrün­dung bedarf oder ob inso­weit die bei Aus­übung sog. inten­dier­ten Ermes­sens 4 gel­ten­den Begrün­dungs­er­leich­te­run­gen anzu­wen­den sind. Es sind jeden­falls weder aus dem Vor­brin­gen der Antrag­stel­le­rin noch nach Akten­la­ge Gesichts­punk­te erkenn­bar, aus denen sich eine Ermes­sens­be­schrän­kung des Finanz­am­tes erge­ben könn­te. Über­dies kann die feh­len­de Begrün­dung einer Ermes­sens­ent­schei­dung gemäß § 126 Abs. 1 Nr. 2 AO noch im Ein­spruchs­ver­fah­ren nach­ge­holt wer­den.

Die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Grund­er­werb­steu­er­be­scheids ist auch nicht des­halb aus­zu­set­zen, weil die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Bemes­sung der Grund­er­werb­steu­er nach Maß­ga­be der –im Streit­fall geschätz­ten– Grund­be­sitz­wer­te (§ 11 i.V.m. § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GrEStG und § 138 Abs. 2 bis 4 BewG) ernst­lich zwei­fel­haft ist.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist zwar, wie er in sei­nen Vor­la­ge­be­schlüs­sen vom 2. März 2011 5 an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­führt hat, von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit die­ser Vor­schrif­ten über­zeugt. Dar­aus erge­ben sich auch ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Grund­er­werb­steu­er­be­scheids.

Für Ver­fah­ren über die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ist aber zu beach­ten, dass regel­mä­ßig kei­ne wei­ter­ge­hen­de Ent­schei­dung getrof­fen wer­den kann als vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu erwar­ten ist 6.

Für die im Streit­fall maß­ge­ben­den Vor­schrif­ten des § 11 i.V.m. § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GrEStG und § 138 Abs. 2 bis 4 BewG kann nicht ange­nom­men wer­den, dass die­se auf die Vor­la­ge­be­schlüs­se des Bun­des­fi­nanz­hofs 5 hin vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt rück­wir­kend für nich­tig erklärt wer­den. Nach der stän­di­gen Spruch­pra­xis des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 7 ist regel­mä­ßi­ge Fol­ge einer –wie hier in Betracht kom­men­den– Ver­let­zung des Gleich­heits­sat­zes die Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung. Dabei kommt eine befris­te­te Fort­gel­tungs­an­ord­nung einer als ver­fas­sungs­wid­rig erkann­ten Bestim­mung u.a. aus Gesichts­punk­ten einer geord­ne­ten Finanz- und Haus­halts­pla­nung in Betracht 8. Dem­ge­mäß hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch in sei­nem zur Erb­schaft­steu­er ergan­ge­nen Beschluss vom 7. Novem­ber 2006 9 die befris­te­te wei­te­re Anwen­dung des gel­ten­den Erb­schaft­steu­er­rechts bis zur gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung zuge­las­sen und dies mit Erfor­der­nis­sen einer ver­läss­li­chen Finanz- und Haus­halts­pla­nung und eines gleich­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­voll­zugs für Zeit­räu­me einer weit­ge­hend abge­schlos­se­nen Ver­an­la­gung begrün­det.

Der Bun­des­fi­nanz­hof nichts für eine davon abwei­chen­de Beur­tei­lung für den Fall zu erken­nen, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt § 11 i.V.m. § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GrEStG und § 138 Abs. 2 bis 4 BewG für ver­fas­sungs­wid­rig erklä­ren soll­te. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist zwar bereits in sei­nem zur Erb­schaft­steu­er ergan­ge­nen Beschluss 10 zum Ergeb­nis gelangt, §§ 138 ff. BewG genüg­ten in allen Teil­be­rei­chen nicht den Vor­ga­ben des Gleich­heits­sat­zes. Der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung kommt jedoch, wie der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­nen Vor­la­ge­be­schlüs­sen vom 2. März 2011 5 näher aus­ge­führt hat, kei­ne Bin­dungs­wir­kung im Hin­blick auf die Anwen­dung des § 11 i.V.m. § 8 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GrEStG und § 138 Abs. 2 bis 4 BewG zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 5. April 2011 – II B 153/​10

  1. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 10.02.1967 – III B 9/​66, BFHE 87, 447, BSt­Bl III 1967, 182; Gräber/​Koch, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 69 Rz 86, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 19.04.1989 – X R 3/​86, BFHE 156, 383, BSt­Bl II 1989, 596; vom 11.12.1997 – III R 14/​96, BFHE 185, 177, BSt­Bl II 1999, 401[]
  3. vgl. Trz­as­ka­lik in Hübschmann/​Hepp/​Spi­ta­ler, § 155 AO Rz 44[]
  4. dazu Kru­se in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 5 AO Rz 14[]
  5. BFH, Beschlüs­se vom 02.03.2011 – II R 64/​08 und II R 23/​10[][][]
  6. BFH, Beschlüs­se vom 11.06.1986 – II B 49/​83, BFHE 146, 474, BSt­Bl II 1986, 782; vom 11.09.1996 – II B 32/​96, BFH/​NV 1997, 270; vom 17.07.2003 – II B 20/​03, BFHE 202, 380, BSt­Bl II 2003, 807; Gräber/​Koch, a.a.O., § 69 Rz 88; a.A. Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 69 FGO Rz 96[]
  7. vgl. etwa BVerfG, Beschluss vom 21.07.2010 – 1 BvR 611/​07, 1 BvR 2464/​07, DStR 2010, 1721, m.w.N.[]
  8. BVerfG, Beschluss in DStR 2010, 1721, m.w.N.[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 07.11.2006 – 1 BvL 10/​02, BVerfGE 117, 1, BSt­Bl II 2007, 192[]
  10. BVerfG, Beschluss in BVerfGE 117, 1, BSt­Bl II 2007, 192[]
  11. BVerfG – 1 BvL 21/​12[]