Argen­ti­ni­sche Staats­an­lei­hen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat erneut die Zah­lungs­ver­pflich­tung der Repu­blik Argen­ti­ni­en gegen­über pri­va­ten Gläu­bi­gern aus den von ihr bege­be­nen Staats­an­lei­hen bejaht.

Argen­ti­ni­sche Staats­an­lei­hen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich in zwei wei­te­ren Ver­fah­ren damit beschäf­tigt, ob die Repu­blik Argen­ti­ni­en die Erfül­lung von Zah­lungs­an­sprü­chen pri­va­ter Gläu­bi­ger aus von ihr bege­be­nen Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen unter Beru­fung auf den von ihr wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit erklär­ten Staats­not­stand oder wegen der mit der Mehr­heit der Gläu­bi­ger frei­wil­lig zustan­de gekom­me­nen Umschul­dung ver­wei­gern kann. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dies ver­neint.

In den bei­den Ver­fah­ren macht der jewei­li­ge Klä­ger Ansprü­che aus Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen gel­tend, die von dem beklag­ten Staat Argen­ti­ni­en in den Jah­ren 1996 1 bzw.1997 2 aus­ge­ge­ben wur­den. Der eine Klä­ger, Inha­ber einer 1997er Schuld­ver­schrei­bung, begehrt die Rück­zah­lung des Nomi­nal­be­trags des von ihm erwor­be­nen Mit­ei­gen­tums­an­teils an den Ende Okto­ber 2009 fäl­lig gewor­de­nen Schuld­ver­schrei­bun­gen nebst den am 30.10.2008 und 30.10.2009 fäl­lig gewor­de­nen Zin­sen. Der ande­re Klä­ger, Inha­ber einer 1996er argen­ti­ni­schen Schuld­ver­schrei­bung, begehrt die Zah­lung der aus den Schuld­ver­schrei­bun­gen am 13.11.2005 fäl­lig gewor­de­nen Zin­sen für das Jahr 2005 nebst einem nach sei­ner Behaup­tung wegen der Nicht­zah­lung die­ser Zin­sen ent­gan­ge­nen Gewinn.

Die Repu­blik Argen­ti­ni­en sieht sich seit 1999 mit erheb­li­chen volks­wirt­schaft­li­chen Pro­ble­men kon­fron­tiert, die sich zumin­dest zeit­wei­se bis zu einer Finanz­kri­se des Staa­tes aus­ge­wei­tet hat­ten. Mit Gesetz Nr. 25.561 über den öffent­li­chen Not­stand und die Reform des Wech­sel­kurs­sys­tems vom 06.01.2002 wur­de der "öffent­li­che Not­stand auf sozia­lem, wirt­schaft­li­chem, admi­nis­tra­ti­vem, finan­zi­el­lem und wäh­rungs­po­li­ti­schem Gebiet" erklärt. Auf der Grund­la­ge der dar­auf­hin erlas­se­nen Ver­ord­nung 256/​2002 vom 06.02.2002 zur Umstruk­tu­rie­rung der Ver­bind­lich­kei­ten und Schul­den­zah­lun­gen der argen­ti­ni­schen Regie­rung wur­de der Aus­lands­schul­den­dienst durch Argen­ti­ni­en aus­ge­setzt, um ihn neu zu ord­nen. Das Gesetz über den öffent­li­chen Not­stand wur­de immer wie­der – zuletzt ein wei­te­res Mal bis zum 31.12 2015 – ver­län­gert. Auf­grund des­sen fie­len auch die bei­den Gläu­bi­ger mit den von ihnen nun­mehr im Kla­ge­we­ge gel­tend gemach­ten Ansprü­chen aus.

Das erst­in­stanz­lich mit bei­den Zah­lungs­an­sprü­chen befass­te Amts­ge­richt Frank­furt am Main hat den bei­den Kla­gen im Wesent­li­chen statt­ge­ge­ben 3. Das Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die dage­gen gerich­te­ten Beru­fun­gen der Repu­blik Argen­ti­ni­en im wesent­li­chen zurück­ge­wie­sen 4. Es hat dabei unter ande­rem die Ansicht der Repu­blik Argen­ti­ni­en abge­lehnt, dass einem Schuld­ner­staat, der sich in einer Finanz­kri­se befun­den und mit einer Mehr­heit sei­ner Gläu­bi­ger eine Umstruk­tu­rie­rung sei­ner Schul­den ver­ein­bart habe, ein völ­ker­recht­lich begrün­de­tes Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht gegen­über soge­nann­ten Hold­out-Gläu­bi­gern auch dann zukom­men sol­le, wenn die Bedin­gun­gen der zugrun­de lie­gen­den Schuld­ver­schrei­bung ent­spre­chen­de (Umschuldungs)Klauseln ("Collec­tive Action Clau­ses") nicht ent­hal­ten haben.

Mit der vom Land­ge­richt Frank­furt am Main jeweils zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt die Repu­blik Argen­ti­ni­en ihre Klag­ab­wei­sungs­be­geh­ren vor dem Bun­des­ge­richts­hof wei­ter, blieb jedoch auch hier ohne Erfolg:

Der Bun­des­ge­richts­hof kam zu dem Ergeb­nis, dass kei­ne all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts fest­stell­bar ist, die einen Staat gegen­über Pri­vat­per­so­nen berech­tigt, die Erfül­lung fäl­li­ger pri­vat­recht­li­cher Zah­lungs­an­sprü­che unter Beru­fung auf den wegen Zah­lungs­un­fä­hig­keit erklär­ten Staats­not­stand oder wegen einer mit der Mehr­heit der Gläu­bi­ger frei­wil­lig zustan­de gekom­me­nen Umschul­dung zeit­wei­se zu ver­wei­gern.

Dabei hat der Bun­des­ge­richts­hof an die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ange­knüpft, das bereits im Jahr 2007 – auf meh­re­re Vor­la­gen des Amts­ge­richts Frank­furt am Main – im Zusam­men­hang mit ande­ren Staats­an­lei­hen der Beklag­ten fest­ge­stellt hat­te, dass das Völ­ker­recht weder ein ein­heit­li­ches noch ein kodi­fi­zier­tes Kon­kurs­recht der Staa­ten kennt 5. Die­se Fest­stel­lun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts haben nach wie vor Gül­tig­keit.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung Argen­ti­ni­ens hat sich ins­be­son­de­re nicht als Fol­ge der Welt­fi­nanz­markt­kri­se in den Jah­ren 2008 und 2009 und der soge­nann­ten Euro-Ret­tungs­maß­nah­men für Grie­chen­land und Zypern eine all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts im Sin­ne des Art. 25 GG mit dem Inhalt her­aus­ge­bil­det, dass sich sämt­li­che pri­va­ten Gläu­bi­ger eines Staa­tes im Fal­le eines wirt­schaft­li­chen und finan­zi­el­len Staats­not­stands an einer Umstruk­tu­rie­rung der Schul­den betei­li­gen müs­sen und dem not­lei­dend gewor­de­nen Staat bis zu einer ent­spre­chen­den Ver­ein­ba­rung ein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht hin­sicht­lich fäl­li­ger Zah­lungs­an­sprü­che aus Pri­vat­rechts­ver­hält­nis­sen zusteht. Denn in der Sache besagt die­ser Ansatz nichts ande­res, als dass dadurch das völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­che Insti­tut des Not­stands für den Son­der­fall der Zah­lungs­un­fä­hig­keit in Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen kon­kre­ti­siert wird.

Im Kern beinhal­tet er damit die Behaup­tung eines von der Staa­ten­ge­mein­schaft aner­kann­ten Insol­venz­rechts der Staa­ten. Ein sol­ches besteht indes unzwei­fel­haft nicht, so dass es auch einer Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach Art. 100 Abs. 2 i.V.m. Art. 25 GG nicht bedurf­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 24. Febru­ar 2015 – XI ZR 47/​14 und XI ZR 193/​14

  1. BGH – XI ZR 47/​14[]
  2. BGH – XI ZR 193/​14[]
  3. AG Frank­furt am Main, Urtei­le vom 09.04.2013 – 30 C 2877/​11; und vom 02.07.2013 – 30 C 128/​13[]
  4. LG Frank­furt am Main, Urtei­le vom 13.01.2014 – 24 S 95/​13; und vom vom 21.03.2014 – 24 S 139/​13[]
  5. BVerfGE 118, 124[]