Der nicht all­ge­mein beei­dig­te Dol­met­scher

Die Rüge, mit wel­cher der Ange­klag­te ein­wen­det, der für ihn in der Haupt­ver­hand­lung in der Spra­che Dari über­set­zen­de Dol­met­scher sei nicht beei­digt und daher unter Ver­stoß gegen §§ 189, 185 Abs. 1 Satz 1 GVG hin­zu­ge­zo­gen wor­den, dringt durch, wenn der Dol­met­scher sich in der Haupt­ver­hand­lung dar­auf beruft, er sei öffent­lich bestellt sowie all­ge­mein beei­digt, tat­säch­lich aber kei­nen all­ge­mei­nen Eid (§ 189 Abs. 2 GVG) abge­legt hat und wenn der Vor­sit­zen­de dar­auf­hin davon absieht, die­sem die Eides­for­mel nach § 189 Abs. 1 GVG abzu­neh­men.

Der nicht all­ge­mein beei­dig­te Dol­met­scher

Nach § 189 Abs. 2 GVG genügt vor allen Gerich­ten des Bun­des und der Län­der die Beru­fung auf einen all­ge­mei­nen Eid, wenn der Dol­met­scher für Über­tra­gun­gen der betref­fen­den Art in einem Land nach den lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten all­ge­mein beei­digt ist. Tat­säch­lich hat­te H. nie einen sol­chen Eid – etwa nach Art. 4 Abs. 1 des baye­ri­schen Geset­zes über die öffent­li­che Bestel­lung und all­ge­mei­ne Beei­di­gung von Dol­met­schern und Über­set­zern (Dol­met­scher­ge­setz – DolmG) 1 i.V.m. § 189 Abs. 2 GVG – geleis­tet, wie die Revi­si­on zutref­fend vor­ge­tra­gen hat; dem­entspre­chend wur­de H. nicht in der Daten­bank der baye­ri­schen Jus­tiz­ver­wal­tung oder einer län­der­über­grei­fen­den Dol­met­scherund Über­set­zer­da­ten­bank (Art. 7 DolmG BY) geführt. Damit ist der Ver­stoß gegen §§ 189, 185 Abs. 1 Satz 1 GVG erwie­sen. Das Beru­hen des Urteils auf die­ser Ver­fah­rens­ver­let­zung (§ 337 Abs. 1 StPO) ist nicht aus­zu­schlie­ßen:

Mit der Eides­leis­tung in der Haupt­ver­hand­lung (§ 189 Abs. 1 GVG) bzw. mit dem Beru­fen auf einen all­ge­mei­nen Eid (§ 189 Abs. 2 GVG) soll dem Dol­met­scher sei­ne beson­de­re Ver­ant­wor­tung im kon­kre­ten Fall bewusst gemacht wer­den 2. Eine sol­che Ver­pflich­tung ist bereits des­we­gen erfor­der­lich, weil das Gericht in der Regel – gege­be­nen­falls mit Aus­nah­me gän­gi­ger Fremd­spra­chen wie etwa Eng­lisch oder Fran­zö­sisch – die Über­set­zung nicht über­prü­fen kann. In die­sem Sin­ne ist die Ver­ei­di­gung eine wesent­li­che und unver­zicht­ba­re Förm­lich­keit des Ver­fah­rens 3. Mit der – zu pro­to­kol­lie­ren­den (vgl. etwa Art. 4 Abs. 3 DolmG BY) – Abnah­me all­ge­mei­ner Eide und der anschlie­ßen­den Auf­nah­me der­art ver­ei­dig­ter Dol­met­scher in fort­zu­füh­ren­den Ver­zeich­nis­sen als Auf­ga­be der Jus­tiz­ver­wal­tung soll den Gerich­ten im Ein­zel­fall das Auf­fin­den eines qua­li­fi­zier­ten Über­set­zers erleich­tert wer­den 4.

Eine sol­che Eides­leis­tung setzt indes ein beson­de­res Jus­tiz­ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor­aus, wel­ches etwa im Frei­staat Bay­ern nach Art. 3 Abs. 1 DolmG BY auf Antrag des Dol­met­schers ein­ge­lei­tet wird und für wel­ches die Prä­si­den­ten der Land­ge­rich­te zustän­dig sind (Art. 2 DolmG BY). In die­sem Ver­fah­ren wer­den ins­be­son­de­re die durch eine Prü­fung nach­zu­wei­sen­de fach­li­che Eig­nung (Art. 3 Abs. 1 Buchst. d, Art. 15 DolmG BY) sowie per­sön­li­che Zuver­läs­sig­keit (ins­be­son­de­re Art. 3 Abs. 1 Buchst. c [geord­ne­te wirt­schaft­li­che Ver­hält­nis­se] und e [gericht­li­che Stra­fen oder sons­ti­ge Maß­nah­men ] DolmG BY) des Antrag­stel­lers geprüft. Mit der all­ge­mei­nen Beei­di­gung und der nach der baye­ri­schen Rechts­la­ge ein­her­ge­hen­den Bestel­lung wird das Ver­wal­tungs­ver­fah­ren (regel­mä­ßig spä­tes­tens nach drei Mona­ten, Art. 3 Abs. 3 Satz 2 DolmG BY) abge­schlos­sen. Die Beei­di­gung ist ein fest­stel­len­der Ver­wal­tungs­akt im Sin­ne des § 35 Satz 1 VwVfG des Inhalts, dass der Dol­met­scher fach­lich geeig­net und per­sön­lich zuver­läs­sig ist; Beei­di­gung und Auf­nah­me in das Ver­zeich­nis sol­len eine gewis­se Gewähr dafür bie­ten, dass der all­ge­mein beei­dig­te Dol­met­scher die ihm zuge­dach­ten Auf­ga­ben zuver­läs­sig und sach­ge­recht erfüllt sowie infol­ge­des­sen den Gerich­ten hier­für all­ge­mein zur Ver­fü­gung steht 5.

Im hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Der Dol­met­scher H. hat kei­nen all­ge­mei­nen Eid nach Art. 4 Abs. 1 DolmG BY (i.V.m. § 1 des baye­ri­schen Ver­pflich­tungs­ge­set­zes) geleis­tet; sei­ne im Rah­men der staats­an­walt­schaft­li­chen Gegen­er­klä­rung (§ 347 Abs. 1 Satz 3 StPO) ein­ge­hol­te Stel­lung­nah­me, es habe nach meh­re­ren ein­zel­nen Eides­leis­tun­gen (§ 189 Abs. 1 GVG) gehei­ßen, er sei jetzt all­ge­mein beei­digt, legt gar nahe, dass bis­lang kein förm­li­ches Beei­di­gungs- und Bestel­lungs­ver­fah­ren nach Art. 1 ff. DolmG BY ein­ge­lei­tet ist.

Nach alle­dem gab es kei­nen all­ge­mei­nen Eid, von wel­chem H. 8 sich bei sei­nen Über­tra­gungs­leis­tun­gen hät­te „lei­ten” las­sen kön­nen. Damit liegt die­ser Fall gänz­lich anders als die Sach­ver­hal­te, in wel­chen der Dol­met­scher einen all­ge­mei­nen Eid leis­te­te, die Ent­ge­gen­nah­me aber mög­li­cher­wei­se feh­ler­be­haf­tet war 6, sich der Eid nur auf einen ande­ren Gerichts­be­zirk erstreck­te oder der Dol­met­scher auch eine ande­re Spra­che über­setz­te 7. In den zuletzt genann­ten Kon­stel­la­tio­nen kann aus­ge­schlos­sen wer­den, dass sich der Dol­met­scher sei­ner beson­de­ren Ver­ant­wor­tung und sei­ner Pflicht zur treu­en und gewis­sen­haf­ten Über­set­zung nicht bewusst gewe­sen ist.

Eine sol­che noch aus­rei­chen­de Gewähr ist in die­sem Fall aber man­gels erfolg­rei­cher Durch­füh­rung eines beson­de­ren Jus­tiz­ver­wal­tungs­ver­fah­rens im Sin­ne des § 189 Abs. 2 GVG i.V.m. Art. 1 ff. DolmG BY nicht gege­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 6. Juni 2019 – 1 StR 190/​19

  1. Bay RS IV S. 516
  2. BGH, Beschluss vom 15.12 2011 – 1 StR 579/​11, BGHR GVG § 189 Beei­di­gung 5; Urteil vom 07.11.1986 – 2 StR 499/​86, BGHR GVG § 189 Abs. 2 Über­tra­gung, zusätz­li­che 1
  3. BGH, Urteil vom 08.03.1968 – 4 StR 615/​67, BGHSt 22, 118, 120
  4. BVerwG, Urteil vom 16.01.2007 – 6 C 15/​06 Rn. 33
  5. BVerwG, Urteil vom 16.01.2007 – 6 C 15/​06 Rn. 23, 32
  6. BGH, Urteil vom 17.01.1984 – 5 StR 755/​83 [durch beauf­trag­ten Rich­ter anstel­le des Land­ge­richts­prä­si­den­ten oder des­sen Ver­tre­ter]
  7. BGH, Urteil vom 07.11.1986 – 2 StR 499/​86, BGHR GVG § 189 Abs. 2 Über­tra­gung, zusätz­li­che 1 [slo­wa­kisch neben tsche­chisch]