Die Beschwer­de des Pflicht­ver­tei­di­gers gegen die Auf­he­bung sei­ner Bestellung

Einem Pflicht­ver­tei­di­ger steht gegen die Auf­he­bung sei­ner Bestel­lung kein eige­nes Beschwer­de­recht zu [1].

Die Beschwer­de des Pflicht­ver­tei­di­gers gegen die Auf­he­bung sei­ner Bestellung

Nach der Rege­lung des § 304 Abs. 2 StPO kön­nen zwar ande­re Per­so­nen, zu denen auch Ver­tei­di­ger zäh­len kön­nen [2], (sofor­ti­ge) Beschwer­de ein­le­gen, wenn sie in ihren Rech­ten betrof­fen sind. Anders als durch die Ableh­nung der von einem Pflicht­ver­tei­di­ger bean­trag­ten Rück­nah­me sei­ner Bei­ord­nung [3] ist eine die Beschwer­de­be­fug­nis begrün­den­de Rechts­be­ein­träch­ti­gung durch die gegen sei­nen Wil­len vor­ge­nom­me­ne Ent­pflich­tung jedoch nicht gegeben.

Der Zweck der Pflicht­ver­tei­di­gung, die ein Rechts­an­walt grund­sätz­lich über­neh­men muss (§ 49 Abs. 1 BRAO), besteht – aus­schließ­lich – dar­in, im öffent­li­chen Inter­es­se dafür zu sor­gen, dass der Beschul­dig­te in schwer­wie­gen­den Fäl­len (§ 140 StPO) rechts­kun­di­gen Bei­stand erhält und der ord­nungs­ge­mä­ße Ver­fah­rens­ab­lauf gewähr­leis­tet wird [4]. Die Bei­ord­nung eines Ver­tei­di­gers erfolgt dem­zu­fol­ge nicht in des­sen, son­dern allein im öffent­li­chen Inter­es­se zum Schutz des Beschul­dig­ten. Ein Rechts­an­walt hat des­halb kei­nen aus eige­nem Recht ableit­ba­ren Anspruch dar­auf, in einer bestimm­ten Straf­sa­che zum Ver­tei­di­ger bestellt zu wer­den, eine ihm über­tra­ge­ne Pflicht­ver­tei­di­gung wei­ter­zu­füh­ren und sei­ner – dro­hen­den oder voll­zo­ge­nen – Abbe­ru­fung ent­ge­gen­zu­tre­ten [5]. Anders als die Ableh­nung der von ihm nach § 49 Abs. 2 i.V.m. § 48 Abs. 2 BRAO bean­trag­ten Auf­he­bung sei­ner Bei­ord­nung, die ihn mit Blick auf die ihm aus § 49 Abs. 1 BRAO erwach­sen­de Berufs­pflicht in sei­nem Recht auf Berufs­aus­übungs­frei­heit nach Art. 12 Abs. 1 GG beein­träch­ti­gen kann [6], ist die Rück­nah­me der Bestel­lung kein ihn beschwe­ren­der Ein­griff in sein Grund­recht aus Art. 12 Abs. 1 GG [7].

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Aus der ihm durch die staat­li­che Indienst­nah­me zukom­men­den öffent­li­chen Funk­ti­on folgt nichts ande­res [8], denn die Auf­ga­ben­er­fül­lung im öffent­li­chen Inter­es­se endet mit der Auf­he­bung der Bestel­lung. Mit Blick auf sei­ne öffent­li­che Funk­ti­on liegt auch kei­ne ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge zu einem Wahl­ver­tei­di­ger und des­sen Beschwer­de­recht aus § 138d Abs. 6 Satz 1 StPO vor [9]. Zudem darf der aus­ge­schlos­se­ne Wahl­ver­tei­di­ger in dem betref­fen­den Ver­fah­ren für den Ange­klag­ten in kei­ner Form mehr auf­tre­ten [10], wäh­rend der Pflicht­ver­tei­di­ger nach sei­ner Abbe­ru­fung grund­sätz­lich wei­ter­hin als Wahl­ver­tei­di­ger tätig wer­den kann [11]. Da dem Ver­tei­di­ger kein Anspruch auf Fort­füh­rung des Pflicht­ver­tei­di­ger­man­dats zusteht, ver­mö­gen – anders als der Beschwer­de­füh­rer meint – damit ggf. ver­bun­de­ne wirt­schaft­li­che Inter­es­sen oder ein Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­se eine Rechts­be­trof­fen­heit eben­falls nicht auszulösen.

Die­se Grund­sät­ze ent­spre­chen auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nach Inkraft­tre­ten des Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Rechts der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung vom 10.12.2019 [12]. Ins­be­son­de­re hat der Gesetz­ge­ber in Kennt­nis der bis­he­ri­gen Rechts­pra­xis für die sofor­ti­ge Beschwer­de in § 143a Abs. 4 StPO nF an dem Erfor­der­nis einer Beschwer festgehalten.

Das Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Rechts der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung dient der Umset­zung der Richt­li­nie (EU) 2016/​1919 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.10.2016 über Pro­zess­kos­ten­hil­fe für ver­däch­ti­ge und beschul­dig­te Per­so­nen in Straf­ver­fah­ren sowie für gesuch­te Per­so­nen in Ver­fah­ren zur Voll­stre­ckung des Euro­päi­schen Haft­be­fehls [13]. In Bei­be­hal­tung des „bewähr­ten Sys­tems der not­wen­di­gen Ver­tei­di­gung“ [14] regeln §§ 143, 143a StPO nF nun­mehr die nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge nur ansatz­wei­se und frag­men­ta­risch nor­mier­ten Fra­gen der Dau­er, Auf­he­bung und Zurück­nah­me der Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung [15]. Soweit Ent­schei­dun­gen über einen Ver­tei­di­ger­wech­sel, die nach bis­he­ri­ger Geset­zes­la­ge der (ein­fa­chen) Beschwer­de unter­la­gen, nun­mehr mit dem Rechts­mit­tel der sofor­ti­gen Beschwer­de ange­grif­fen wer­den kön­nen (§ 143a Abs. 4 StPO), ergibt sich aus der Geset­zes­be­grün­dung, dass für die Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels an dem Erfor­der­nis einer Beschwer fest­ge­hal­ten wird. Denn der Gesetz­ge­ber hat aus­drück­lich Bezug auf die bis­he­ri­ge Rechts­schutz­mög­lich­keit genom­men und dar­ge­legt, die Ein­füh­rung einer sofor­ti­gen Beschwer­de die­ne aus­schließ­lich dazu, rasch Klar­heit über die Fra­ge zu schaf­fen, wer die Ver­tei­di­gung über­nimmt [16].

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Auch das EU-Recht begrün­det kei­ne Beschwer­de­be­fug­nis des Pflicht­ver­tei­di­gers in der hie­si­gen Kon­stel­la­ti­on. Art. 8 RL 2016/​1919/​EU ver­pflich­tet die Mit­glied­staa­ten, ver­däch­ti­gen, beschul­dig­ten und gesuch­ten Per­so­nen einen wirk­sa­men Rechts­be­helf für den Fall der Ver­let­zung ihrer Rech­te aus der Richt­li­nie zur Ver­fü­gung zu stel­len; die Schaf­fung beson­de­rer Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten für Ver­tei­di­ger inten­diert die Richt­li­nie indes nicht.

Schließ­lich kann dahin­ste­hen, ob ein Ver­stoß gegen das aus Art. 3 Abs. 1 GG fol­gen­de objek­ti­ve Will­kür­ver­bot [17] ein Beschwer­de­recht zu begrün­den ver­mag [18], denn die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ist auch mit Blick auf die von dem Vor­sit­zen­den abge­ge­be­nen Erklä­run­gen in der Haupt­ver­hand­lung jeden­falls in der Sache nicht offen­sicht­lich unter kei­nem denk­ba­ren Aspekt recht­lich unver­tret­bar [19].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. August 2020 – StB 25/​20

  1. vgl. Han­sOLG Ham­burg, Beschluss vom 17.11.1997 – 2 Ws 255/​97, NJW 1998, 621; OLG Frank­furt am Main, Beschluss vom 06.03.1996 – 3 Ws 191/​96, NStZ-RR 1996, 272; OLG Hamm, Beschluss vom 01.06.1993 – 3 Ws 286/​93, MDR 1993, 1226; KK-StPO/­Will­now, 8. Aufl., § 143 Rn. 6; Münch­Komm-StPO/­Tho­mas/­Kämp­fer, § 143 Rn. 18; MeyerGoßner/​Schmitt, StPO, 63. Aufl., § 143a Rn. 36; für ein Beschwer­de­recht im Fal­le einer will­kür­li­chen Ent­schei­dung vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.12.1985 – 2 Ws 652/​85, NStZ 1986, 138; OLG Köln, Beschluss vom 24.07.1981 – 2 Ws 378/​81, NStZ 1982, 129; Dölling/​Duttge/​König/​Rössner/​Weiler, Gesam­tes Straf­recht, 4. Aufl., § 143 StPO Rn. 7; LR/​Lüderssen/​Jahn, StPO, 26. Aufl., § 143 Rn. 16; SK-StPO/­Woh­lers, 5. Aufl., § 143 Rn. 26; für ein gene­rel­les Beschwer­de­recht hin­ge­gen Hil­gen­dorf, NStZ 1996, 1, 6 f.; HK-StPO/­Ju­li­us/­Schie­mann, 6. Aufl., § 143 Rn. 10; SSW-StPO/­Beul­ke, 4. Aufl., § 143 Rn. 29 jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.2020 – StB 6/​20, NJW 2020, 1534 Rn. 3 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.2020 – StB 6/​20, NJW 2020, 1534[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.04.1975 – 2 BvR 207/​75, BVerfGE 39, 238, 242; OLG Hamm, Beschluss vom 01.06.1993 – 3 Ws 286/​93, MDR 1993, 1226; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.12.1985 – 2 Ws 652/​85, NStZ 1986, 138[]
  5. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.12.1985 – 2 Ws 652/​85, NStZ 1986, 138[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 05.03.2020 – StB 6/​20, NJW 2020, 1534 Rn. 3 ff.; s. auch BVerfG, Beschluss vom 08.04.1975 – 2 BvR 207/​75, BVerfGE 39, 238, 241 f.[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.04.1975 – 2 BvR 207/​75, BVerfGE 39, 238, 241 f.; so auch BVerfG, Beschlüs­se vom 14.10.1997 – 2 BvQ 32/​97, NJW 1998, 444; vom 11.03.1997 – 2 BvR 325/​97, NStZ-RR 1997, 202, 203[]
  8. so aber Hil­gen­dorf, NStZ 1996, 1, 7; SSWStPO/​Beulke, 4. Aufl., § 143 Rn. 29[]
  9. anders Hil­gen­dorf, NStZ 1996, 1, 6 f.[]
  10. vgl. Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 63. Aufl., § 138a Rn. 22[]
  11. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.04.1975 – 2 BvR 207/​75, BVerfGE 39, 238, 245 f.[]
  12. BGBl. I, S. 2128 ff.[]
  13. ABl. EU L 297 S. 1 ff.[]
  14. BT-Drs.19/13829, S. 2[]
  15. vgl. BT-Drs.19/13829, S.20[]
  16. vgl. BT-Drs.19/13829, S. 49 [„soweit eine Beschwer besteht“][]
  17. vgl. BVerfG, Beschluss vom 27.05.2020 – 2 BvR 2054/​19 34 f.; Hömig/​Wolff, GG, 12. Aufl., Art. 3 Rn. 5[]
  18. so OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.12.1985 – 2 Ws 652/​85, NStZ 1986, 138; OLG Köln, Beschluss vom 24.07.1981 – 2 Ws 378/​81, NStZ 1982, 129; Dölling/​Duttge/​König/​Rössner/​Weiler, Gesam­tes Straf­recht, 4. Aufl., § 143 StPO Rn. 7; LR/​Lüderssen/​Jahn, StPO, 26. Aufl., § 143 Rn. 16; SK-StPO/­Woh­lers, 5. Aufl., § 143 Rn. 26[]
  19. zu den Vor­aus­set­zun­gen eines Ver­sto­ßes s. BVerfG, Beschluss vom 27.05.2020 – 2 BvR 2054/​19 35; Beck­OK GG/​Kischel, 43. Ed., Art. 3 Rn. 84, jeweils mwN[]

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