Die foto­gra­fisch zur Schau gestell­te Hilf­lo­sig­keit

Mit den Vor­aus­set­zun­gen, unter denen die Hilf­lo­sig­keit einer Per­son auf einer Bild­auf­nah­me zur Schau gestellt wird, hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Die foto­gra­fisch zur Schau gestell­te Hilf­lo­sig­keit

Hilf­lo­sig­keit[↑]

Was das Gesetz mit dem Begriff "Hilf­lo­sig­keit" meint, wird in § 201a Abs. 1 Nr. 2 StGB nicht näher erläu­tert. Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wird dar­un­ter ein Zustand ver­stan­den, in dem eine Per­son sich – objek­tiv und im wei­tes­ten Sin­ne – selbst nicht hel­fen kann und auf Hil­fe ange­wie­sen ist, ohne sie zu erhal­ten 1.

Aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift und dem in ihr zum Aus­druck kom­men­den gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len erge­ben sich weder Anhalts­punk­te noch Kri­te­ri­en für eine nähe­re Ein­gren­zung die­ses Tat­be­stands­merk­mals.

Die Bege­hungs­va­ri­an­te des § 201a Abs. 1 Nr. 2 StGB in ihrer jet­zi­gen Fas­sung ist erst im Lau­fe des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens in die Vor­schrift ein­ge­fügt wor­den, wes­halb die Geset­zes­ma­te­ria­li­en im Hin­blick auf die auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge wenig aus­sa­ge­kräf­tig sind. Der ent­spre­chen­den Beschluss­emp­feh­lung des Rechts­aus­schus­ses 2 ist aber unter Berück­sich­ti­gung des mit der Vor­schrift ins­ge­samt beab­sich­tig­ten umfas­sen­den Schut­zes des höchst­per­sön­li­chen Lebens­be­reichs vor Bild­auf­nah­men auch außer­halb von Woh­nun­gen oder sons­ti­gen beson­ders geschütz­ten Räu­men – der ursprüng­li­che Gesetz­ent­wurf erfass­te inso­weit ledig­lich bloß­stel­len­de Auf­nah­men 3 – zu ent­neh­men, dass der Gesetz­ge­ber einen eher wei­ten Begriff der Hilf­lo­sig­keit vor Augen hat­te.

Ein Indiz dafür sind auch die schon im ursprüng­li­chen Gesetz­ent­wurf bei­spiel­haft erwähn­ten Fall­kon­stel­la­tio­nen, etwa die betrun­ke­ne Per­son auf dem Heim­weg oder das ver­letzt am Boden lie­gen­de Opfer einer Gewalt­tat 4.

Auch die sys­te­ma­ti­sche Aus­le­gung unter Rück­griff auf das (enger gefass­te) Tat­be­stands­merk­mal der hilf­lo­sen Lage in § 221 StGB 5 bzw. den (eben­falls enge­ren, weil gewahr­sams­be­zo­ge­nen) Hilf­lo­sig­keits­be­griff in § 243 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 StGB ergibt hier schon wegen des unter­schied­li­chen Schutz­zwecks der jewei­li­gen Vor­schrif­ten kei­ne Anhalts­punk­te für eine nähe­re Ein­gren­zung des Merk­mals der Hilf­lo­sig­keit.

Gleich­wohl kön­nen nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs gegen die­se begriff­li­che Wei­te des Tat­be­stands­merk­mals 6 ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken unter dem Gesichts­punkt des Bestimmt­heits­grund­sat­zes (Art. 103 Abs. 2 GG) nicht erho­ben wer­den 7. Denn in jedem Ein­zel­fall muss eine Ver­let­zung des höchst­per­sön­li­chen Lebens­be­reichs durch den Bild­in­halt hin­zu­tre­ten. § 201a Abs. 4 StGB ent­hält zudem eine die Sozi­al­ad­äquanz betref­fen­de Aus­nah­me­re­ge­lung.

Unbe­scha­det wei­te­rer denk­ba­rer, am Wort­sinn ori­en­tier­ter Sach­ver­halts­kon­stel­la­tio­nen, deren Her­aus­bil­dung der Gesetz­ge­ber damit der fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung über­ant­wor­tet hat 8, ist das Tat­be­stands­merk­mal der Hilf­lo­sig­keit nach dem Wort­sinn und dem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len jeden­falls dann gege­ben, wenn ein Mensch aktu­ell Opfer einer mit Gewalt oder unter Dro­hun­gen gegen Leib oder Leben aus­ge­üb­ten Straf­tat ist und des­halb der Hil­fe bedarf oder sich in einer Ent­füh­rungs- oder Bemäch­ti­gungs­si­tua­ti­on befin­det.

Zur-Schau-Stel­len[↑]

Hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an das Tat­be­stands­merk­mal "Zur-Schau-Stel­len" in § 201a Abs. 1 Nr. 2 StGB teilt der Bun­des­ge­richts­hof die Auf­fas­sung im Schrift­tum, wonach der Wort­laut der Rege­lung hier eine beson­de­re Her­vor­he­bung der Hilf­lo­sig­keit als Bild­in­halt vor­aus­setzt, so dass die­se für einen Betrach­ter allein aus der Bild­auf­nah­me erkenn­bar wird 9.

In Fäl­len der blo­ßen Abbil­dung der Vor­nah­me einer Hand­lung durch eine Per­son (als Tat­op­fer) bedarf dies in der Regel nähe­rer Dar­le­gung, wenn die abge­bil­de­te Hand­lung nicht schon ohne Wei­te­res die Hilf­lo­sig­keit der sie vor­neh­men­den Per­son impli­ziert.

Gibt erst der Gesamt­kon­text der Bild­auf­nah­me – etwa bei ambi­va­len­ten Hand­lun­gen – zu erken­nen, dass die abge­bil­de­te Per­son sie im Zustand der Hilf­lo­sig­keit vor­nimmt, bei­spiels­wei­se in einer Bemäch­ti­gungs­si­tua­ti­on, bedarf es dazu ein­ge­hen­der tatrich­ter­li­cher Fest­stel­lun­gen.

In dem hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Gemes­sen an die­sem Ver­ständ­nis des Tat­be­stands­merk­mals des Zur-Schau-Stel­lens ermög­li­chen die bis­her getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen dem Bun­des­ge­richts­hof nicht die Prü­fung der Fra­ge, ob der Bild­in­halt die Hilf­lo­sig­keit des Tat­op­fers im dar­ge­leg­ten Sin­ne zu erken­nen gibt. Dem ange­foch­te­nen Urteil ist inso­weit ledig­lich zu ent­neh­men, dass der Ange­klag­te das betref­fen­de Gesche­hen, hier die rek­ta­le Ein­füh­rung der Fla­sche, mit der Kame­ra­funk­ti­on des Mobil­te­le­fons des Mit­an­ge­klag­ten Y. auf­zeich­ne­te. Ob die­se Bild­auf­zeich­nung auch die Be- dro­hungs­si­tua­ti­on wider­spie­gelt, erge­ben die Urteils­fest­stel­lun­gen nicht. Der Umstand, dass sich der Geschä­dig­te die Fla­sche rek­tal ein­führ­te, sagt aber für sich genom­men noch nichts über den Kon­text aus, in dem die Hand­lung aus­ge­führt wur­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 25. April 2017 – 4 StR 244/​16

  1. vgl. Duden, Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che, 2002[]
  2. BT-Drs. 18/​3202[]
  3. vgl. dazu BT-Drs. 18/​2601, S. 36[]
  4. BT-Drs. 18/​2601 aaO[]
  5. so Eisele/​Sieber, StV 2015, 312, 313[]
  6. vgl. dazu auch SSW-StG­B/Bosch, 3. Aufl., § 201a Rn. 11; Fischer, StGB, 64. Aufl., § 201a Rn. 10a; Busch, NJW 2015, 977, 978; Seidl/​Wiedmer, juris­PR-ITR 17/​2015, Anm. 2[]
  7. inso­weit aber krit. Bosch aaO, Rn. 14[]
  8. vgl. dazu BVerfGE 126, 170, 208 f.; BVerfG, Beschluss vom 01.11.2012 – 2 BvR 1235/​11, NJW 2013, 365, 367[]
  9. eben­so Bosch aaO, Rn. 12; Fischer aaO, Rn. 10b[]