Die spon­tan gebil­de­te bewaff­ne­te Grup­pe

Grup­pe im Sin­ne des § 127 StGB kann auch eine spon­tan gebil­de­te Grup­pie­rung sein, die auf­grund ihrer inne­ren Struk­tur zu koor­di­nier­tem Han­deln fähig ist.

Die spon­tan gebil­de­te bewaff­ne­te Grup­pe

Für den Begriff "Grup­pe" gibt es kei­ne gesetz­li­che Defi­ni­ti­on. Nach dem Wort­sinn ist eine Grup­pe – im Gegen­satz zu einer blo­ßen Ansamm­lung von Ein­zel­per­so­nen – eine Mehr­heit von Per­so­nen, die durch ein gemein­sa­mes Merk­mal ver­bun­den sind und sich ins­be­son­de­re zu einem gemein­sa­men Zweck zusam­men­ge­schlos­sen haben 1.

Der gemein­sa­me Zweck war im hier vom Ober­lan­des­ge­richt Stut­gart ent­schie­de­nen Fall die gemein­sa­me Macht­de­mons­tra­ti­on gegen­über den Mit­glie­dern der Red Legi­ons.

Aus wel­cher Per­so­nen­zahl die­se Per­so­nen­mehr­heit bestehen muss, um eine Grup­pe im Sin­ne des § 127 StGB zu sein, kann nicht all­ge­mein­gül­tig fest­ge­legt wer­den und ist unter Berück­sich­ti­gung des Norm­zwecks und nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu bestim­men 2. Nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers kann bereits die Zahl von drei Per­so­nen rei­chen 3. Bei einer räum­lich ver­teil­ten Grup­pe ist hin­ge­gen eine höhe­re Per­so­nen­an­zahl not­wen­dig 4.

Der hier fest­ge­stell­te Zusam­men­schluss von sechs Per­so­nen reicht inso­weit jeden­falls aus.

Auch das erfor­der­li­che Min­dest­maß an Orga­ni­sa­ti­on ist gege­ben.

Einer mili­tä­ri­schen Orga­ni­sa­ti­on der Grup­pe mit Befehls- oder Kom­man­do­struk­tu­ren bedarf es nicht 5. Jedoch ist bei Feh­len einer räum­li­chen Zusam­men­fas­sung der zuge­hö­ri­gen Per­so­nen ein gewis­ses Maß an Orga­ni­sa­ti­on erfor­der­lich, wohin­ge­gen bei einer räum­li­chen Ver­samm­lung der Per­so­nen ein loser Zusam­men­schluss ohne beson­de­re Orga­ni­sa­ti­ons­form genügt 6. Der Zusam­men­schluss der Per­so­nen zu einer Grup­pe muss auch nicht auf Dau­er ange­legt sein 7, schon das Zusam­men­fin­den für eine ein­ma­li­ge Akti­on reicht aus 8.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ist mit der über­wie­gen­den Mei­nung der Auf­fas­sung, dass eine Grup­pe im Sin­ne des § 127 StGB auch spon­tan gebil­det wer­den kann 9. Der Auf­fas­sung, rei­ne Ad-hoc-Grup­pie­run­gen wür­den wegen der feh­len­den Mög­lich­keit, sie befeh­li­gen zu kön­nen, nicht § 127 StGB unter­fal­len 10, kann nicht gefolgt wer­den. Zwar ist in § 127 StGB das Befeh­li­gen als eine der mög­li­chen Tat­hand­lun­gen genannt. Jedoch kommt es nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers gera­de nicht auf einen bestimm­ten Grad von Orga­ni­sa­ti­on an 11. Auch der Geset­zes­zweck spricht dafür, spon­tan gebil­de­te Grup­pie­run­gen § 127 StGB unter­fal­len zu las­sen. § 127 StGB schützt als abs­trak­tes Gefähr­dungs­de­likt den inne­ren Rechts­frie­den und das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol vor Gefah­ren, die von bewaff­ne­ten Per­so­nen­mehr­hei­ten aus­ge­hen 12. Für die­se Rechts­gü­ter kann aber nicht nur von orga­ni­sier­ten Grup­pie­run­gen Gefahr aus­ge­hen, son­dern auch von spon­tan gebil­de­ten Grup­pie­run­gen, die über ein Min­dest­maß an Orga­ni­sa­ti­on ver­fü­gen, das zur gemein­sa­men Zweck­ver­fol­gung und Akti­on erfor­der­lich ist. § 127 StGB soll das Han­deln sol­cher Per­so­nen­mehr­hei­ten erfas­sen, die auf­grund inne­rer Struk­tur, Wil­lens­bil­dung oder sons­ti­ger Umstän­de in der Lage sind, gezielt, abge­stimmt und ein­heit­lich oder arbeits­tei­lig han­delnd einen bestimm­ten Zweck zu ver­fol­gen, und die so eine höhe­re Gefähr­lich­keit im Hin­blick auf die geschütz­ten Rechts­gü­ter ent­wi­ckeln kön­nen als eine Mehr­zahl ein­zeln und nicht koor­di­niert han­deln­der Per­so­nen. Eine sol­che zur koor­di­nier­ten Vor­ge­hens­wei­se befä­hi­gen­de inne­re Struk­tur kann sich auch aus fak­ti­schen Auto­ri­täts­ver­hält­nis­sen inner­halb der Grup­pie­rung erge­ben. Dem­ge­mäß ist es nicht von Bedeu­tung, ob die zu einer sol­chen Hand­lungs­wei­se fähi­ge Per­so­nen­mehr­heit mit fes­ten Struk­tu­ren orga­ni­siert oder spon­tan gebil­det ist.

Nach die­sem Maß­stab begeg­net hier die Ein­ord­nung die­ser auf die Pro­vo­ka­ti­on durch die Mit­glie­der der Red Legi­on spon­tan gebil­de­ten Grup­pe als Grup­pe im Sin­ne des § 127 StGB kei­nen Beden­ken. Der Ange­klag­te hat gemein­sam mit den in den Fest­stel­lun­gen genann­ten Per­so­nen unter Füh­rung des Prä­si­den­ten der Black Jackets K. A. unter gemein­sa­mer Bewaff­nung eine sol­che Per­so­nen­mehr­heit gebil­det, die sich den geg­ne­ri­schen Mit­glie­dern der Red Legi­on gemein­sam ent­ge­gen­ge­stellt hat, um die Macht der Black Jackets zu demons­trie­ren.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 7. August 2014 – 2 Ss 444/​14

  1. so der erfolg­rei­che Ände­rungs­vor­schlag des Bun­des­ra­tes zum 6. StrRG, BT-Drs. 13/​8587 S. 57; Leip­zi­ger Kom­men­tar-Krauß, StGB, § 127 Rn. 6; Münch­ner Kom­men­tar-Schä­fer, StGB, 2. Aufl., § 127 Rn. 10; Lenck­ner, Gedächt­nis­schrift Kel­ler, S. 151, 156[]
  2. LK-Krauß, a.a.O., Rn. 10; MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 13; Lenck­ner, GS Kel­ler, S. 151, 156[]
  3. zustim­men­de Stel­lung­nah­me des Bun­des­ta­ges zum Ände­rungs­vor­schlag des Bun­des­ra­tes, BT-Drs. 13/​8587 S. 80[]
  4. Schön­ke/­Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben, StGB, 29. Aufl., § 127 Rn. 2; Beck­OK-von Heint­schel-Hein­egg, Ed. 23, StGB, § 127 Rn. 2[]
  5. MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 10[]
  6. Lenck­ner, GS Kel­ler, S. 151, 157; Schön­ke/­Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben, a.a.O., Rn. 2; Fischer, StGB, 61. Aufl., § 127 Rn. 3; LK-Krauß, a.a.O., Rn. 7[]
  7. LK-Krauß, a.a.O., Rn. 8; Lenck­ner, GS Kel­ler, S. 151, 156; MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 14; Schön­ke/­Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben, a.a.O., Rn. 2[]
  8. MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 14; LK-Krauß, a.a.O., Rn. 8[]
  9. Lenck­ner, GS Kel­ler, S. 151, 156; LK-Krauß, a.a.O., Rn. 8; Schön­ke/­Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben, a.a.O., Rn. 2; MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 14[]
  10. so Fischer, StGB, 61. Aufl., § 127 Rn. 3; NK-Osten­dorf, StGB, 4. Auf­la­ge, § 127 Rn. 8[]
  11. Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zum 6. StrRG, BT-Drs. 13/​8587 S. 28[]
  12. MK-Schä­fer, a.a.O., Rn. 1; LK-Krauß a.a.O., Rn. 1; Schön­ke/­Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben, a.a.O., Rn. 1; NK-Osten­dorf, a.a.O., Rn. 1[]