Erheb­lich ein­ge­schränk­te Schuld­fä­hig­keit – und die Dop­pel­re­le­vanz für Stra­fe und Maß­re­gel

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs soll der Rechts­feh­ler bei der Beur­tei­lung der (erheb­lich ein­ge­schränk­ten) Schuld­fä­hig­keit trotz deren Dop­pel­re­le­vanz für den Straf­aus­spruch und den Maß­re­gel­aus­spruch 1 nicht nur den Schuld­spruch, son­dern auch den Straf­aus­spruch unbe­rührt las­sen, wenn eine voll­stän­di­ge Auf­he­bung der Schuld­fä­hig­keit von vorn­her­ein aus­schei­det 2.

Erheb­lich ein­ge­schränk­te Schuld­fä­hig­keit – und die Dop­pel­re­le­vanz für Stra­fe und Maß­re­gel

Ob dem ange­sichts der Dop­pel­re­le­vanz der die Vor­aus­set­zun­gen des § 21 StGB betref­fen­den Fest­stel­lun­gen und der hier vom Tatrich­ter her­ge­stell­ten Ver­knüp­fung zwi­schen der Straf­hö­he und der Anord­nung der Maß­re­gel selbst bei einer allein vom Ange­klag­ten ein­ge­leg­ten Revi­si­on unein­ge­schränkt zu fol­gen ist, bedarf im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung. Denn auch bei Auf­he­bung des Straf­aus­spruchs wegen der rechts­feh­ler­haf­ten, aber inso­weit aus­schließ­lich zuguns­ten des Ange­klag­ten wir­ken­den Annah­me ein­ge­schränk­ter Schuld­fä­hig­keit stün­de das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot aus § 358 Abs. 2 Satz 1 StPO der Ver­hän­gung einer höhe­ren Gesamt­stra­fe selbst bei Weg­fall der Anord­nung der Maß­re­gel des § 63 StGB ent­ge­gen. § 358 Abs. 2 Satz 2 StPO erfasst ledig­lich die Aus­wech­se­lung einer iso­liert – im Fall der Schuld­un­fä­hig­keit – ver­häng­ten Maß­re­gel gemäß § 63 oder § 64 StGB gegen eine Ver­ur­tei­lung zur Stra­fe, wenn sich im neu­en Ver­fah­ren die schuld­haf­te Bege­hung der Tat ergibt.

Der Straf­aus­spruch ent­hält hier kei­ner­lei zu Las­ten des Ange­klag­ten wir­ken­de Rechts­feh­ler.

Die Annah­me des § 21 StGB und die des­halb erfolg­te Straf­rah­men­ver­schie­bung beschwert den Ange­klag­ten hin­sicht­lich der Straf­zu­mes­sung nicht.

Da das Land­ge­richt bei der Bemes­sung der Stra­fen inner­halb des jeweils ohne­hin gemäß § 21, § 49 Abs. 1 StGB gemil­der­ten Straf­rah­mens die par­al­le­le Anord­nung der Unter­brin­gung des Ange­klag­ten in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus zu des­sen Guns­ten berück­sich­tigt hat, schließt der Bun­des­ge­richts­hof aus, dass der Tatrich­ter ohne die rechts­feh­ler­haf­te Annah­me der Vor­aus­set­zun­gen des § 21 StGB zu nied­ri­ge­ren Stra­fen gelangt wäre. Aller­dings war eine sol­che mil­dern­de Berück­sich­ti­gung der neben Frei­heits­stra­fe(n) ange­ord­ne­ten Unter­brin­gung gemäß § 63 StGB recht­lich nicht gebo­ten 3. Die Anord­nungs­vor­aus­set­zun­gen der vom Maß der Ein­zel­tat­schuld abhän­gi­gen Stra­fe (§ 46 Abs. 1 StGB) und der sta­tio­nä­ren Maß­re­gel unter­schei­den sich kate­go­ri­al. Die Voll­stre­ckung der Stra­fe dient zudem dem Schuld­aus­gleich, der Voll­zug der Maß­re­gel dage­gen allein der Abwehr zukünf­ti­ger Gefähr­lich­keit des Täters. Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen bei­den betref­fen ledig­lich die Ebe­ne der Voll­stre­ckung (etwa § 67 Abs. 1 und Abs. 4 StGB).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. März 2016 – 1 StR 526/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 03.09.2015 – 1 StR 255/​15, Stra­Fo 2015, 473, 475[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 17.07.2007 – 4 StR 242/​07, NStZ-RR 2007, 337, 338; vom 06.07.2010 – 4 StR 283/​10, NStZ-RR 2010, 304, 305; und vom 10.11.2015 – 3 StR 407/​15 Rn. 13; vgl. auch BGH, Beschluss vom 04.04.2006 – 4 StR 60/​06, Stra­Fo 2006, 295, 296[]
  3. anders offen­bar Fischer, StGB, 63. Aufl., § 46 Rn. 71[]