Fort­dau­er zeit­lich unbe­schränk­ter Siche­rungs­ver­wah­rung

Nach dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat sich nun auch der Bun­des­ge­richts­hof auf­grund von Vor­la­gen der Ober­lan­des­ge­rich­te in Stutt­gart 1, Cel­le 2 und Koblenz 3 damit befas­sen müs­sen, ob erst­mals in der Siche­rungs­ver­wah­rung Unter­ge­brach­te auf­grund einer rück­wir­kend in Kraft getre­te­nen Geset­zes­ver­schär­fung über die zuvor gel­ten­de strik­te Höchst­frist der Unter­brin­gungs­dau­er von zehn Jah­ren hin­aus in der Siche­rungs­ver­wah­rung belas­sen wer­den dür­fen oder als Fol­ge des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 4 nach zehn Jah­ren ohne wei­te­re Sach­prü­fung zu ent­las­sen sind.

Fort­dau­er zeit­lich unbe­schränk­ter Siche­rungs­ver­wah­rung

Der 5. (Leip­zi­ger) Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat­te im Novem­ber 2010 eine Pflicht zur unbe­ding­ten Ent­las­sung mit ver­neint 5, dies aller­dings nur unter der Vor­aus­set­zung einer hin­rei­chend kon­kre­ti­sier­ten hoch­gra­di­gen Gefahr schwers­ter Gewalt- oder Sexu­al­ver­bre­chen des Unter­ge­brach­ten (dazu Pres­se­er­klä­rung Nr. 213/​2010). Er hat­te bei den ande­ren Straf­se­na­ten des Bun­des­ge­richts­hofs ange­fragt, ob die­ser Auf­fas­sung zuge­stimmt oder an ent­ge­gen­ste­hen­der Recht­spre­chung des 4. Straf­se­nats fest­ge­hal­ten wer­de. Die Anfra­ge war von den ande­ren Straf­se­na­ten unter­schied­lich beant­wor­tet wor­den.

Zwi­schen­zeit­lich hat jedoch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt grund­le­gend über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Siche­rungs­ver­wah­rung ent­schie­den 6 und die rück­wir­ken­de Anord­nung fort­dau­ern­der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung nur bei Erfül­lung des im Beschluss des 5. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs ent­wi­ckel­ten Gefähr­lich­keits­maß­stabs und unter der wei­te­ren Vor­aus­set­zung einer psy­chi­schen Stö­rung des Ver­ur­teil­ten – bis zu einer ins­ge­samt gebo­te­nen Neu­re­ge­lung der Siche­rungs­ver­wah­rung – für zuläs­sig befun­den.

Auf der Grund­la­ge die­ser mit Geset­zes­kraft wir­ken­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nun auch der 5. (Leip­zi­ger) Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­den. Einer Befas­sung des Gro­ßen Sen­tas für Straf­sa­chen des Bun­des­ge­richts­hofs bedurf­te es nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht mehr.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Mai 2011 – 5 StR 394/​10, 440/​10 und 474/​10

  1. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 19.08.2010 – 1 Ws 57/​10[]
  2. OLG Cel­le, Beschluss vom 09.09.2010 – 2 Ws 270/​10[]
  3. OLG Koblenz, Beschluss vom 30.09.2010 – 1 Ws 108/​10[]
  4. EGMR, Urteil vom 17.12.2009, NJW 2010, 2495[]
  5. BGH, Beschluss vom 09.11.2010[]
  6. BVerfG, Urteil vom 04.05.2011 – 2 BvR 2365/​09, 2 BvR 740/​10, 2 BvR 2333/​08, 2 BvR 571/​10 und 2 BvR 1152/​10 – Siche­rungs­ver­wah­rung II[]