Frü­he­re Aus­sa­gen der Belas­tungs­zeu­gin – und ihre Dar­stel­lung im Urteil

Eine straf­rich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung ist lücken­haft, wenn es an einer geschlos­se­nen Dar­stel­lung der frü­he­ren Aus­sa­gen der Belas­tungs­zeu­gin fehlt, so dass die vom Gericht erfolg­te Kon­stanz­ana­ly­se revi­si­ons­ge­richt­lich nicht über­prüft wer­den kann.

Frü­he­re Aus­sa­gen der Belas­tungs­zeu­gin – und ihre Dar­stel­lung im Urteil

Zwar ist der Tatrich­ter grund­sätz­lich nicht gehal­ten, im Urteil Zeu­gen­aus­sa­gen in allen Ein­zel­hei­ten wie­der­zu­ge­ben. In Fäl­len, in denen – wie hier – die Ver­ur­tei­lung im Wesent­li­chen auf der Aus­sa­ge einer Belas­tungs­zeu­gin beruht und die­se sich ent­ge­gen frü­he­ren Ver­neh­mun­gen teil­wei­se abwei­chend erin­nert, müs­sen aber jeden­falls die ent­schei­den­den Tei­le ihrer bis­he­ri­gen Aus­sa­gen in das Urteil auf­ge­nom­men wer­den, da dem Revi­si­ons­ge­richt ohne Kennt­nis des wesent­li­chen Aus­sa­ge­inhalts ansons­ten die sach­lich­recht­li­che Über­prü­fung der Beweis­wür­di­gung nach den oben auf­ge­zeig­ten Maß­stä­ben ver­wehrt ist 1.

Im vor­lie­gen­den Fall hat das Land­ge­richt zwar die von der Neben­klä­ge­rin in der Haupt­ver­hand­lung erfolg­te Aus­sa­ge aus­führ­lich geschil­dert. Es fehlt jedoch an einer zusam­men­hän­gen­den Dar­stel­lung ihrer davon abwei­chen­den frü­he­ren Anga­ben bei der Poli­zei. In den Urteils­grün­den wird inso­weit ledig­lich mit­ge­teilt, dass der Neben­klä­ge­rin Tei­le ihrer frü­he­ren Aus­sa­ge vor­ge­hal­ten wur­den und dass sich die bei­den Ver­neh­mungs­be­am­tin­nen auch auf Vor­halt nicht an Ein­zel­hei­ten erin­nern konn­ten. Gar nicht dar­ge­stellt wird, was die Geschä­dig­te im Rah­men der vor­an­ge­gan­ge­nen Haupt­ver­hand­lung, auf­grund derer der Ange­klag­te voll­um­fäng­lich ver­ur­teilt wor­den war, aus­ge­sagt hat.

Auf die­ser Grund­la­ge kann der Bun­des­ge­richts­hof schon nicht hin­rei­chend über­prü­fen, ob das Land­ge­richt eine fach­ge­rech­te Ana­ly­se der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin zum Kern­ge­sche­hen vor­ge­nom­men und die dabei auf­ge­zeig­ten abwei­chen­den Erin­ne­run­gen zutref­fend gewich­tet hat 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Okto­ber 2014 – 2 StR 92/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 10.08.2011 – 1 StR 114/​11, NStZ 2012, 110, 111[]
  2. zur Gewich­tung von Aus­sa­ge­kon­stanz und Wider­spruchs­frei­heit vgl. BGH, Urteil vom 23.01.1997 – 4 StR 526/​96, NStZ-RR 1997, 172[]