Gefähr­dungs­de­lik­te – und die Straf­mil­de­rung wegen täti­ger Reue

Die fakul­ta­ti­ve Straf­mil­de­rung wegen täti­ger Reue nach § 320 Abs. 1 i.V.m. § 49 Abs. 2 StGB kommt auch bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Angriffs auf den Luft- und See­ver­kehr im Sin­ne der Vor­schrift des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB in Betracht, bei der Voll­endung bereits mit Aus­füh­rung der Tat­hand­lung ein­tritt.

Gefähr­dungs­de­lik­te – und die Straf­mil­de­rung wegen täti­ger Reue

Nach § 320 Abs. 1 StGB kann das Gericht die Stra­fe in den Fäl­len des § 316c Abs. 1 StGB nach sei­nem Ermes­sen mil­dern (§ 49 Abs. 2 StGB), wenn der Täter frei­wil­lig die wei­te­re Aus­füh­rung der Tat auf­gibt oder sonst den Erfolg abwen­det.

Die Vor­aus­set­zun­gen täti­ger Reue im Sin­ne von § 320 Abs. 1 StGB waren im hier ent­schie­de­nen Fall erfüllt, der Anwen­dungs­be­reich des § 49 Abs. 2 StGB ist also grund­sätz­lich eröff­net, weil der Angrei­fer trotz fort­be­stehen­der Mög­lich­kei­ten zur Her­bei­füh­rung der Hand­lungs­un­fä­hig­keit des Luft­fahr­zeug­füh­rers aus auto­no­men Moti­ven untä­tig geblie­ben ist, nach­dem es die­sem gelun­gen war, das abstür­zen­de Flug­zeug in einer Höhe von etwa 20 Metern abzu­fan­gen.

Der Bun­des­ge­richts­hof bejaht die im Schrift­tum kon­tro­vers behan­del­te Fra­ge, ob die Straf­mil­de­rungs­mög­lich­keit nach § 320 Abs. 1 StGB i.V.m. § 49 Abs. 2 StGB auch in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Ver­ur­tei­lung nach § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB eröff­net ist und daher vom Tatrich­ter hät­te geprüft wer­den müs­sen.

Beim Angriff auf den Luft- und See­ver­kehr in der Tat­va­ri­an­te des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB han­delt es sich – auch nach nahe­zu ein­hel­li­ger Auf­fas­sung in der Lite­ra­tur1 – um ein schlich­tes Tätig­keits­de­likt. Voll­endung tritt danach bereits mit Aus­füh­rung der Tat­hand­lung ein, das Merk­mal "um dadurch die Herr­schaft … zu erlan­gen oder auf des­sen Füh­rung ein­zu­wir­ken" beschreibt ledig­lich ein Hand­lungs­ziel im Sin­ne einer über­schie­ßen­den Innen­ten­denz, aber kei­nen tat­be­stands­mä­ßi­gen Erfolg2. Wel­che Fol­ge­run­gen sich aus die­ser Tat­be­stands­struk­tur für die Anwend­bar­keit des § 320 Abs. 1 StGB auf den Angriff auf den Luft­ver­kehr im Sin­ne von § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB erge­ben, wird im Schrift­tum jedoch nicht ein­hel­lig beant­wor­tet. So wird einer­seits die Ansicht ver­tre­ten, eine Straf­mil­de­rungs­mög­lich­keit wegen täti­ger Reue sei in Fäl­len des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB schon sei­nem Wort­laut nach nicht gege­ben, weil die Vor­schrift als schlich­tes Tätig­keits­de­likt kei­nen Erfolg vor­aus­set­ze, der abge­wen­det wer­den kön­ne3. Es kom­me allen­falls eine ana­lo­ge Anwen­dung der Vor­schrift in Betracht, wenn der Täter die Ver­wirk­li­chung sei­ner Zie­le ver­hin­de­re oder sich dar­um bemü­he4. Die Gegen­auf­fas­sung hält die­se Vor­schrift in sämt­li­chen Fäl­len des § 316c Abs. 1 StGB für anwend­bar und ins­be­son­de­re eine Aus­nah­me für den Fall des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB unter Beru­fung auf den Wort­laut der Bestim­mung für nicht gebo­ten5. Die Geset­zes­fas­sung ("die wei­te­re Aus­füh­rung der Tat auf­gibt") zei­ge, dass auch ein blo­ßes Abbre­chen der tat­be­stands­mä­ßi­gen Hand­lung die Mög­lich­keit der Straf­mil­de­rung eröff­nen sol­le; eine Erfolgs­ab­wen­dung müs­se anders als bei § 316a Abs. 2 StGB aF zur Auf­ga­be der wei­te­ren Tat­aus­füh­rung nicht hin­zu­tre­ten6.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung an.

Dem Wort­laut von § 320 Abs. 1 StGB, der ohne Ein­schrän­kung auf § 316c Abs. 1 StGB ver­weist ("in den Fäl­len des § 316c Abs. 1"), kann eine Ein­schrän­kung auf eine ein­zel­ne Tat­va­ri­an­te, etwa auf § 316c Abs. 1 Nr. 2 2. Var. StGB nicht ent­nom­men wer­den7. Es kommt hin­zu, dass der Anwen­dungs­be­reich des § 320 Abs. 1 StGB nicht nur eröff­net wird, wenn der Täter "sonst den Erfolg abwen­det", son­dern auch dann, wenn er "frei­wil­lig die wei­te­re Aus­füh­rung der Tat auf­gibt". Schon vom Wort­sinn her sind damit die Tat­hand­lun­gen des in § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB gere­gel­ten blo­ßen Tätig­keits­de­likts vom Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift nicht aus­ge­nom­men.

Auch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der §§ 316c, 320 StGB und dem in ihr zum Aus­druck kom­men­den gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len ergibt sich kein Anhalt für eine ein­schrän­ken­de Aus­le­gung dahin, dass in Fäl­len des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB die Anwend­bar­keit der Straf­mil­de­rungs­mög­lich­keit wegen täti­ger Reue aus­ge­schlos­sen sein soll. Das Gegen­teil ist der Fall.

§ 316c StGB geht auf den Gesetz­ent­wurf des Bun­des­ra­tes für ein Elf­tes Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz zurück8 und stell­te eine gesetz­ge­be­ri­sche Reak­ti­on auf die zuneh­men­de Zahl von Flug­zeug­ent­füh­run­gen und ande­ren Angrif­fen auf den Luft­ver­kehr dar. In der ursprüng­li­chen Fas­sung ori­en­tier­te sich die Vor­schrift an der dama­li­gen Fas­sung von § 316a StGB und war daher ins­ge­samt als Unter­neh­mens­de­likt aus­ge­stal­tet9. Als Aus­gleich für die weit vor­ver­la­ger­te Straf­bar­keit sah § 316c Abs. 4 StGB in der dama­li­gen Fas­sung eine (unein­ge­schränk­te) Ver­wei­sung auf die damals gel­ten­de Vor­schrift des All­ge­mei­nen Teils des StGB zur täti­gen Reue (§ 83a StGB aF) vor.

Der Son­der­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges für die Straf­rechts­re­form emp­fahl nach sei­nen Bera­tun­gen über die­sen Ent­wurf, § 316c Abs. 1 Nr. 1 StGB nicht als Unter­neh­mens­de­likt zu fas­sen, um dem Täter die Mög­lich­keit eines straf­be­frei­en­den Rück­tritts im Inter­es­se des Schut­zes über­ge­ord­ne­ter Rechts­gü­ter nicht zu ver­sper­ren10. Die Mög­lich­keit, über täti­ge Reue eine Straf­mil­de­rung zu bewir­ken, soll­te für alle Tat­mo­da­li­tä­ten des § 316c Abs. 1 StGB nach dem aus­drück­li­chen Wil­len des Son­der­aus­schus­ses dadurch aber nicht aus­ge­schlos­sen oder beschnit­ten wer­den. Der Aus­schuss schlug ledig­lich vor, die Ver­wei­sung auf § 83a StGB aF durch eine § 316a Abs. 2 StGB aF nach­ge­bil­de­te eige­ne Bestim­mung über Straf­mil­de­rung bei täti­ger Reue zu erset­zen. Auch die­se Vor­schrift soll­te alle Tat­va­ri­an­ten des § 316c Abs. 1 StGB erfas­sen, ein (voll­stän­di­ges) Abse­hen von Stra­fe soll­te indes nur in den Fäl­len des Absat­zes 1 Nr. 2 und des Absat­zes 3 des § 316c StGB mög­lich sein11.

§ 316c StGB ist dann in der vom Son­der­aus­schuss für die Straf­rechts­re­form vor­ge­schla­ge­nen Fas­sung in Kraft getre­ten12. Die Ände­run­gen durch das 6. StrRG vom 26.01.199813 waren ledig­lich redak­tio­nel­ler Natur und über­führ­ten die Rege­lung zur täti­gen Reue in den heu­te gel­ten­den § 320 StGB.

Auch eine Ori­en­tie­rung an Sinn und Zweck der Norm unter maß­geb­li­cher Berück­sich­ti­gung der soeben dar­ge­leg­ten, im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren deut­lich gewor­de­nen Ziel­rich­tung spricht für eine Anwend­bar­keit des § 320 Abs. 1 StGB auf alle Tat­mo­da­li­tä­ten des § 316c Abs. 1 StGB.

Wie bereits aus­ge­führt, ist der Tat­be­stand des § 316c Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB als schlich­tes Tätig­keits­de­likt bereits dann voll­endet, wenn der Täter mit der Aus­füh­rung einer der im Tat­be­stand näher umschrie­be­nen Hand­lun­gen beginnt, ins­be­son­de­re mit der Anwen­dung von Gewalt. Als Aus­gleich für die dadurch bewirk­te erheb­li­che Vor­ver­la­ge­rung des Voll­endungs­zeit­punk­tes, von dem an auch ein Rück­tritt nach § 24 StGB aus­ge­schlos­sen ist, stellt die Mög­lich­keit täti­ger Reue einen gewich­ti­gen Anreiz für den Täter dar, sich durch blo­ßes Nicht­wei­ter­han­deln eine Straf­mil­de­rung zu ver­die­nen und dient dar­über hin­aus dem Opfer­schutz14.

Die Ent­schei­dung, ob er von der Straf­mil­de­rungs­mög­lich­keit des § 320 Abs. 1 StGB Gebrauch macht, hat der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen unter Berück­sich­ti­gung aller maß­ge­ben­den Umstän­de zu tref­fen und im Urteil revi­si­ons­ge­richt­lich nach­prüf­bar dar­zu­le­gen15. Bei sei­nen Erwä­gun­gen wird er der im vor­lie­gen­den Fall weit fort­ge­schrit­te­nen Tat­aus­füh­rung beson­de­res Gewicht bei­mes­sen dür­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 1. Dezem­ber 2015 – – 4 StR 390/​15

  1. vgl. LK-StG­B/­Kö­nig, 12. Aufl., § 316c Rn. 50; SSW-StG­B/Er­n­e­mann, 2. Aufl., § 316c Rn. 14; Schön­ke-Schrö­de­r/­Stern­berg-Lie­ben/He­cker, StGB, 29. Aufl., § 316c Rn. 34; Fischer, StGB, 63. Aufl., § 316c Rn. 8 [unech­tes Unter­neh­mens­de­likt]; Münch­Komm-StG­B/Wieck-Noodt, 2. Aufl., § 316c Rn. 48; NK-StG­B/Zieschang, 4. Aufl., § 316c Rn. 31 []
  2. LK-StG­B/­Wolff, 12. Aufl., § 320 Rn. 2 []
  3. Stern­berg-Lie­ben/He­cker aaO; eben­so Fischer aaO, Rn.19 []
  4. Stern­berg-Lie­ben/He­cker aaO; ähn­lich König aaO; AnwK-StG­B/Es­ser, § 316c Rn. 32 []
  5. Ern­e­mann aaO, Rn. 17; Ren­zi­kow­ski in Matt/​Renzikowski, StGB, § 320 Rn. 3; Zieschang aaO, Rn. 31; wohl ein­schrän­kend Wieck-Noodt aaO, Rn. 62 []
  6. Wolff aaO []
  7. so aber aus­dr. Fischer und Stern­berg-Lie­ben/He­cker, jeweils aaO []
  8. BT-Drs. VI/​1478 []
  9. vgl. dazu Münch­Komm-StG­B/Wieck-Noodt, 2. Aufl., § 316c Rn. 4 ff.; LK-StG­B/­Kö­nig, 12. Aufl., § 316c, Ent­ste­hungs­ge­schich­te I; zur Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te des § 316a Münch­Komm-StVR/Fran­ke, § 316a, Rn. 2; zum Rück­tritt bei § 316a Abs. 1 StGB aF vgl. BGH, Urteil vom 26.06.1957 – 2 StR 242/​57, BGHSt 10, 320, 322 []
  10. BT-Drs. VI/​2721, S. 3 []
  11. BT-Drs. VI/​2721, S. 4 []
  12. Elf­tes Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 16.12 1971, BGBl. I S.1977 []
  13. BGBl. I S. 164 []
  14. so auch Bericht des Son­der­aus­schus­ses für die Straf­rechts­re­form, BT-Drs. VI/​2721, S. 4; zur Bedeu­tung täti­ger Reue für den Opfer­schutz vgl. SSW-StG­B/­Schlu­cke­bier, 2. Aufl., § 239a Rn.19 []
  15. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 15.07.1987 – 2 StR 317/​87, BGHR StGB § 49 Abs. 2 Ermes­sen 1 mwN []