Gemein­schaft­li­che Tat­be­ge­hung beim schwe­ren sexu­el­len Miß­brauch von Kin­dern

Eine gemein­schaft­li­che Tat­be­ge­hung nach § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB setzt vor­aus, dass bei der Ver­wirk­li­chung der Grund­tat­be­stän­de des § 176 Abs. 1 und 2 StGB min­des­tens zwei Per­so­nen grund­sätz­lich vor Ort mit glei­cher Ziel­rich­tung täter­schaft­lich der­art bewusst zusam­men­wir­ken, dass sie in der Tat­si­tua­ti­on zusam­men auf das Tat­op­fer ein­wir­ken oder sich auf ande­re Wei­se psy­chisch oder phy­sisch aktiv unter­stüt­zen.

Gemein­schaft­li­che Tat­be­ge­hung beim schwe­ren sexu­el­len Miß­brauch von Kin­dern

Der Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand des § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB ist auch dann erfüllt, wenn von zwei am Tat­ort aktiv zusam­men­wir­ken­den Tätern sich der eine nach § 176 Abs. 1 StGB (Vor­nah­me sexu­el­ler Hand­lun­gen am Kind oder durch das Kind), der ande­re nach § 176 Abs. 2 StGB (Bestim­mung des Kin­des zur Vor­nah­me sexu­el­ler Hand­lun­gen) straf­bar macht.

Nach § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB wird der sexu­el­le Miss­brauch von Kin­dern in den Fäl­len des § 176 Abs. 1 und 2 StGB als schwe­rer sexu­el­ler Miss­brauch von Kin­dern mit Frei­heits­stra­fe nicht unter zwei Jah­ren bestraft, wenn die Tat von meh­re­ren gemein­schaft­lich began­gen wird. Die Qua­li­fi­ka­ti­ons­norm des § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB, die vom Gesetz­ge­ber durch das Sechs­te Gesetz zur Reform des Straf­rechts (6. StrRG) vom 26.01.1998 1 in Anleh­nung an die Vor­schrift des § 177 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 StGB in das Straf­ge­setz­buch ein­ge­fügt wor­den ist 2, trägt dem gestei­ger­ten Tat­un­recht Rech­nung, wel­ches dar­aus resul­tiert, dass regel­mä­ßig die psy­chi­schen Wider­stands­kräf­te des Kin­des in höhe­rem Maße beein­träch­tigt sind und die Gefah­ren für des­sen unge­stör­te sexu­el­le Ent­wick­lung zuneh­men, wenn das Opfer dem gemein­sa­men sexu­el­len Ansin­nen meh­re­rer aus­ge­setzt ist 3. Mit Blick auf die­sen Norm­zweck setzt eine gemein­schaft­li­che Tat­be­ge­hung nach § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB vor­aus, dass bei der Ver­wirk­li­chung der Grund­tat­be­stän­de des § 176 Abs. 1 und 2 StGB min­des­tens zwei Per­so­nen grund­sätz­lich vor Ort mit glei­cher Ziel­rich­tung der­art bewusst zusam­men­wir­ken, dass sie in der Tat­si­tua­ti­on zusam­men auf das Tat­op­fer ein­wir­ken oder sich auf ande­re Wei­se psy­chisch oder phy­sisch aktiv unter­stüt­zen 4. Erfor­der­lich ist auf­grund des von § 224 Abs. 1 Nr. 4 StGB abwei­chen­den Wort­lauts der Vor­schrift ein täter­schaft­li­ches Ver­hal­ten 5. Die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Mit­tä­ter­schaft nach § 25 Abs. 2 StGB müs­sen aller­dings nicht vor­lie­gen. Dies folgt dar­aus, dass durch § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB sei­nem aus­drück­li­chen Rege­lungs­ge­halt nach gera­de auch die gemein­schaft­li­che Bege­hung der Taten gemäß § 176 Abs. 1 StGB qua­li­fi­ziert wer­den soll. Bei § 176 Abs. 1 StGB han­delt es sich aber um ein eigen­hän­di­ges Delikt 6, was jede mit­tä­ter­schaft­li­che Zurech­nung gemäß § 25 Abs. 2 StGB aus­schließt 7. Für die Qua­li­fi­zie­rung von Miss­brauch­s­ta­ten nach § 176 Abs. 1 StGB durch eine gemein­sa­me Tat­be­ge­hung reicht es daher aus, dass meh­re­re Per­so­nen im Rah­men eines ein­heit­li­chen Tat­ge­sche­hens jede für sich sexu­el­le Hand­lun­gen am Tat­op­fer vor­neh­men oder jeweils an sich vor­neh­men las­sen.

Nach sei­nem auf Taten nach § 176 Abs. 1 und 2 StGB abstel­len­den Wort­laut ist der Qua­li­fi­ka­ti­ons­tat­be­stand des § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB auch dann erfüllt, wenn von zwei am Tat­ort aktiv zusam­men­wir­ken­den Tätern sich der eine nach § 176 Abs. 1 StGB, der ande­re nach § 176 Abs. 2 StGB straf­bar macht 8. Da § 176 Abs. 2 StGB die Ver­ur­sa­chung sexu­el­ler Hand­lun­gen von oder an einem Drit­ten durch Ein­wir­ken auf das kind­li­che Opfer straf­recht­lich erfasst 9, liegt die für eine gemein­schaft­li­che Tat­be­ge­hung nach § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB erfor­der­li­che glei­che Ziel­rich­tung des täter­schaft­li­chen Han­delns hier dar­in, dass der Täter nach § 176 Abs. 2 StGB durch sei­nen Bestim­mungs­akt gera­de die­je­ni­ge sexu­el­le Hand­lung ermög­licht, die der ande­re im Sin­ne des § 176 Abs. 1 StGB vor­nimmt oder an sich vor­neh­men lässt. Auch die­se Art des Zusam­men­wir­kens gegen­über dem Tat­op­fer weist den im Ver­gleich zu den Grund­tat­be­stän­den gestei­ger­ten Unrechts­ge­halt auf, der für die Qua­li­fi­ka­ti­on des § 176a Abs. 2 Nr. 2 StGB kenn­zeich­nend ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Okto­ber 2013 – 4 StR 258/​13

  1. BGBl. I, S. 164[]
  2. vgl. Geset­zes­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, BT-Drucks. 13/​8587, S. 31 f.[]
  3. vgl. Hörn­le in LKStGB, 12. Aufl., § 176a Rn. 32; Perron/​Eisele in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 176a Rn. 9[]
  4. vgl. Fischer, StGB, 60. Aufl., § 176a Rn. 9; vgl. auch BGH, Urteil vom 22.12.2005 – 4 StR 347/​05, NStZ 2006, 572, 573; Beschluss vom 14.10.1999 – 4 StR 312/​99, NStZ 2000, 194 jeweils zu § 224 Abs. 1 Nr. 4 StGB[]
  5. vgl. Münch­Komm-StG­B/­Ren­zi­kow­ski, 2. Aufl., § 176a Rn. 24; Fischer, aaO; Perron/​Eisele, aaO; aA Hörn­le, aaO, Rn. 34[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 07.09.1995 – 1 StR 236/​95, BGHSt 41, 242, 243 ff.[]
  7. vgl. Hörn­le, aaO, § 176 Rn. 24, 26[]
  8. vgl. Hörn­le, aaO, § 176a Rn. 36; Ren­zi­kow­ski, aaO; Fischer, aaO; Perron/​Eisele, aaO; Eschel­bach in Matt/​Renzikowski, StGB, § 176a Rn.20; Zieg­ler in von Heint­schel­Hein­egg, StGB, § 176a Rn. 13; Gös­sel, Das Neue Sexu­al­straf­recht, 2005, § 6 Rn. 44; Lau­ben­thal, Hand­buch Sexu­al­straf­ta­ten, 2012, Rn. 530; aA Wol­ters in SKStGB, § 176a Rn.19 [Stand: August 2012] und in Satzger/​Schmitt/​Widmaier, StGB, § 176a Rn. 15[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 07.09.1995 – 1 StR 236/​95, aaO, 246[]