Maß­re­gel­voll­zug: Medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung in Baden-Würt­tem­berg ver­fas­sungs­wi­dirg

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat auch die gesetz­li­che Rege­lung in Baden-Würt­tem­berg über die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung eines im Maß­re­gel­voll­zug Unter­ge­brach­ten für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt.

Maß­re­gel­voll­zug: Medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung in Baden-Würt­tem­berg ver­fas­sungs­wi­dirg

§ 8 Absatz 2 Satz 2 des baden-würt­tem­ber­gi­schen Geset­zes über die Unter­brin­gung psy­chisch Kran­ker (Unter­brin­gungs­ge­setz – UBG) vom 2. Dezem­ber 1991 1 ist mit Arti­kel 2 Absatz 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 19 Absatz 4 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar und nich­tig.

Die Beschlüs­se des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he 2 und des Land­ge­richts Hei­del­berg 3 ver­let­zen den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Arti­kel 2 Absatz 2 Satz 1 des Grund­ge­set­zes. Sie wer­den auf­ge­ho­ben. Die Sache wird an das Land­ge­richt Hei­del­berg zurück­ver­wie­sen.

Der Beschwer­de­füh­rer ist seit dem Jahr 2005 im Maß­re­gel­voll­zug unter­ge­bracht. Im Juni 2009 kün­dig­te die Maß­re­gel­voll­zugs­kli­nik dem Beschwer­de­füh­rer an, dass er mit einem Neu­ro­lep­ti­kum behan­delt wer­den und die­se Behand­lung erfor­der­li­chen­falls auch gegen sei­nen Wil­len – durch Injek­ti­on unter Fes­se­lung – durch­ge­führt wer­den sol­le. Die hier­ge­gen gerich­te­ten Rechts­mit­tel hat­ten kei­nen Erfolg. Mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de macht der Beschwer­de­füh­rer unter ande­rem gel­tend, man dür­fe ihm nicht zwangs­wei­se Medi­ka­men­te ver­ab­rei­chen, wenn – unstrit­tig – kei­ne Psy­cho­se, son­dern nur eine Per­sön­lich­keits­stö­rung vor­lie­ge. Eine schar­fe psych­ia­tri­sche Indi­ka­ti­on sei nicht gestellt. Er lei­de schwer unter den Neben­wir­kun­gen der Medi­ka­ti­on.

Der im kon­kre­ten Fall als Rechts­grund­la­ge her­an­ge­zo­ge­ne § 8 Abs. 2 Satz 2 des baden-würt­tem-ber­gi­schen Geset­zes über die Unter­brin­gung psy­chisch Kran­ker (Unter­brin­gungs­ge­setz – UBG BW) bestimmt, dass der Unter­ge­brach­te die­je­ni­gen Unter­su­chungs- und Behand­lungs­maß­nah­men zu dul­den hat, die nach den Regeln der ärzt­li­chen Kunst erfor­der­lich sind, um die Krank­heit zu unter­su­chen und zu behan­deln, soweit die Unter­su­chung oder Behand­lung nicht unter Absatz 3 fällt. § 8 Abs. 3 UBG BW sieht (nur) für ope­ra­ti­ve Ein­grif­fe und Ein­grif­fe, die mit einer erheb­li­chen Gefahr für Leben oder Gesund­heit ver­bun­den sind, ein Ein­wil­li­gungs­er­for­der­nis vor.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass § 8 Abs. 2 Satz 2 UBG BW mit dem Grund­recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Grund­recht auf effek­ti­ven Rechts­schutz aus Art. 19 Abs. 4 GG unver­ein­bar und nich­tig ist. Die mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Land­ge­richts und des Ober­lan­des­ge­richts wur­den auf­ge­ho­ben. Sie ver­let­zen den Beschwer­de­füh­rer bereits des­halb in sei­nem Grund­recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, weil es für die Zwangs­be­hand­lung, die sie als recht­mä­ßig bestä­ti­gen, an einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen gesetz­li­chen Grund­la­ge fehlt.

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zugrun­de:

Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Zuläs­sig­keit einer auf die Errei­chung des Voll­zugs­ziels gerich­te­ten medi­zi­ni­schen Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Beschluss vom 23. März 2011 geklärt 4.

Die Ein­griffs­er­mäch­ti­gung des § 8 Abs. 2 Satz 2 UBG BW genügt, auch in Ver­bin­dung mit wei­te­ren Bestim­mun­gen des baden-würt­tem­ber­gi­schen Unter­brin­gungs­ge­set­zes, den in die­sem Beschluss kon­kre­ti­sier­ten Maß­stä­ben nicht. Ins­be­son­de­re ist die medi­zi­ni­sche Zwangs­be­hand­lung des Unter­ge­brach­ten zur Errei­chung des Voll­zugs­ziels nach die­ser Vor­schrift nicht, wie ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten, auf die Fäl­le sei­ner krank­heits­be­dingt feh­len­den Ein­sichts­fä­hig­keit begrenzt. Einer Rei­he wei­te­rer aus dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­satz abzu­lei­ten­der Anfor­de­run­gen, denen ein zur medi­zi­ni­schen Zwangs­be­hand­lung eines Unter­ge­brach­ten ermäch­ti­gen­des Gesetz genü­gen muss, ent­spricht § 8 Abs.2 Satz 2 UBG BW eben­falls nicht.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 12. Okto­ber 2011 – 2 BvR 633/​11

  1. Gesetz­blatt für Baden-Würt­tem­berg Sei­te 794[]
  2. OLG Karls­ru­he, vom 08.02.20112 – Ws 161/​10[]
  3. LG Hei­del­berg, vom 03.05.2010 – 7 StVK 139/​09[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 23. März 2011 – 2 BvR 882/​09 -, EuGRZ 2011, S.321 ff.[]