Ord­nungs­geld – und der Irr­tum des Betrof­fe­nen über den Umfang sei­ner Zeugenpflicht

Die Fest­set­zung eines Ord­nungs­gel­des setzt Schuld vor­aus1.

Ord­nungs­geld – und der Irr­tum des Betrof­fe­nen über den Umfang sei­ner Zeugenpflicht

Eine sol­che fehlt, wenn sich der Betrof­fe­ne in einem unver­meid­ba­ren Irr­tum über die Rechts­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens befand. Daher hin­dert ein der­ar­ti­ger Irr­tum die Ahn­dung einer grund­lo­sen Zeu­gen­ver­wei­ge­rung2.

Ähn­li­ches kann gel­ten, wenn ein Zeu­ge bei einer kom­ple­xen Rechts­fra­ge den Umfang sei­ner Zeu­gen­pflicht nicht erkannt hat3 oder er nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung durch einen anwalt­li­chen Bei­stand auf des­sen Rat und mit ver­tret­ba­rer Begrün­dung das Zeug­nis ver­wei­gert4.

Dem­ge­mäß war im hier ent­schie­de­nen Fall ein Ver­schul­den des das Zeug­nis ver­wei­gern­den Wirt­schafts­prü­fers nicht fest­zu­stel­len. Der Wirt­schafts­prü­fer hat die Aus­sa­ge auf anwalt­li­chen Rat hin ver­wei­gert. Dies hat er näher aus­ge­führt und sich dabei, wie vom Antrags­geg­ner gese­hen, auf in Recht­spre­chung sowie Schrift­tum ver­tre­te­ne Mei­nun­gen beru­fen. Da eine höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung zu der maß­geb­li­chen Rechts­fra­ge bis­lang fehlt und dazu ins­be­son­de­re diver­gie­ren­de Ent­schei­dun­gen von Ober­lan­des­ge­rich­ten vor­lie­gen5, ist dem Wirt­schafts­prü­fer sein Ver­hal­ten nicht vor­werf­bar. Hier­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass er nicht allein den Ver­stoß gegen Berufs­pflich­ten, son­dern über­dies eine etwai­ge Straf­bar­keit nach § 203 StGB, § 333 HGB befürch­te­te. Unter den gege­be­nen Umstän­den ändert die Mit­tei­lung des Aus­schuss­vor­sit­zen­den, der Antrags­geg­ner ste­he „auf dem Stand­punkt, dass die Erklä­rung des Insol­venz­ver­wal­ters aus­reicht“, hier­an nichts6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Janu­ar 2021 – StB 44/​20

  1. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 28.11.1973 – 2 BvL 42/​71, BVerfGE 36, 193, 200; vom 29.03.2007 – 2 BvR 224/​07 14; BGH, Beschlüs­se vom 28.12.1978 – StB 235/​78, BGHSt 28, 240, 259; vom 13.10.1995 – StB 71/​95, BGHR StPO § 70 Ver­schul­den 1[]
  2. s. BVerfG, Beschlüs­se vom 28.11.1973 – 2 BvL 42/​71 aaO; vom 20.12.2018 – 2 BvR 2377/​16, NJW 2019, 584 Rn. 56[]
  3. vgl. Beschluss vom 28.12.1978 – StB 235/​78, BGHSt 28, 240, 259[]
  4. BVerfG, Beschluss vom 29.03.2007 – 2 BvR 224/​07 14[]
  5. zu unge­klär­ten Rechts­fra­gen etwa BGH, Urtei­le vom 21.12.2016 – 1 StR 253/​16, NJW 2017, 1487 Rn. 61; vom 10.10.1989 – KZR 22/​88, BGHR GWB § 35 Abs. 1 Ver­bots­irr­tum 1[]
  6. vgl. auch OLG Köln, Beschluss vom 14.04.1998 – 2 Ws 62/​98 u.a., Stra­Fo 1999, 90, 91; dage­gen bei vor­an­ge­gan­ge­ner ober­ge­richt­li­cher Klä­rung OLG Hamm, Beschluss vom 27.02.2018 – III‑4 Ws 9/​18, ZIn­sO 2018, 1152, 1157[]