Kör­per­li­che Unter­su­chung eines Straf­ge­fan­ge­nen

Grund­rech­te dür­fen nur durch Gesetz oder auf­grund Geset­zes und nur unter Beach­tung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ein­ge­schränkt wer­den; dies gilt auch für Gefan­ge­ne [1]. Durch­su­chun­gen, die mit einer Ent­klei­dung ver­bun­den sind, stel­len einen schwer­wie­gen­den Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht dar [2], da das Scham­ge­fühl durch die in nack­tem Zustand zu dul­den­de Durch­su­chung in beson­de­rem Maße tan­giert wird [3]. Aus die­sem Grund hat der Gesetz­ge­ber die­se Art von Ein­grif­fen in § 84 Abs. 2 und 3 StVoll­zG stren­ge­ren Vor­aus­set­zun­gen unter­wor­fen als sons­ti­ge Durch­su­chun­gen (vgl. § 84 Abs. 1 StVoll­zG; sie­he auch BT-Drs. 7/​918, S. 137 f.).

Kör­per­li­che Unter­su­chung eines Straf­ge­fan­ge­nen

Geset­zes­wort­laut, Sys­te­ma­tik und Sinn und Zweck der dif­fe­ren­zier­ten Rege­lung spre­chen dafür, dass maß­ge­ben­des Kri­te­ri­um für das Vor­lie­gen einer Durch­su­chung nach § 84 Abs. 2 StVoll­zG die Ent­klei­dung unter visu­el­ler Bewa­chung durch das Voll­zugs­per­so­nal ist. Dafür spricht ins­be­son­de­re § 84 Abs. 2 Satz 2 StVoll­zG, der die Durch­füh­rung der mit einer Ent­klei­dung ver­bun­de­nen Durch­su­chung aus­schließ­lich in Gegen­wart von Bediens­te­ten des glei­chen Geschlechts gestat­tet [4]. Aller­dings ist zu berück­sich­ti­gen, dass – wenn­gleich jeg­li­che Ent­klei­dung in Anwe­sen­heit von Jus­tiz­be­diens­te­ten das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht der Gefan­ge­nen berührt – die Norm des § 84 Abs. 2 StVoll­zG dem Wort­laut nach aus­schließ­lich die kör­per­li­che Durch­su­chung, die mit einer Ent­klei­dung ver­bun­den ist, umfasst, wäh­rend die Rege­lung in § 84 Abs. 1 StVoll­zG für die (ein­fa­che) Durch­su­chung der Gefan­ge­nen, ihrer Sachen und der Haft­räu­me ein­schlä­gig ist. Sowohl bei der Aus­le­gung des Tat­be­stands­merk­mals der kör­per­li­chen Durch­su­chung als auch bei der Bestim­mung des Ent­klei­dungs­gra­des, der zu einer Anwend­bar­keit des § 84 Abs. 2 StVoll­zG führt, ist dem vom Gesetz­ge­ber bezweck­ten Schutz der Intim­sphä­re der Gefan­ge­nen in beson­de­rer Wei­se Rech­nung zu tra­gen. Dabei kann vor­lie­gend offen blei­ben, ob bereits die Ent­klei­dung bei blo­ßer Anwe­sen­heit eines Jus­tiz­be­diens­te­ten und die nach­fol­gen­de Durch­su­chung der Sachen eines Gefan­ge­nen ohne expli­zi­te Inspek­ti­on sei­nes nack­ten Kör­pers unter § 84 Abs. 2 StVoll­zG fal­len [5] oder es in einem sol­chen Fall gera­de an dem Merk­mal der „kör­per­li­chen Durch­su­chung“ fehlt. Jeden­falls die expli­zi­te visu­el­le Kon­trol­le des Kör­pers des Gefan­ge­nen muss jedoch für die Beja­hung einer „kör­per­li­chen Durch­su­chung“ im Sin­ne des § 84 Abs. 2 StVoll­zG aus­rei­chen. Zudem ist § 84 Abs. 2 StVoll­zG hin­sicht­lich des Ent­klei­dungs­gra­des min­des­tens dann ein­schlä­gig, wenn die Geni­ta­li­en des Gefan­ge­nen – unab­hän­gig von der zeit­li­chen Dau­er – ent­blößt wer­den müs­sen, da die visu­el­le Kon­trol­le die­ser Kör­per­tei­le durch Ande­re eine der schwer­wie­gends­ten, mit einer Ent­klei­dung ver­bun­de­nen Beein­träch­ti­gun­gen des mensch­li­chen Scham­ge­fühls dar­stellt.

Mit der Annah­me, eine kör­per­li­che Durch­su­chung im Sin­ne des § 84 Abs. 2 StVoll­zG lie­ge nur dann vor, wenn der Bediens­te­te der Anstalt nach der Ent­klei­dung den Gefan­ge­nen zunächst auf­for­de­re, die Arme zu heben, sich zu bücken, den Mund zu öff­nen, sich zu dre­hen, sich in die Ohren und Nase bli­cken zu las­sen, den Kopf zu sen­ken und die Haa­re zu schüt­teln, hat das Land­ge­richt die­sen ein­deu­ti­gen Sinn der vom Gesetz­ge­ber getrof­fe­nen dif­fe­ren­zier­ten, am Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit aus­ge­rich­te­ten Rege­lung ver­kannt. Auch die Annah­me, es han­de­le sich jeden­falls – selbst wenn der Beschwer­de­füh­rer sei­ne Unter­ho­se her­un­ter­zie­hen müs­se und sei­ne unbe­deck­ten Geni­ta­li­en und sei­ne unbe­deck­te Rücken­an­sicht kon­trol­liert wür­den – nicht um eine mit Ent­klei­dung ver­bun­de­ne Durch­su­chung im Sin­ne von § 84 Abs. 2 StVoll­zG, lässt sich mit den dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen nicht ver­ein­ba­ren und die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Beach­tung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts des Beschwer­de­füh­rers ver­mis­sen. Die vom Land­ge­richt eben­falls zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung her­an­ge­zo­ge­nen Umstän­de, dass weder Unbe­fug­te im Unter­su­chungs­raum anwe­send gewe­sen sei­en noch Anhalts­punk­te dafür bestan­den hät­ten, dass der Beschwer­de­füh­rer will­kür­lich oder dis­kri­mi­nie­rend behan­delt wor­den sei, sind zwar not­wen­di­ge, jedoch in kei­ner Wei­se hin­rei­chen­de Vor­aus­set­zun­gen für die Recht­mä­ßig­keit der erfolg­ten Durch­su­chung.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. März 2015 – 2 BvR 746/​13

  1. vgl. BVerfGE 33, 1, 11; 89, 315, 322 f.[]
  2. vgl. BVerfGK 2, 102, 105[]
  3. vgl. OLG Koblenz, Beschluss vom 07.03.2005 – 2 Ws 37/​05, nicht ver­öf­fent­licht, S. 6 des Umdrucks[]
  4. vgl. BVerfGK 8, 363, 367[]
  5. so Feest/​Köhne, in: Feest/​Lesting, StVoll­zG, 6. Aufl.2012, § 84 Rn. 5; a.A. Arloth, StVoll­zG, 3. Aufl.2011, § 84 Rn. 4[]