Tot­schlag – und die Tötungs­ab­sicht in der Straf­zu­mes­sung

Wei­sen die Moti­ve des Täters Beson­der­hei­ten auf, die sich am Ran­de der objek­ti­ven Erfül­lung eines Mord­merk­mals bewe­gen, kön­nen die­se als Aus­druck einer erhöh­ten Tat­schuld berück­sich­tigt wer­den 1. Auch die straf­schär­fen­de Berück­sich­ti­gung von Tötungs­ab­sicht (dolus direc­tus 1. Gra­des) ist rechts­feh­ler­frei.

Tot­schlag – und die Tötungs­ab­sicht in der Straf­zu­mes­sung

Nach der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs lag aller­dings ein Ver­stoß gegen das in § 46 Abs. 3 StGB ver­an­ker­te Ver­bot der Dop­pel­ver­wer­tung von Tat­be­stands­merk­ma­len vor, wenn der Tatrich­ter das sub­jek­ti­ve Merk­mal direk­ten Tötungs­vor­sat­zes straf­schär­fend berück­sich­tigt hat­te. Der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hof hat mit Beschluss vom 01.06.2016 2 ein Anfra­ge­ver­fah­ren nach § 132 Abs. 3 GVG ein­ge­lei­tet, weil er dem­ge­gen­über der Ansicht ist, dass bei einem vor­sätz­li­chen Tötungs­de­likt die Fest­stel­lung von Tötungs­ab­sicht zulas­ten des Ange­klag­ten straf­schär­fend berück­sich­tigt wer­den kön­ne. Dem haben die ande­ren Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs unter Auf­ga­be ent­ge­gen­ste­hen­der Recht­spre­chung zuge­stimmt 3.

Dem­entspre­chend hat der 2. Straf­se­nat des Bunds­ge­richts­hofs bereits mit Urteil vom 10.01.2018 4 unter unein­ge­schränk­ter Zustim­mung des 3. und 5. Straf­se­nats die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass Tötungs­ab­sicht prin­zi­pi­ell ein zuläs­si­ger Straf­schär­fungs­grund ist. Beweg­grün­de und Zie­le des Täters sind dane­ben in die Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de ein­zu­be­zie­hen. Der 1. und 4. Straf­se­nat haben eben­falls erklärt, eine straf­schär­fen­de Berück­sich­ti­gung von direk­tem Tötungs­vor­satz sei ohne Ver­stoß gegen § 46 Abs. 3 StGB mög­lich. Für die Fra­ge, ob dem direk­ten Vor­satz aber die Bedeu­tung eines Straf­schär­fungs­grun­des zukom­me, sei­en aller­dings die Umstän­de des Ein­zel­falls maß­geb­lich. Der 1. Straf­se­nat for­dert, das Tat­ge­richt habe sich in den Urteils­grün­den mit den Vor­stel­lun­gen und Zie­len des Täters aus­ein­an­der­zu­set­zen und ein­zel­fall­be­zo­gen zu prü­fen, ob wegen direk­ten Tötungs­vor­sat­zes des Täters eine höhe­re Tat­schuld anzu­neh­men sei. Der 4. Straf­se­nat hat ange­merkt, zwar sei­en die Beweg­grün­de und Zie­le des Täters gemäß § 46 Abs. 2 StGB Leit­punk­te für die Bestim­mung des sub­jek­ti­ven Hand­lungs­un­rechts. Die ver­schie­de­nen Vor­satz­for­men trä­fen dazu aber kei­ne unmit­tel­ba­re Aus­sa­ge und bedürf­ten des­halb einer ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Wür­di­gung im Hin­blick auf die kon­kre­ten Vor­stel­lun­gen und Zie­le des Täters. Tötungs­ab­sicht wer­de für sich genom­men aller­dings dann als selbst­stän­di­ger Straf­er­schwer­nis­grund her­an­ge­zo­gen wer­den kön­nen, wenn es dem Täter auf die Her­bei­füh­rung des Todes um sei­ner selbst wil­len ankom­me und kei­ne wei­te­ren rele­van­ten Hand­lungs­zie­le fest­ge­stellt wer­den könn­ten. In die­sem Fall nähe­re sich das sub­jek­ti­ve Hand­lungs­un­recht dem Mord­merk­mal der Mord­lust an.

Dem­nach besteht im Grund­satz Einig­keit unter den Straf­se­na­ten des Bun­des­ge­richts­hofs dar­über, dass Tötungs­ab­sicht ohne Ver­stoß gegen § 46 Abs. 3 StGB als Straf­schär­fungs­grund bewer­tet wer­den kann. Nur hin­sicht­lich der Fra­ge, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Tatrich­ter die Tötungs­ab­sicht zur Straf­schär­fung her­an­zie­hen kann, bestehen im Akzent unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen. Dar­auf kam es im vor­lie­gend zu ent­schei­den­den Fall jedoch nicht an, weil auch auf der Grund­la­ge der Stand­punk­te des 1. und 4. Straf­se­nats ein Rechts­feh­ler nicht vor­liegt. Das Land­ge­richt hat sich in den Urteils­grün­den auch mit den Vor­stel­lun­gen, Beweg­grün­den und Zie­len der Täte­rin aus­ein­an­der­ge­setzt. Ange­sichts des einer Ver­de­ckungs­ab­sicht nahe kom­men­den Hand­lungs­mo­tivs der Ange­klag­ten B. ist die straf­schär­fen­de Berück­sich­ti­gung ihrer Tötungs­ab­sicht recht­lich unbe­denk­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Janu­ar 2018 – 2 StR 334/​15

  1. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2003 – 4 StR 105/​03, NStZ-RR 2003, 294 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 01.06.2016 – 2 StR 150/​15[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.07.2017 – 1 ARs 20/​16; Beschluss vom 07.03.2017 – 3 ARs 21/​16, NStZ-RR 2017, 237; Beschluss vom 07.06.2017 – 4 ARs 22/​16, NStZ-RR 2017, 238; Beschluss vom 23.02.2017 – 5 ARs 57/​16, JR 2017, 391[]
  4. BGH, Urteil vom 10.01.2018 – 2 StR 150/​15[]