Ver­bre­chens­ver­ab­re­dung im Inter­net­chat

Blo­ße (straf­freie) Ver­bre­chens­fan­ta­sie oder Ver­ab­re­dung zum Ver­bre­chen im Inter­net-Chat? Die Gren­ze dürf­te hier oft­mals nicht ein­fach zu zie­hen sein. Der Bun­des­ge­richts­hof hat jetzt Anhalts­punk­te auf­ge­zeigt:

Ver­bre­chens­ver­ab­re­dung im Inter­net­chat

Eine Straf­bar­keit setzt die vom ernst­li­chen Wil­len getra­ge­ne Eini­gung von min­des­tens zwei Per­so­nen vor­aus, an der Ver­wirk­li­chung eines bestimm­ten Ver­bre­chens mit­tä­ter­schaft­lich mit­zu­wir­ken 1. Der Geset­zes­wort­laut lässt offen, in wel­chem Umfang ein Ver­ab­re­den­der die Iden­ti­tät sei­nes prä­sum­ti­ven Mit­tä­ters ken­nen muss. Dies schließt die Annah­me einer Ver­ab­re­dung zwi­schen Per­so­nen, die sich ledig­lich über einen Tarn­na­men in einem Inter­net­chat­fo­rum ken­nen, nicht aus. Aller­dings hat sich die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, soweit ersicht­lich, aus­schließ­lich mit Fäl­len von den prä­sum­ti­ven Mit­tä­tern bekann­ten Iden­ti­tä­ten der jeweils ande­ren befasst 2.

Die Straf­wür­dig­keit der Ver­bre­chens­ver­ab­re­dung erklärt sich aus der Wil­lens­bin­dung der Betei­lig­ten 3, durch die bereits vor Ein­tritt in das Ver­suchs­sta­di­um eine Gefahr für das durch die vor­ge­stell­te Tat bedroh­te Rechts­gut ent­steht 4. Der von einer sol­chen qua­si-ver­trag­li­chen Ver­pflich­tung aus­ge­hen­de Moti­va­ti­ons­druck sorgt oft dafür, dass es von einer bin­den­den Ver­ab­re­dung für einen Betei­lig­ten kaum noch ein Zurück gibt, so dass bei Angrif­fen auf die wert­volls­ten und schutz­be­dürf­tigs­ten Rechts­gü­ter schon der Abschluss der Delikts­ver­ein­ba­rung durch eine Straf­dro­hung ver­hin­dert wer­den muss 5. Eine sol­che auf die Bege­hung des inten­dier­ten Ver­bre­chens bezo­ge­ne bin­den­de Ver­ab­re­dung erfor­dert, dass jeder an ihr Betei­lig­te in der Lage sein muss, bei dem jeweils ande­ren prä­sum­ti­ven Mit­tä­ter die von jenem zuge­sag­ten ver­bre­che­ri­schen Hand­lun­gen 6 auch ein­for­dern zu kön­nen. Dies kann auch zwi­schen Per­so­nen gesche­hen, die ledig­lich unter Ver­wen­dung eines Tarn­na­mens kom­mu­ni­zie­ren. Sol­ches wird sogar in etli­chen Fall­kon­stel­la­tio­nen, in denen es gilt, hier­durch eine Ent­de­ckung zu ver­mei­den, für die sich Ver­ab­re­den­den sinn­voll sein und nötigt nicht dazu, dass – etwa bei unbe­kannt blei­ben wol­len­den Ange­hö­ri­gen ver­bre­che­ri­scher Orga­ni­sa­tio­nen – Zwei­fel an der Ernst­haf­tig­keit der Ver­ab­re­dung über­wun­den wer­den müss­ten. Glei­ches wird nahe­lie­gend anzu­neh­men sein, wenn anonym getrof­fe­ne Abspra­chen durch wei­te­re Vor­be­rei­tungs­hand­lun­gen oder deren Ver­ab­re­dung bestä­tigt wor­den sind. In Fäl­len, in denen die ver­ab­re­de­te Tat – wie vor­lie­gend – die gleich­zei­ti­ge Prä­senz der Mit­tä­ter bei Tat­be­ge­hung vor­aus­setzt, ist eine ver­blei­ben­de völ­li­ge Anony­mi­tät frei­lich aus­ge­schlos­sen. Deren spä­te­re Auf­lö­sung muss Teil des kon­kre­ten Tat­plans sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. März 2011 – 5 StR 581/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 04.02.2009 – 2 StR 165/​08, BGHSt 53, 174, 176 mN; und vom 13.11.2008 – 3 StR 403/​08, NStZ 2009, 497[]
  2. vgl. Roxin, JA 1979, 169; 171 f.; Schü­ne­mann in LK, 12. Aufl. § 30 Rn. 60 und 62; BGH, Urtei­le vom 28.06.2007 – 3 StR 140/​07, BGHR StGB § 30 Abs. 2 Ver­ab­re­dung 7; vom 13.11.2008 – 3 StR 403/​08, NStZ 2009, 497; und vom 04.02.2009 – 2 StR 165/​08, BGHSt 53, 174[]
  3. Roxin, Straf­recht AT II [2003], S. 303 Rn. 43[]
  4. vgl. Fischer, StGB, 58. Aufl., § 30 Rn. 2[]
  5. Schü­ne­mann in LK, 12. Aufl., § 30 Rn. 11[]
  6. vgl. Schrö­der, JuS 1967, 289, 291[]