Ver­sa­gen von Locke­run­gen im Maß­re­gel­voll­zug

Im Maß­re­gel­voll­zug kommt ein voll­stän­di­ges Ver­sa­gen von Locke­run­gen nur in Betracht, wenn auf­grund einer kon­kre­ten Gefähr­dungs­pro­gno­se selbst bei beglei­te­ten Aus­füh­run­gen auf dem Kli­nik­ge­län­de ein Miss­brauch zu besor­gen ist.

Ver­sa­gen von Locke­run­gen im Maß­re­gel­voll­zug

Für das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le unter­liegt es kei­nem Zwei­fel, dass § 15 Abs. 1 Nds. MVoll­zG trotz ihres auf Locke­run­gen abzie­len­den Wort­lauts als Ein­griffs­norm aus­zu­le­gen ist und hier­nach ent­spre­chen­de Ein­grif­fe in Form des Ver­sa­gens von Locke­run­gen letzt­lich am Maß­stab von Art. 2 Abs. 1 GG aus­zu­rich­ten sind 1.

Zwar steht der Voll­zugs­ein­rich­tung im Hin­blick auf das Gewäh­ren von Locke­run­gen ein Beur­tei­lungs- und Ermes­sens­spiel­raum zu, den die Gerich­te auf­grund der ihnen inso­weit nur zuste­hen­den ein­ge­schränk­ten Prü­fungs­kom­pe­tenz allein auf ent­spre­chen­de Ermes­sens- und Beur­tei­lungs­feh­ler über­prü­fen kön­nen 2. Dies setzt aber gleich­sam vor­aus, dass die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung der Antrags­geg­ne­rin auf der Grund­la­ge einer voll­stän­dig ermit­tel­ten Tat­sa­chen­grund­la­ge getrof­fen wur­de, die ins­be­son­de­re auch – und zwar in nach­prüf­ba­rer Wei­se – zu erken­nen gibt, dass und war­um auf­grund der abge­lehn­ten Maß­nah­me zu befürch­ten ist, dass der Unter­ge­brach­te die von ihm begehr­ten Locke­run­gen miss­brau­chen, ins­be­son­de­re sich oder die All­ge­mein­heit gefähr­den wird. Erfor­der­lich ist inso­weit eine über all­ge­mein gehal­te­ne Anga­ben hin­aus­ge­hen­de, kon­kre­te Gefähr­dungs­pro­gno­se 3.

Auf­grund der unmit­tel­bar wert­set­zen­den Bedeu­tung des aus Art. 2 Abs. 1 GG her­zu­lei­ten­den Frei­heits­grund­rechts folgt hier­aus aber auch, dass ein unein­ge­schränk­tes, also umfas­sen­des Ver­sa­gen von Locke­run­gen, und zwar selbst von beglei­te­ten Aus­füh­run­gen, gera­de bei lang­jäh­ri­gem Voll­zug von Maß­re­geln regel­mä­ßig nur in Betracht kommt, wenn trotz der hier­mit ein­her­ge­hen­den Siche­rungs­vor­keh­run­gen ein Miss­brauch kon­kret zu befürch­ten steht, und dass ein all­ge­mein gehal­te­ner Hin­weis auf eine feh­len­de The­ra­pie­be­reit­schaft und eine hier­aus all­ge­mein her­zu­lei­ten­de Gefähr­lich­keit das Ableh­nen der ent­spre­chen­den Maß­nah­me nicht recht­fer­ti­gen kann 4. Dies gilt nach der Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richt Cel­le auch, soweit beim gene­rel­len Ver­sa­gen von Locke­run­gen nicht nach ein­zel­nen Locke­rungs­maß­nah­men dif­fe­ren­ziert wird und allein des­halb nicht zu erken­nen ist, war­um gera­de bei beglei­te­ten Aus­füh­run­gen ein Risi­ko bzw. eine Miss­brauchs­ge­fahr nicht mit ver­tret­ba­rem Auf­wand aus­zu­räu­men ist 5. Hier­mit set­zen sich weder der Bescheid der Antrags­geg­ne­rin noch die Ent­schei­dung der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer aus­ein­an­der. Dies gilt umso mehr, als jene Ent­schei­dun­gen auch nicht erken­nen las­sen, ob der Antrag­stel­ler außer den – nach­ge­scho­ben – geschil­der­ten ver­ba­len Auf­fäl­lig­kei­ten seit Abset­zen der Medi­ka­ti­on jemals in tat­säch­li­cher Wei­se aggres­siv in Erschei­nung getre­ten ist, und ob dies eine abwei­chen­de Wer­tung recht­fer­ti­gen könn­te.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 15. August 2013 – 1 Ws 251/​13 (MVollz)

  1. vgl. zur ver­gleich­ba­ren Rege­lung des § 17 MVoll­zG Schles­wig-Hol­stein: OLG Schles­wig vom 09.04.2008, RuP 2009, 108
  2. vgl. hier­zu nur OLG Cel­le, StV 2000, 571
  3. OLG Cel­le, a.a.O.
  4. BVerfG vom 20.06.2012, NStZ-RR 2012, 378, für das Ver­sa­gen selbst von Aus­füh­run­gen im Maß­re­gel­voll­zug
  5. OLG Cel­le, StV 2012, 681; sowie Beschluss vom 28.02.2013 – 1 Ws 563/​10 StrVollz