Wie­der­erken­nen durch Tat­zeu­gen – und die Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen an das Straf­ur­teil

Beson­de­re Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen bestehen in schwie­ri­gen Beweis­la­gen, zu denen auch Kon­stel­la­tio­nen zäh­len, in denen der Tat­nach­weis im Wesent­li­chen auf einem Wie­der­erken­nen des Ange­klag­ten durch einen Tat­zeu­gen beruht.

Wie­der­erken­nen durch Tat­zeu­gen – und die Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen an das Straf­ur­teil

Auf­grund der Kom­ple­xi­tät und Feh­ler­träch­tig­keit bei der Über­füh­rung eines Ange­klag­ten auf­grund der Aus­sa­ge und des Wie­der­erken­nens einer ein­zel­nen Beweis­per­son ist der Tatrich­ter grund­sätz­lich ver­pflich­tet, die Bekun­dun­gen des Zeu­gen wie­der­zu­ge­ben, auf denen des­sen Wer­tung beruht, dass er den Ange­klag­ten als den Täter wie­der­erken­ne.

Der Tatrich­ter ist aus sach­lich­recht­li­chen Grün­den regel­mä­ßig ver­pflich­tet, die Anga­ben des Zeu­gen zur Täter­be­schrei­bung zumin­dest in gedräng­ter Form wie­der­zu­ge­ben und die­se Täter­be­schrei­bung des Zeu­gen zum Äuße­ren und zum Erschei­nungs­bild des Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung in Bezie­hung zu set­zen 1.

Dar­über hin­aus sind in den Urteils­grün­den auch die­je­ni­gen Gesichts­punk­te dar­zu­le­gen, auf denen die Fol­ge­rung des Tatrich­ters beruht, dass inso­weit tat­säch­lich Über­ein­stim­mung besteht 2.

Dar­über hin­aus ist der Tatrich­ter zur Wie­der­ga­be der Umstän­de ver­pflich­tet, die zur Iden­ti­fi­zie­rung des Ange­klag­ten durch den Zeu­gen geführt haben. Hier­zu gehö­ren auch Aus­füh­run­gen dazu, ob das – ers­te – Wie­der­erken­nen auf einer Ein­zel­licht­bild­vor­la­ge oder einer Wahl­licht­bild­vor­la­ge beruht; wegen der damit ver­bun­de­nen erheb­li­chen sug­ges­ti­ven Wir­kung kommt dem Wie­der­erken­nen auf­grund einer Ein­zel­licht­bild­vor­la­ge ein deut­lich gerin­ge­rer Beweis­wert zu 3. Bei einer – erneu­ten – Iden­ti­fi­zie­rung des Ange­klag­ten durch den Zeu­gen in einer Haupt­ver­hand­lung ist außer­dem zu beach­ten, dass inso­weit eine ver­stärk­te Sug­ges­ti­bi­li­tät der Iden­ti­fi­zie­rungs­si­tua­ti­on besteht 4.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof beur­teil­ten Fall bedeu­te­te dies:

Das Land­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung von der Täter­schaft des Ange­klag­ten maß­geb­lich auf die Anga­ben der Zeu­gin A. gestützt. Die in- soweit in den Urteils­grün­den nie­der­ge­leg­ten Beweis­er­wä­gun­gen sind jedoch lücken­haft. Sie sind im Wesent­li­chen auf die Mit­tei­lung beschränkt, dass die Zeu­gin den Ange­klag­ten "in der Haupt­ver­hand­lung […] sicher wie­der­erkannt" habe. Dies genügt den inso­weit bestehen­den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen nicht.

Den Urteils­grün­den kann schon nicht ent­nom­men wer­den, auf­grund wel­cher kon­kre­ten äuße­ren Merk­ma­le die Zeu­gin A. den Ange­klag­ten als einen der drei Täter wie­der­erkannt hat.

Dar­über hin­aus feh­len Erör­te­run­gen dazu, ob die kon­kre­te Wahr­neh­mungs­si­tua­ti­on ein Wie­der­erken­nen des Ange­klag­ten durch die Opfer-Zeu­gin über­haupt ermög­lich­te. Aus­weis­lich der Fest­stel­lun­gen lag die Zeu­gin A. zum Tat­zeit­punkt im Bett und schlief. Sie wur­de wach und schreck­te hoch, nach­dem einer der Täter die Türe zu ihrem Schlaf­zim­mer geöff­net hat­te. Nach­dem die drei Täter kur­ze Zeit spä­ter in das Schlaf­zim­mer gestürmt waren, wur­de die Zeu­gin von einem der männ­li­chen Täter mit einem Stock bedroht und von der Mit­tä­te­rin "durch Bli­cke in Schach" gehal­ten. Den drit­ten Täter, der wäh­rend des Tat­ge­sche­hens zwei­mal das Schlaf­zim­mer ver­ließ und bei dem es sich aus­weis­lich der Anga­ben der Zeu­gin um den Ange­klag­ten gehan­delt haben soll, hat die Zeu­gin (nur) von der Sei­te gese­hen. Dar­über hin­aus hat­te die­ser Täter "den unte­ren Teil sei­nes Gesichts" zeit­wei­se mit sei­nem Pull­over bedeckt. Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te es nähe­rer Erör­te­run­gen bedurft, ob die kon­kre­te Beob­ach­tungs­si­tua­ti­on und die Ver­fas­sung der Zeu­gin im Tat­zeit­punkt eine ver­läss­li­che Iden­ti­fi­zie­rung des drit­ten Täters über­haupt ermög­lich­te.

Dar­über hin­aus hat die Straf­kam­mer sich nicht – wie gebo­ten – kri­tisch mit dem Umstand aus­ein­an­der gesetzt, dass die Zeu­gin A. den Ange- klag­ten eini­ge Stun­den nach der Tat auf einem in einer Zei­tung Zei­tung ("G. ") ver­öf­fent­lich­ten Bild wie­der­erkannt hat. Zwar ist in den Urteils­grün­den dar­ge­legt, dass die Zeu­gin "bemüht" gewe­sen sei, "deut­lich zu machen, dass die im 'G. ' ver­öf­fent­lich­ten Fahn­dungs­fo­tos […] kei­ne Sug­ges­tiv­wir­kung auf sie aus­ge­übt hat­ten, son­dern es sich um ein 'ech­tes Wie­der­erken­nen' gehan­delt habe". Unge­ach­tet des Umstands, dass die dies­be­züg­li­chen Bekun­dun­gen der Zeu­gin in den Urteils­grün­den nicht wie­der­ge­ge­ben wer­den, ver­kennt die Straf­kam­mer, dass es sich bei der in Rede ste­hen­den Sug­ges­tiv­wir­kung um einen Erfah­rungs­satz han­delt, der nicht durch etwai­ge dies in Abre­de stel­len­de Bekun­dun­gen eines Zeu­gen wider­legt wer­den kann. Der Ablauf der Iden­ti­fi­zie­rung eröff­ne­te die nahe lie­gen­de Mög­lich­keit, dass die ori­gi­nä­re Erin­ne­rung der Zeu­gin an den Täter durch das ein­zel­ne, in einer Zei­tung ver­öf­fent­lich­te Foto des Ange­klag­ten "über­schrie­ben" wor­den sein kann 5. Dies gilt in beson­de­rem Maße, wenn auf einem ande­ren der vier Bil­der, die der Zeu­gin unmit­tel­bar nach der Tat gezeigt wor­den sind, die geson­dert ver­folg­te Mit­tä­te­rin V. M. abge­bil­det sein soll­te, wel­che die Zeu­gin dem Gesamt­zu­sam­men­hang der Urteils­grün­de nach siche­rer wie­der­erkannt hat­te als den Ange­klag­ten. Mit die­sen Gesichts­punk­ten hät­te sich die Straf­kam­mer im Rah­men ihrer Beweis­wür­di­gung kri­tisch aus­ein­an­der set­zen müs­sen.

Schließ­lich hat die Straf­kam­mer nicht erkenn­bar bedacht, dass dem – wie­der­hol­ten – Wie­der­erken­nen des Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung durch die Opfer­zeu­gin ein allen­falls gerin­ger Beweis­wert zukam.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­moch­te ein Beru­hen des Urteils auf die­sen Rechts­feh­lern trotz der auf den Ange­klag­ten als Mit­tä­ter hin­wei­sen­den Umstän­de nicht aus­zu­schlie­ßen. Die Sache bedurf­te daher neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2016 – 2 StR 472/​16

  1. BGH, Beschluss vom 17.02.2016 – 4 StR 412/​15, Stra­Fo 2016, 154, 155[]
  2. BGH, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.03.2016 – 4 StR 102/​16, NStZ-RR 2016, 223; Beschluss vom 13.02.2003 – 3 StR 430/​02, NStZ 2003, 493, 494; Beschluss vom 25.09.2012 – 5 StR 372/​12, NStZ-RR 2012, 381, 382: "äußerst gerin­ger Beweis­wert"; vgl. dazu Eisen­berg, Beweis­recht der StPO, 9. Aufl., Rn. 1402c[]
  4. BGH, aaO, NStZ-RR 2012, 381, 382[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 19.03.2013 – 5 StR 79/​13, NStZ 2013, 725[]