Bei­trags­vor­ent­hal­tung trotz Aus­lands­be­schei­ni­gung

Ein Arbeit­ge­ber kann sich auch dann wegen Nicht­ab­füh­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen straf­bar machen, wenn ihm eine auf­grund eines bila­te­ra­len Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens aus­ge­stell­te Beschei­ni­gung eines Nicht-EU-Staats vor­liegt, wonach eine Ver­si­che­rungs­pflicht in die­sem Staat und nicht in Deutsch­land besteht. Damit weicht der BGH bei sol­chen Beschei­ni­gun­gen von sei­ner Recht­spre­chung zu ver­gleich­ba­ren E101-Beschei­ni­gun­gen aus ande­ren EU-Län­dern ab, die eine sol­che Straf­bar­keit in Deutsch­land aus­schlie­ßen. Für die Fra­ge der Straf­bar­keit in Deutsch­land ist damit ent­schei­dend, ob es sich um eine E101-Beschei­ni­gung aus einem EU-Mit­glieds­staat han­delt oder eine Beschei­ni­gung, die in einem ande­ren Staat auf­grund eines mit Deutsch­land geschlos­se­nen Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens aus­ge­stellt wur­de.

Bei­trags­vor­ent­hal­tung trotz Aus­lands­be­schei­ni­gung

Mit Urtei­len vom 4. Dezem­ber und 20. Dezem­ber 2006 hat das Land­ge­richt Lands­hut drei Ange­klag­te unter ande­rem von Vor­wür­fen des Vor­ent­hal­tens und Ver­un­treu­ens von Arbeits­ent­gelt (§ 266a StGB) von ins­ge­samt 358.327,12 € bzw. 537.343,71 € frei­ge­spro­chen. Nach den Urteils­fest­stel­lun­gen waren die Ange­klag­ten Geschäfts­füh­rer oder Bevoll­mäch­tig­te von unselb­stän­di­gen Zweig­nie­der­las­sun­gen unga­ri­scher Unter­neh­men in Deutsch­land. Die­se Unter­neh­men war­ben in Ungarn Arbeit­neh­mer für Arbeits­leis­tun­gen in Betrie­ben ihrer Werk­ver­trags­part­ner in Deutsch­land an und setz­ten sie dort ein. Eine Wei­ter­be­schäf­ti­gung der Arbeit­neh­mer nach der Been­di­gung der Tätig­keit im Bun­des­ge­biet erfolg­te nicht. In Ungarn exis­tier­ten "kei­ne Pro­duk­ti­ons­stät­ten", son­dern ledig­lich Räum­lich­kei­ten, in denen nur inter­ne Ver­wal­tungs­tä­tig­kei­ten für die Unter­neh­men aus­ge­übt wur­den. In Deutsch­land wur­den kei­ne Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge für die Arbeit­neh­mer abge­führt. Die Ange­klag­ten nah­men für die­se den sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Aus­nah­me­tat­be­stand der Ent­sen­dung nach dem Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Repu­blik Ungarn vom 2. Mai 1998 in Anspruch, das bis zum Bei­tritt Ungarns zur Euro­päi­schen Uni­on am 1. Mai 2004 galt. Sämt­li­che von den Ange­klag­ten in Deutsch­land ein­ge­setz­ten Arbeit­neh­mer ver­füg­ten wäh­rend ihrer Tätig­keit über gül­ti­ge D/H101-Beschei­ni­gun­gen, die Art. 4 der Durch­füh­rungs­ver­ein­ba­rung zu dem Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men vor­sah und denen zufol­ge die Arbeit­neh­mer nach Art. 7 des Abkom­mens aus­schließ­lich dem unga­ri­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht unter­fie­len. Ob für die Arbeit­neh­mer in Ungarn Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ent­rich­tet wur­den, hat das Land­ge­richt nicht fest­ge­stellt.

Die Wirt­schafts­straf­kam­mer hat die Ange­klag­ten aus recht­li­chen Grün­den frei­ge­spro­chen, weil sie sich dar­an gehin­dert gese­hen hat, die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht nach deut­schem Recht zu beur­tei­len. Sie hat sich inso­weit an den Inhalt der D/H101-Beschei­ni­gun­gen gebun­den gese­hen. Dies haben die Revi­sio­nen der Staats­an­walt­schaft erfolg­reich bean­stan­det.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich erst­mals mit der Fra­ge der Bin­dungs­wir­kung sol­cher auf­grund bila­te­ra­ler Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men aus­ge­stell­ter Beschei­ni­gun­gen befasst, die die Sozi­al­ver­si­che­rungs­pflicht im Aus­land bestä­ti­gen. Der 1. Straf­se­nat hat ent­schie­den, dass die­se Beschei­ni­gun­gen – anders als die inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on ver­wen­de­ten, nahe­zu inhalts­glei­chen E101-Beschei­ni­gun­gen – für die Straf­ge­rich­te nicht in glei­cher Wei­se bin­dend sind (hier­zu BGHSt 51, 124). Inso­weit für maß­ge­bend erach­tet er die unter­schied­li­che Rechts­na­tur von her­kömm­li­chen inter­na­tio­na­len völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen im Ver­gleich zum ein­heit­li­chen Rechts­raum, wie er für die Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten kenn­zeich­nend ist. Der 1. Straf­se­nat brauch­te nicht zu ent­schei­den, ob Beschei­ni­gun­gen auf­grund bila­te­ra­ler Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men eine beschränk­te Bin­dungs­wir­kung zukom­men kann; denn eine sol­che Bin­dungs­wir­kung fän­de jeden­falls ihre Gren­ze dort, wo die Beschei­ni­gun­gen wie in den zugrun­de lie­gen­den Fäl­len gemes­sen am Wort­laut des Abkom­mens (Art. 7) inhalt­lich offen­sicht­lich unzu­tref­fend sind. Daher hat der 1. Straf­se­nat bei­de frei­spre­chen­den Urtei­le auf­ge­ho­ben und die Sachen an das Land­ge­richt Lands­hut zurück­ver­wie­sen.

Urtei­le vom 24. Okto­ber 2007 – 1 StR 160/​07 und 1 StR 189/​07