Abschie­bungs­haft und Abschie­bungs­pro­gno­se

Auch wenn der Haft­rich­ter Abschie­bungs­haft für einen Zeit­raum von weni­ger als drei Mona­ten anord­net, muss er eine Pro­gno­se (gemäß § 57 Abs. 3 i.V.m. § 62 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG) dar­über tref­fen, ob die Abschie­bung bei rea­lis­ti­scher Betrach­tung inner­halb die­ser Zeit erfol­gen kann.

Abschie­bungs­haft und Abschie­bungs­pro­gno­se

Die Haft­ge­rich­te sind auf Grund von Art. 20 Abs. 3 GG ver­fas­sungs­recht­lich und auf Grund von § 26 FamFG ein­fach­recht­lich ver­pflich­tet, das Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung der Siche­rungs­haft in recht­li­cher und tat­säch­li­cher Hin­sicht umfas­send zu prü­fen. Ins­be­son­de­re die für die Anwen­dung des § 62 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG not­wen­di­ge Pro­gno­se hat der Haft­rich­ter auf der Grund­la­ge einer hin­rei­chend voll­stän­di­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge zu tref­fen. Die Frei­heits­ge­währ­leis­tung des Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG setzt auch inso­weit Maß­stä­be für die Auf­klä­rung des Sach­ver­halts und damit für die Anfor­de­run­gen in Bezug auf die tat­säch­li­che Grund­la­ge der rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen. Es ist unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens, dass Ent­schei­dun­gen, die den Ent­zug der per­sön­li­chen Frei­heit betref­fen, auf zurei­chen­der rich­ter­li­cher Sach­auf­klä­rung beru­hen und eine in tat­säch­li­cher Hin­sicht genü­gen­de Grund­la­ge haben, die der Bedeu­tung der Frei­heits­ga­ran­tie ent­spricht 1.

Auch wenn der Haft­rich­ter eine Haft­dau­er von weni­ger als drei Mona­ten anord­net, muss er eine Pro­gno­se dar­über tref­fen, ob die Abschie­bung bei rea­lis­ti­scher Betrach­tung inner­halb die­ser Zeit erfol­gen kann. Das ergibt sich schon dar­aus, dass § 62 Abs. 2 Satz 4 Auf­en­thG eine Aus­prä­gung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ist 2. Die Pro­gno­se muss sich grund­sätz­lich auf alle im kon­kre­ten Fall ernst­haft in Betracht kom­men­den Grün­de erstre­cken, die der Zurück­schie­bung ent­ge­gen­ste­hen oder sie ver­zö­gern kön­nen 3. Zu der Fest­stel­lung, ob die Zurück­schie­bung inner­halb der ange­ord­ne­ten Haft­dau­er mög­lich ist, sind kon­kre­te Anga­ben zum Ablauf des Ver­fah­rens und eine Dar­stel­lung erfor­der­lich, in wel­chem Zeit­raum die ein­zel­nen Schrit­te unter nor­ma­len Bedin­gun­gen durch­lau­fen wer­den kön­nen. Soweit die Aus­län­der­be­hör­de kei­ne kon­kre­ten Tat­sa­chen hier­zu mit­teilt, obliegt es gemäß § 26 FamFG dem Gericht nach­zu­fra­gen 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Mai 2011 – V ZB 265/​10

  1. BVerfG, NJW 2009, 2659, 2660; BGH, Beschluss vom 04.03.2010 – V ZB 222/​09, BGHZ 184, 323, 329 f. Rn. 14; Beschluss vom 20.01.2011 – V ZB 226/​10, Rn. 15[]
  2. vgl. BVerfG, NJW 2009, 2659[]
  3. BGH, Beschluss vom 22.07.2010 – V ZB 29/​10, InfAuslR 2011, 27 Rn. 22; Beschluss vom 18.08.2010 – V ZB 119/​10[]
  4. BGH, Beschluss vom 06.05.2010 – V ZB 193/​09, InfAuslR 2010, 361, 363; Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 89/​10, Rn. 8; Beschluss vom 18.08.2010 – V ZB 119/​10, Rn. 22 aaO[]