Abschie­bungs­haft – und die Begrün­dung des Haft­an­trags zur not­wen­di­gen Haft­dau­er

Die Anord­nung der Haft durch das Amts­ge­richt und deren Auf­recht­erhal­tung durch das Beschwer­de­ge­richt ver­letz­ten den Betrof­fe­nen bereits dann in sei­nen Rech­ten, wenn es an einem zuläs­si­gen Haft­an­trag fehl­te und die­ser Man­gel wäh­rend des Ver­fah­rens nicht beho­ben wird.

Abschie­bungs­haft – und die Begrün­dung des Haft­an­trags zur not­wen­di­gen Haft­dau­er

Das Vor­lie­gen eines zuläs­si­gen Haft­an­trags ist eine in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen­de Ver­fah­rens­vor­aus­set­zung. Zuläs­sig ist der Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nur, wenn er den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung ent­spricht. Erfor­der­lich sind Dar­le­gun­gen zu der zwei­fels­frei­en Aus­rei­se­pflicht, zu den Abschie­bungs­vor­aus­set­zun­gen, zu der Erfor­der­lich­keit der Haft, zu der Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung und zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 3 bis 5 FamFG). Zwar dür­fen die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein, sie müs­sen aber die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Falls wesent­li­chen Punk­te anspre­chen. Fehlt es dar­an, darf die bean­trag­te Siche­rungs­haft nicht ange­ord­net wer­den [1].

Die­sen Anfor­de­run­gen genügt ein Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de nicht, der kei­ne aus­rei­chen­den Anga­ben zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er ent­hält. Der Hin­weis auf eine Mit­tei­lung der Zen­tra­len Rück­füh­rungs­stel­le der Regie­rung von Ober­bay­ern, wonach eine Passersatz­pa­pier­be­schaf­fung für Peru inner­halb von drei Mona­ten mög­lich sei und der Betrof­fe­ne einen ent­spre­chen­den Antrag bereits aus­ge­füllt habe, ist unzu­rei­chend. Sie lässt ins­be­son­de­re unbe­rück­sich­tigt, dass die Haft auf die kür­zest mög­li­che Dau­er zu beschrän­ken ist und die Frist von drei Mona­ten die obe­re Gren­ze der mög­li­chen Haft und nicht deren Nor­maldau­er bestimmt (§ 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG; näher BGH, Beschluss vom 10.05.2012 – V ZB 246/​11, FGPrax 2012, 225 Rn. 10; vgl. auch Beschluss vom 10.10.2013 – V ZB 67/​13 9).

Män­gel in der Antrags­be­grün­dung wegen feh­len­der Anga­be zu der not­wen­di­gen Haft­dau­er (§ 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 4 FamFG) füh­ren zur Rechts­wid­rig­keit der auf Grund eines sol­chen Antra­ges erlas­se­nen Haft­an­ord­nung [2]. Sie kön­nen aller­dings in dem gericht­li­chen Ver­fah­ren mit Wir­kung für die Zukunft geheilt wer­den. Die Behe­bung des Man­gels kann dadurch erfol­gen, dass die Behör­de von sich aus oder auf rich­ter­li­chen Hin­weis ihre Dar­le­gung ergänzt, dadurch die Lücken des Haft­an­trags schließt und der Betrof­fe­ne dazu Stel­lung neh­men kann. Der Man­gel kann aber auch dadurch beho­ben wer­den, dass das Gericht das Vor­lie­gen der an sich sei­tens der Behör­de nach § 417 Abs. 2 FamFG vor­zu­tra­gen­den Tat­sa­chen auf­grund eige­ner Ermitt­lun­gen von Amts wegen (§ 26 FamFG) in dem Beschluss fest­stellt [3].

Eine sol­che Hei­lung des Man­gels ist in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht ein­ge­tre­ten. Das Beschwer­de­ge­richt hat zwar die Fest­stel­lun­gen getrof­fen, dass inzwi­schen ein Pass für den Betrof­fe­nen aus­ge­stellt wor­den sei und der Heim­flug vor­aus­sicht­lich in der sieb­ten oder ach­ten Kalen­der­wo­che, also spä­tes­tens bis zum 23.02.2014, statt­fin­den wer­de. Zwin­gen­de wei­te­re Vor­aus­set­zung für eine recht­mä­ßi­ge Haft­an­ord­nung ist in einem sol­chen Fall aber, dass der Betrof­fe­ne zu den ergän­zen­den Anga­ben per­sön­lich ange­hört wird. Ande­ren­falls ist – weil der Betrof­fe­ne zuvor (man­gels zuläs­si­gen Haft­an­trags) kei­ne Gele­gen­heit hat­te, zu den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen der gegen ihn ver­häng­ten Frei­heits­ent­zie­hung Stel­lung zu neh­men – die nach Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG zu beach­ten­de Ver­fah­rens­vor­schrift des § 420 Abs. 1 Satz 1 FamFG nicht gewahrt [4]. Eine Anhö­rung des Betrof­fe­nen in der Beschwer­de­instanz hat im hier ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht statt­ge­fun­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Febru­ar 2016 – V ZB 24/​14

  1. st. Rspr.: BGH, Beschlüs­se vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 6 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, InfAuslR 2014, 384 Rn. 18 ff.[]
  3. BGH, Beschluss vom 16.07.2014 – V ZB 80/​13, aaO, Rn. 21 ff.[]
  4. BGH, Beschluss vom 27.10.2011 – V ZB 284/​10 9; Beschluss vom 18.12 2014 – V ZB 192/​13 9; Beschluss vom 29.10.2015 – V ZB 67/​15 6[]