Anhö­rungs­rü­ge – und die Rich­terab­leh­nung

Im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren kann eine Rich­terab­leh­nung erst erfol­gen, wenn die Anhö­rungs­rü­ge Erfolg hat und das Ver­fah­ren inso­weit gemäß § 152 Abs. 5 Satz 2 VwGO in die frü­he­re Lage zurück­ver­setzt wird.

Anhö­rungs­rü­ge – und die Rich­terab­leh­nung

Im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren kann eine Rich­terab­leh­nung erst erfol­gen, wenn die Anhö­rungs­rü­ge Erfolg hat und das Ver­fah­ren inso­weit gemäß § 152a Abs. 5 Satz 2 VwGO in die frü­he­re Lage zurück­ver­setzt wird. Zwar gel­ten die Vor­schrif­ten der § 54 Abs. 1 VwGO, §§ ff. 42 ZPO über die Behand­lung von Ableh­nungs­ge­su­chen grund­sätz­lich für alle Ver­fah­rens­ab­schnit­te, in denen eine Aus­übung des Rich­ter­amts in Betracht kommt. Letz­ter Zeit­punkt für die Gel­tend­ma­chung von Ableh­nungs­grün­den ist dabei grund­sätz­lich der voll­stän­di­ge Abschluss der Instanz [1]. Der Grund­satz, dass Ableh­nungs­ge­su­che in allen Ver­fah­rens­ab­schnit­ten gestellt wer­den kön­nen, gilt jedoch nicht für im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren (erst­mals) gestell­te Ableh­nungs­ge­su­che [2].

Ein Ableh­nungs­ge­such ist unzu­läs­sig, wenn der Rechts­streit durch unan­fecht­ba­ren Beschluss erle­digt ist. Die abschlie­ßen­de Erle­di­gung des Rechts­streits durch eine unan­fecht­ba­re Ent­schei­dung ist die äußers­te Zeit­schran­ke für die Ableh­nung eines Rich­ters. Nach Ein­tritt der Rechts­kraft kann die Besorg­nis der Befan­gen­heit nur mit der Nich­tig­keits­kla­ge und nur unter den ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen des § 579 Abs. 1 Nr. 3 ZPO, hier i.V.m. § 153 VwGO gel­tend gemacht wer­den, näm­lich dann wenn das Ableh­nungs­ge­such bereits vor Erlass für begrün­det erklärt wor­den war [3]. Dass das Ableh­nungs­recht jeden­falls mit Erlass der Ent­schei­dung erlischt, ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den [4].

Daher ist ein im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren gestell­tes Ableh­nungs­ge­such, das einer unan­fecht­ba­ren, das Ver­fah­ren rechts­kräf­tig abschlie­ßen­den Ent­schei­dung nach­folgt, unzu­läs­sig. Die Anhö­rungs­rü­ge hemmt den Ein­tritt der for­mel­len Rechts­kraft nicht [5]. Denn die Anhö­rungs­rü­ge ist bewusst als außer­or­dent­li­cher Rechts­be­helf aus­ge­stal­tet [6]. Die for­mel­le Rechts­kraft des Aus­gangs­be­schlus­ses steht daher der Zuläs­sig­keit des Ableh­nungs­ge­suchs im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren ent­ge­gen. Erst wenn die Anhö­rungs­rü­ge Erfolg hat und das Ver­fah­ren inso­weit gemäß § 152a Abs. 5 Satz 2 VwGO in die frü­he­re Lage zurück­ver­setzt wird und daher eine rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung nicht mehr ent­ge­gen­steht, kommt eine Rich­terab­leh­nung in Betracht [7].

Der Umstand, dass im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren ein Ableh­nungs­ge­such erst mit Ein­tritt der Rechts­fol­ge des § 152a Abs. 5 Satz 2 VwGO mög­lich ist, folgt nicht allein aus dem for­mal erschei­nen­den Gesichts­punkt der Rechts­kraft, son­dern auch aus dem Zweck des Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­rens. Die­ses dient, wie sich bereits aus der Geset­zes­be­grün­dung in Anknüp­fung an die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [8] ergibt, der Mög­lich­keit der Selbst­kor­rek­tur bei unan­fecht­ba­ren Ent­schei­dun­gen im Fall der Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör und dadurch der Ent­las­tung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [9]. Über die Anhö­rungs­rü­ge soll nach der gesetz­li­chen Kon­zep­ti­on gera­de das für die Aus­gangs­ent­schei­dung zustän­di­ge Gericht ent­schei­den [10], und zwar nur zu dem Zweck einer mög­li­chen Selbst­kor­rek­tur im Hin­blick auf Art. 103 Abs. 1 GG. Eine fach­ge­richt­li­che Ent­schei­dung, eine Anhö­rungs­rü­ge zurück­zu­wei­sen, schafft daher ver­fas­sungs­recht­lich im Ver­hält­nis zur mit der Anhö­rungs­rü­ge ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung kei­ne eigen­stän­di­ge Beschwer. Dies gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auch für die Rüge, einem im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren gestell­ten Ableh­nungs­ge­such sei statt­zu­ge­ben gewe­sen. Selbst wenn man – so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – ein Ableh­nungs­recht im Gehörsrü­ge­ver­fah­ren aner­kann­te, führ­te eine unbe­rech­tig­te Zurück­wei­sung allen­falls dazu, dass die Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge nicht vom gesetz­li­chen Rich­ter erlas­sen wäre. Auch dies hät­te ledig­lich zur Fol­ge, dass die durch die Aus­gangs­ent­schei­dung ein­ge­tre­te­ne Gehörsver­let­zung unkor­ri­giert blie­be, weil nach der Wer­tung des Grund­ge­set­zes rich­ter­li­che Ent­schei­dun­gen aus­nahms­los vom gesetz­li­chen Rich­ter zu tref­fen sind (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) und des­halb nur die­ser zur Ent­schei­dung über die Anhö­rungs­rü­ge beru­fen ist [11]. Aus die­sem Zweck des Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­rens folgt die Unzu­läs­sig­keit von mit der Anhö­rungs­rü­ge gestell­ten Ableh­nungs­ge­su­chen, wenn die Anhö­rungs­rü­ge unzu­läs­sig oder unbe­grün­det ist und daher die Rechts­fol­ge des § 152a Abs. 5 Satz 2 VwGO – oder ver­gleich­ba­rer Vor­schrif­ten in ande­ren Ver­fah­rens­ord­nun­gen – nicht ein­tritt. Der Grund­satz, dass ein Ableh­nungs­ge­such nur so lan­ge statt­haft vor­ge­bracht wer­den kann, bis die Ent­schei­dung ergan­gen und die Instanz rechts­kräf­tig abge­schlos­sen ist, gilt näm­lich auch dann, wenn die Ableh­nung mit einer Anhö­rungs­rü­ge ver­bun­den wird, die sich des­we­gen als unbe­grün­det erweist, weil die gerüg­te Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG nicht vor­liegt, so dass inso­weit nicht mehr in eine erneu­te Sach­prü­fung ein­zu­tre­ten ist. Denn der Rechts­be­helf dient nicht dazu, einem unzu­läs­si­gen Ableh­nungs­ge­such durch die unzu­tref­fen­de Behaup­tung einer Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG doch noch Gel­tung zu ver­schaf­fen [12].

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden ‑Würt­tem­berg, Beschluss vom 8. Juni 2016 – 1 S 783/​16

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.07.2007 – 4 B 38/​06 – NJW-RR 2007, 1653; BVerfG, Kam­mer­be­schl. v. 28.04.2011 – 1 BvR 2411/​10 – NJW 2011, 21[]
  2. eben­so Rudi­si­le, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, § 152a Rn. 28 ; Stuhl­fauth, in: Bader u.a., VwGO, 6. Aufl., § 152a Rn. 11; Kauf­mann, in: Posser/​Wolff, VwGO, 2008, § 152a Rn. 15; Geri­cke, in: Karls­ru­her Kom­men­tar zur StPO, 7. Aufl., § 356a Rn. 7, m.w.N.; BGH, Beschluss vom 24.01.2012 – 4 StR 469/​11 8 ff.; OLG Nürn­berg, Beschluss vom 18.10.2006 – 2 St OLG Ss 170/​06 9, m.w.N.; a.A. Voll­kom­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 31. Aufl., § 321a Rn. 4, § 42 Rn. 4; Guckel­ber­ger, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 4. Aufl., § 152a Rn. 38; Kopp/​Schenke, VwGO, 20. Aufl.2014, § 152a Rn. 10; offen­ge­las­sen von BVerwG, Beschluss vom 28.05.2009 – 5 PKH 6/​09, NVwZ-RR 2009, 662[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 04.03.1999 – III ZR 72/​98 – BGHZ 141, 90; Beschluss vom 25.09.2014 – V ZR 8/​10 []
  4. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schl. v. 02.05.2007 – 2 BvR 2655/​06 12 ff., mit zahl­rei­chen Nach­wei­sen, auch aus der Ver­fas­sungs­recht­spre­chung[]
  5. vgl. Reichold, in: Thomas/​Putzo, ZPO, 36. Aufl., § 321a Rn. 16; Guckel­ber­ger, a.a.O., Rn. 4; Kopp/​Schenke, a.a.O., Rn. 4; BT-Drs. 15/​3706, S. 14[]
  6. vgl. BT-Drs. 15/​3706, S. 22 und 15/​3966, S. 8[]
  7. so zutr. Kauf­mann und Rudi­si­le, je a.a.O.; eben­so BGH, Beschluss vom 24.01.2012, a.a.O. und OLG Nürn­berg, a.a.O., für die StPO: Ableh­nungs­ge­such unzu­läs­sig, wenn der behaup­te­te Gehörsver­stoß nicht vor­liegt; eben­so für die ZPO bei unzu­läs­si­ger Anhö­rungs­rü­ge: BGH, Beschluss vom 25.09.2014, a.a.O.[]
  8. BVerfG, Ple­nums­be­schl. v. 30.04.2003 – 1 PBvU 1/​02, BVerfGE 107, 395[]
  9. ganz h. M., vgl. nur Guckel­ber­ger, a.a.O., § 152a Rn. 4, m.w.N.; Reichold, a.a.O., § 321a Rn. 1[]
  10. vgl. BVerwG, a.a.O.[]
  11. vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schl. v.20.06.2007 – 2 BvR 746/​07 2ff.[]
  12. so BGH, Beschluss vom 24.01.2012, a.a.O.[]